Segensreiche, dystopische KI und andere Menschheitsfragen
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Susskind beschreibt in seinem Buch, wie die Menschheit mit KI umgehen kann. © greenbutterfly / Adobe Stock -
Susskind beschreibt in seinem Buch, wie die Menschheit mit KI umgehen kann. © Oxford University Press
Zitiervorschlag
Johann-Friedrich Fleisch: Segensreiche, dystopische KI und andere Menschheitsfragen . beck-aktuell, 30.04.2026 (abgerufen am: 30.04.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/197271)
In seinem aktuellen Buch geht Richard Susskind über Prognosen für den Rechtsmarkt weit hinaus. Für das Szenario, dass die KI menschliche Fähigkeiten erreicht, müssten sich auch Rechtssysteme fundamental wandeln. Johann-Friedrich Fleisch berichtet, dass das für den Autor nur das Minimal-Szenario ist.
Künstliche Intelligenz (KI) bietet der Menschheit bahnbrechende neue Möglichkeiten. Gleichzeitig birgt die KI nie gekannte Gefahren. Die entscheidende Aufgabe unserer Tage ist es, der Menschheit die segensreichen Möglichkeiten der KI zu erschließen – und sie gleichzeitig vor ihren dystopischen Bedrohungen zu schützen.
Diese These vertritt der britische Rechtswissenschaftler Richard Susskind, Präsident der "Society for Computers and Law". Susskind forscht und publiziert seit den 1980-er Jahren zum Themenkomplex "Recht und künstliche Intelligenz". Der internationalen Fachöffentlichkeit bekannt wurde er spätestens mit seinem 2013 erstmals erschienenen Werk "Tomorrow’s Lawyers: An Introduction to Your Future", das 2023 mittlerweile in 3. Auflage verlegt wird.
Vor etwa einem Jahr hat Susskind ein neues Buch zum Thema KI vorgelegt: "How To Think About AI. A Guide For The Perplexed". Und nun geht der britische Jurist über den Rahmen der Rechtsbranche hinaus: Neue Menschheitsfragen werfe die KI auf. Sein Buch hat den Anspruch, eine erste Anleitung zu liefern, wie man sich diesen Fragen nähern könnte. Dabei dürfte das Instrument des Rechts eine zentrale Rolle spielen.
KI mit menschlichen Fähigkeiten – mindestens?
Susskind betont, auf eine Darstellung technischer Details bewusst zu verzichten. Es gehe ihm weniger um die Technologie der Vergangenheit oder der Gegenwart. Sein Fokus sei vielmehr die Entwicklungsrichtung für die Zukunft. Die Fähigkeiten digitaler Systeme würden mit rasanter Geschwindigkeit in immer neue Dimensionen vorstoßen. Daher seien die wirkmächtigsten Technologien noch gar nicht entwickelt. Dennoch müsse man sich dringend mit möglichen Folgen beschäftigen.
Susskind stellt verschiedene mögliche Entwicklungsverläufe für die künstliche Intelligenz vor. Denkbar sei unter anderem, dass die Systeme in absehbarer Zeit das Niveau der menschlichen kognitiven Fähigkeiten umfassend erreichen würden ("[Artificial General Intelligence] Hypothesis") oder dass sie die menschlichen Fähigkeiten um ein Vielfaches überträfen ("Superintelligence Hypothesis"). Denkbar sei aber auch, dass Menschen durch technologische Gehirnveränderung ihr eigenes Denkvermögen in unvorstellbare Größenordnungen heben könnten ("Singularity Hypothesis"). Susskind warnt davor, diese Vorstellungen mit Blick auf die heute noch beschränkten Möglichkeiten als unrealistisch abzutun. Mindestens für das Szenario der [Artificial General Intelligence] Hypothesis müssten rechtzeitig Vorkehrungen getroffen werden.
Das Rechtssystem muss sich neu erfinden
Nach Susskind bringt die Künstliche Intelligenz eine Vielzahl von Risiken mit sich. Diese betreffen nicht nur gesellschaftliche Folgen wie gravierende Arbeitslosigkeit oder KI-bedingte Umweltschäden. Vielmehr reichten sie über die demokratiegefährdende Wirkung von Deepfakes und neuen Überwachungsinstrumenten bis hin zu der potenziell menschheitsbedrohenden Wirkung zerstörerischer KI-Systeme. Diese und weitere Risiken müssten adressiert werden: durch eine breite gesellschaftliche Debatte, durch gründliche Erforschung mithilfe der "finest minds" verschiedenster Disziplinen und durch vorausschauende Regulierung. Das Rechtssystem bedürfe allerdings selbst einer tiefgreifenden Umgestaltung.
Es könne nur dann mit der atemberaubenden technologischen Entwicklung Schritt halten, wenn es selbst durch Künstliche Intelligenz unterstützt werde: Gesetzgebungsprozesse dürften künftig nur noch Wochen statt Jahre dauern. Das sich stets aktualisierende Recht müsse von vorneherein in autonome Fahrzeuge und andere physische Systeme einprogrammiert sein. Gerichte müssten mithilfe von Online-Verfahren um ein Vielfaches schneller werden, als sie es heute sind. Auch müsse man zahlreiche Rechtsgedanken erheblich überarbeiten oder neu erfinden, um den neuen Verhältnissen gerecht zu werden. So sei beispielsweise die Idee der Haftung im Zeitalter der KI-Akteure anders zu konzipieren. Susskind empfiehlt hier öffentliche Schadensausgleichsmechanismen ("public civil compensation schemes"), finanziert von den wesentlichen KI-Anbietern.
Noch ganz am Anfang einer nur scheinbar harmlosen Entwicklung
Mit Blick auf das künftige Verhältnis von Menschen und intelligenten Maschinen bedient sich Susskind metaphorisch bei den Kategorien des M&A-Geschäfts: KI-Systeme könnten die Macht übernehmen ("takeover"), KI-Systeme könnten in den menschlichen Organismus eingebaut werden ("merger") oder Menschen und KI-Systeme könnten auf der Erde gemeinsam wirken, idealerweise kooperativ ("joint-venture"). Nach Einschätzung von Susskind hat die Menschheit noch etwa zehn Jahre, um das künftige Miteinander zu gestalten.
KI allerdings einfach zu verbieten, ist laut Susskind keine Option. Weder sei dies realistisch noch sei es wünschenswert. Es sei ethisch nicht vertretbar, die Chancen der KI in Bereichen wie Medizin, Bildung, Justiz oder Finanzen nicht zu nutzen.
Susskinds Buch ist einfach zu lesen und könnte leicht unterschätzt werden: Eine Reihe von Susskinds Einsichten scheint – trotz grandioser Sprache – auf den ersten Blick eher banal. Doch bei näherer Beschäftigung zeigt sich der große Wert dieses Buches. Denn Susskind nimmt den Titel seines Werkes ernst: "How to think about AI".
Er entwickelt systematisch verschiedene Denkweisen über KI, erläutert typische Denkfehler und stellt hilfreiche Kategorien vor, um das Themenfeld zu ordnen. Und in der ernsthaften Vertiefung und Konkretisierung scheinbar banaler Einsichten (wie zum Beispiel der, dass KI-Risiken und Chancen birgt) öffnet sich dem Publikum unversehens eine neue Welt. Es gelingt Susskind, mit bemerkenswerter Überzeugungskraft zu verdeutlichen, wie sehr wir noch am scheinbar harmlosen Anfang einer Entwicklung stehen, die Kategorien und Dimensionen unseres alten Denkens völlig sprengen wird. Einsteigern wie Fortgeschrittenen sei dieses Buch dringend empfohlen.
Zitiervorschlag
Johann-Friedrich Fleisch: Segensreiche, dystopische KI und andere Menschheitsfragen . beck-aktuell, 30.04.2026 (abgerufen am: 30.04.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/197271)



