Spieler können auf Erstattung von Glücksspiel-Verlusten hoffen

Zitiervorschlag
Spieler können auf Erstattung von Glücksspiel-Verlusten hoffen. beck-aktuell, 18.09.2026 (abgerufen am: 18.09.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/206071)
Tausende glücklose Spieler fordern von Online-Casinos Geld zurück. Im Streit über die Rückzahlungen bei unerlaubten Glücksspielen im Netz könnte eine Entscheidung mit Signalwirkung bevorstehen.
Können glücklose Spielerinnen und Spieler ihre Verluste aus verbotenen Online-Glücksspielen zurückfordern? Diese Frage könnte bald der BGH final klären. Das höchste deutsche Zivilgericht verhandelte am Donnerstag über eine Klage gegen den Anbieter Tipico Games (Az. I ZR 216/25). Es handelt sich um ein Leitentscheidungsverfahren, das auf Tausende Klagen Auswirkungen haben könnte. Das Urteil soll am 28. Januar 2027 fallen, verkündete eine Gerichtssprecherin.
Bis vor fünf Jahren waren Online-Glücksspiele in Deutschland verboten - außer in Schleswig-Holstein, das den Markt schon früher geöffnet hatte. Im Juli 2021 wurde das Totalverbot aufgehoben. Anbieterinnen und Anbieter können seitdem bei der zuständigen Behörde entsprechende Lizenzen erwerben. Dabei gelten strenge Regeln zum Schutz der Spielerinnen und Spieler.
Der Kläger hatte zwischen Dezember 2020 und September 2022 an Online-Casinospielen von Tipico Games teilgenommen. Tipico hatte in diesem Zeitraum eine Lizenz der Glücksspielbehörde Maltas, aber keine Erlaubnis in Deutschland. Der Kläger sagt, er habe nicht gewusst, dass die Spiele verboten waren. Vor Gericht verlangt er eine Rückzahlung von Verlusten von rund 10.000 Euro. Seine Forderungen hat er an einen Prozessfinanzierer abgetreten.
EuGH stärkte Spielerrechte
An deutschen Gerichten seien Tausende ähnliche Verfahren anhängig, sagte der Vorsitzende Richter, Thomas Koch, zu Beginn der Verhandlung in Karlsruhe. Beim BGH lägen rund 300 Spielerklagen. Der EuGH hatte im April erklärt, dass EU-Recht weder gegen nationale Glücksspiel-Verbote noch gegen Rückerstattungs-Klagen gegen Anbieter aus anderen Mitgliedstaaten spreche. Der BGH neigte nach vorläufiger Einschätzung wohl ebenfalls dazu, die Spielverträge wegen Verstoßes gegen das Totalverbot für nichtig zu erklären und einen Anspruch auf Rückerstattung zu bejahen.
Der Anwalt aufseiten von Tipico Games warb in der Verhandlung beim Senat dafür, vor seinem Urteil noch zwei ausstehende Entscheidungen des EuGH abzuwarten. Das beklagte Unternehmen ist der Ansicht, für ein Totalverbot habe damals die europarechtliche Grundlage gefehlt. Außerdem könne sich das Unternehmen auf Vertrauensschutz berufen, weil es sich an die behördlichen Vorgaben für die Zeit bis zur Erlaubniserteilung gehalten habe.
Experte warnt vor steigender Suchtgefahr
Von Online-Glücksspielen gehe vor allem durch die Kombination aus hoher Verfügbarkeit und schneller Spielgeschwindigkeit eine hohe Suchtgefahr aus, sagt Tobias Hayer, Glücksspielforscher an der Universität Bremen. "Sie können jederzeit, rund um die Uhr, mit ihrem mobilen Endgerät zocken - zu Hause, unterwegs, am Arbeitsplatz." Dabei würden Entscheidungen oft im Sekundentakt getroffen.
Durch die bargeldlose Bezahlung werde das Risiko zusätzlich erhöht, erklärt der Psychologe. "Wer stetig Scheine aus dem Portemonnaie zieht, hat ein besseres Gespür für den Geldwert. Wer aber nur mit Mausklicks seine Kreditkarte im Minutentakt belastet, verliert viel schneller den Überblick über die tatsächlichen Geldeinsätze und Verluste." Zudem fehle durch die Anonymität im Internet die soziale Kontrolle. Selbst exzessive Online-Glücksspielaktivitäten ließen sich relativ leicht vor dem eigenen Umfeld verheimlichen.
Wenig überraschend daher, dass der Glücksspielmarkt in Deutschland wächst. Insgesamt gab man hierzulande im Jahr 2024 knapp 70 Milliarden Euro für legale Glücksspielangebote aus, sagt Hayer. Nach einer Delle während der Corona-Pandemie hat sich der Markt mit wieder steigenden Umsatzzahlen erholt. "Die Glücksspielaktivitäten verlagern sich dabei zunehmend in den virtuellen Raum", so Hayer. Ein Viertel der Brutto-Spielerträge werde inzwischen online umgesetzt - "Tendenz steigend".
Wie werden Spielerinnen und Spieler heute geschützt?
Auch nach der Legalisierung gelten für das Angebot von Online-Glücksspielen in Deutschland zum Schutz der Spielerinnen und Spieler strenge Regeln. Zum einen gibt es durch ein spielformübergreifendes Sperrsystem die Möglichkeit, dass Spieler für eine gewisse Zeit vom Spielbetrieb ausgeschlossen werden, sagt Hayer. In den meisten Fällen lassen sich Spieler wegen finanzieller oder Sucht-Problemen selbst sperren. Es seien aber auch Fremdsperrungen durch Angehörige oder Glücksspielanbieter möglich. Aktuell enthalte diese Datei knapp 390.000 Personen.
Außerdem gilt eine gesetzliche Einzahlungs-Obergrenze von 1.000 Euro im Monat für alle Formen des Online-Glücksspiels. Das Limit könne aber mit einem passenden Schufa-G-Nachweis problemlos auf 10.000 Euro im Monat angehoben werden, so Hayer. Die Anbieter sind zudem verpflichtet, mit einem Früherkennungssystem zu überwachen, ob das Glücksspielverhalten einzelner Spieler problematische Züge annimmt. Laut Hayer ist das Manko aber, dass es dafür keine einheitlichen Kriterien gibt - und das System immer nur auf einzelnen Plattformen greift, sodass kein Gesamtbild über alle Glücksspielaktivitäten einer Person gewonnen werden kann.
- Redaktion beck-aktuell, sst
- dpa
Zitiervorschlag
Spieler können auf Erstattung von Glücksspiel-Verlusten hoffen. beck-aktuell, 18.09.2026 (abgerufen am: 18.09.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/206071)



