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Aus dem Iran zum Prädikatsexamen

"Mein Kopf ist mein wichtigstes Werkzeug"

Ein Kopf, aus dem Blumen wachsen
"Ich bin eher wenig handwerklich begabt" © AngurHussain / Adobe Stock (KI generiert)

2015 kam Erfan Armanzadeh aus dem Iran nach Deutschland, dieses Jahr bestand er das erste Staatsexamen mit 11,61 Punkten. Welche Rolle Glück, Stipendien und der richtige Freundeskreis für einen gelungenen Bildungsaufstieg spielen, erzählt er im Interview.

beck-aktuell: Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Staatsexamen. 11,61 Punkte sind ein wirklich hervorragendes Ergebnis. Wie hat Ihre Familie in Deutschland und im Iran darauf reagiert?

Erfan Armanzadeh: Ich habe das Ergebnis tatsächlich morgens im Bett geöffnet. Niemand wusste, dass die Noten an diesem Tag kommen. Als ich sah, dass ich das Prädikat geschafft habe, konnte ich es erst nicht glauben. Ich habe drei- oder viermal nachgeschaut, ob wirklich alles stimmt. Dann bin ich direkt zu meiner Mutter gerannt, die erst mal geweint hat. Das war ein sehr emotionaler Moment. Mein Vater hatte hingegen immer daran geglaubt, dass es ein Prädikatsexamen wird. Ich selbst hatte daran deutlich mehr Zweifel. Ich glaube, erst da habe ich wirklich verstanden, dass sich die ganze Arbeit der letzten Jahre ausgezahlt hat.

"Irgendwann verliert man den Glauben, etwas ändern zu können"

beck-aktuell: Sie sind 2015 nach Deutschland gekommen und haben sich mit Jura ein sprachlastiges Studium ausgesucht. Warum ausgerechnet Rechtswissenschaften?

Armanzadeh: Eigentlich wollte ich Grafikdesigner werden – schon im Iran. Als ich nach Deutschland kam, habe ich aber schnell gemerkt, dass die Jobsuche im Kreativbereich auch hier schwer werden würde. Deshalb wollte ich etwas machen, das mir später finanzielle Stabilität gibt. Auf dem Gymnasium habe ich zunächst versucht, Fächer zu wählen, für die ich möglichst wenig Deutsch brauche. Am Ende hatte ich aber in Mathe meine schlechteste Note, während ich in Deutsch mündlich 14 Punkte erreicht habe. Da habe ich gemerkt: Meine ursprüngliche Einschätzung war komplett falsch. Mir liegen Sprache und Diskussionen deutlich mehr als Mathematik.

Als ich mich dann nach Studienmöglichkeiten umgesehen habe, stellte ich mir die Frage: Was passt zu meinen Stärken? Gleichzeitig wusste ich, dass ich später finanziell für mich und teilweise auch für meine Familie in Deutschland und im Iran Verantwortung übernehmen möchte. Deswegen habe ich mir Jura angeschaut. Ich hatte das Glück, dass eine Bekannte ihr Studium gerade angefangen hatte. Sie hat mir ihre Unterlagen gegeben und ich merkte schnell: Das macht mir Spaß.

beck-aktuell: War Ihre Entscheidung für Jura auch durch Ihre Herkunft geprägt – beispielsweise durch den Wunsch, "die Welt gerechter zu machen"?

Armanzadeh: Ehrlich gesagt weniger, als viele vielleicht vermuten würden. Wenn man in einem System wie dem iranischen aufgewachsen ist, verliert man irgendwann ein Stück weit den Glauben daran, dass einzelne Menschen große politische Veränderungen herbeiführen können. Die Menschen dort haben so oft protestiert und wurden so oft brutal unterdrückt, dass man irgendwann das Gefühl hat, gegen eine Wand zu laufen.

Natürlich wünsche ich mir Verbesserungen. Meine Freunde waren bei Demonstrationen auf der Straße. Mein Bruder war dort. Wäre ich noch im Iran, wäre ich wahrscheinlich ebenfalls dabei gewesen. Aber irgendwann merkt man auch, dass selbst sehr engagierte und einflussreiche Menschen oft wenig verändern können. Das klingt vielleicht resigniert, ist für mich aber realistisch.

"Mein Kopf ist mein wichtigstes Werkzeug"

beck-aktuell: Statistiken zeigen, dass das deutsche Bildungssystem ungerecht ist. Menschen mit Migrationsgeschichte oder aus weniger privilegierten Familien haben oft schlechtere Chancen. Wie haben Sie das erlebt?

Armanzadeh: Für mich stand eigentlich schon früh fest, dass ich studieren möchte. Meine Eltern sind keine Akademiker, aber mir war klar: Jetzt, wo ich in Deutschland bin, will ich diese Chance nutzen. Auch, weil ich handwerklich nicht begabt bin. Ich hatte schon früh das Gefühl, dass mein Kopf mein wichtigstes Werkzeug ist.

Ich hatte aber auch Glück. In der Schule gab es Lehrkräfte, die mich sehr unterstützt haben, insbesondere meine Deutschlehrerin. Sie hat mich auf Fördermöglichkeiten aufmerksam gemacht. Ich erhielt damals ein Schülerstipendium mit finanzieller Unterstützung sowie Zugang zu Sprach- und Förderangeboten. Außerdem war es ein großer Vorteil, dass ich direkt aufs Gymnasium kam. Das hat meine Tante organisiert, die schon lange in Deutschland lebt. Mir ist durchaus bewusst, dass andere Geflüchtete diese Möglichkeiten nicht haben.

beck-aktuell: Wie war es dann an der Universität? Gab es auch dort Unterstützungsangebote? 

Armanzadeh: Nicht wirklich. Auch da hatte ich wieder Glück. Eine Freundin aus der Schulzeit begann zeitgleich mit Jura. Über sie lernte ich weitere Menschen kennen, die aus juristischen Familien kamen und bereits viele Abläufe im Studium kannten. Wir haben uns schnell zu einer Lerngruppe entwickelt. Die anderen waren am Anfang deutlich weiter als ich. Sie kannten die Strukturen und halfen mir bei Prüfungsanmeldungen und anderen organisatorischen Dingen. Irgendwann hat sich das Niveau dann angeglichen. Gerade am Anfang macht das einen enormen Unterschied. Wenn man niemanden hat, der einem solche Dinge erklärt, kostet das sehr viel Kraft.

"Stipendien haben mir enorm geholfen"

beck-aktuell: Was würden Sie anderen Studierenden mit Flucht- oder Migrationshintergrund empfehlen, die sich für ein Jurastudium interessieren?

Armanzadeh: Das Wichtigste ist, sich direkt über Fördermöglichkeiten zu informieren. Das Problem ist: Viele wissen gar nicht, welche Förderprogramme existieren. Es gibt Stipendien, für die sich nicht einmal genug Menschen bewerben, obwohl Geld und Fördermittel vorhanden sind. Bei der Bewerbung kam mir mein großes Engagement in der Schule zugute – ich war unter anderem Schülersprecher. Die finanzielle Entlastung durch das Stipendium war enorm und hat mir ermöglicht, mich auf Jura zu konzentrieren.

Außerdem würde ich jedem raten, aktiv am Uni-Leben teilzunehmen. Ich war bei Ersti-Veranstaltungen dabei und habe an vielen Aktivitäten teilgenommen, um Kontakte zu knüpfen. Ich wusste: Ich komme nicht aus einem Umfeld mit bestehenden Netzwerken. Also musste ich mir diese Netzwerke selbst schaffen. Das ist wichtiger, als viele denken.

"Die Belastung kam oft von innen"

beck-aktuell: Haben Sie an der Universität Diskriminierung erlebt?

Armanzadeh: Offene Diskriminierung bei Praktika oder Bewerbungen habe ich persönlich bislang nicht erlebt. Viele zusätzliche Belastungen sind eher indirekt auf meine Herkunft zurückzuführen. Ein Beispiel ist die Situation im Iran. Während meines Studiums gab es Phasen, in denen dort massive politische Unruhen herrschten. Mein Bruder lebt noch dort, andere Familienmitglieder ebenfalls. Wenn man in einer Examensvorbereitung sitzt und gleichzeitig Angst um die eigene Familie hat, dann ist das eine Belastung, die viele andere Studierende so nicht kennen.

Ich habe mich außerdem oft mit Freundinnen und Freunden verglichen, die hier aufgewachsen sind. Viele müssen sich keine Gedanken über Familienangehörige in Krisengebieten machen. Die meisten tragen nicht dieselbe finanzielle Verantwortung für ihre Eltern oder Geschwister. Dieses Vergleichen begleitet einen ständig. Das ist keine Diskriminierung durch andere Menschen. Aber es sind strukturell unterschiedliche Ausgangsbedingungen, die man im Alltag deutlich spürt.

beck-aktuell: Was würden Sie am Jurastudium als Erstes ändern?

Armanzadeh: Der wichtigste Punkt wäre für mich die Frage der Absicherung. Bis zum ersten Staatsexamen hat man oft das Gefühl, im schlimmsten Fall mit leeren Händen dazustehen. Genau deshalb finde ich die Entwicklung hin zum integrierten Bachelor, den es inzwischen in den meisten Bundesländern gibt, sinnvoll. Mich hat die Vorstellung belastet, nach vielen Jahren möglicherweise ohne verwertbaren Abschluss dazustehen. Das war psychisch sehr belastend.

Hinzu kommt die Examensvorbereitung. Man lernt häufig über ein bis zwei Jahre hinweg und bekommt kaum objektive Rückmeldungen. Man schreibt zwar Übungsklausuren, weiß aber nicht, ob diese wirklich examensnah korrigiert werden oder die Situation im Ernstfall realistisch abbilden. Dadurch fehlt oft das Gefühl von Fortschritt und Sicherheit.

beck-aktuell: Und was könnte man für Studierende mit anderen Muttersprachen verbessern?

Armanzadeh: Hier gute Lösungen zu finden, ist gar nicht einfach. Eine Möglichkeit wäre, über Härtefallregelungen für Menschen mit Migrationshintergrund bzw. Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, nachzudenken. Selbst nach zehn Jahren in Deutschland hatte ich im Examen noch das Gefühl, manchmal länger über Formulierungen nachdenken zu müssen als andere. Inhaltlich war ich oft sicher, sprachlich kostete mich manches mehr Zeit. Deshalb würde ich mir wünschen, dass man diese Unterschiede stärker berücksichtigt. Vielleicht durch Nachteilsausgleiche oder andere Formen der Unterstützung. Es geht nicht darum, die Anforderungen zu senken. Es geht darum anzuerkennen, dass jemand den gleichen juristischen Gedanken möglicherweise mit größerem sprachlichen Aufwand formulieren muss.

"Zum ersten Mal richtig stolz auf mich"

beck-aktuell: Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Armanzadeh: Zunächst möchte ich einen LL.M. in Schottland machen, vermutlich im internationalen Recht. Ein Grund dafür ist, dass ich mir verschiedene Optionen offenhalten möchte. Die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland macht mir Sorgen. Deshalb möchte ich international ausgebildet sein und die Möglichkeit haben, Deutschland jederzeit verlassen zu können und trotzdem Arbeit zu finden. Anschließend möchte ich einige Jahre in einer Großkanzlei arbeiten, um meine Familie finanziell zu unterstützen. Danach möchte ich das machen, was mir persönlich Freude bereitet.

beck-aktuell: Gibt es sonst noch etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchten?

Armanzadeh: Ja. Vor allem die Botschaft: Man kann es schaffen! Im Jurastudium hat man selten das Gefühl, stolz auf sich sein zu dürfen. Jede bestandene Klausur erscheint wie eine bloße Pflicht. Kaum hat man etwas geschafft, wartet schon die nächste Herausforderung. Nach diesem Examen hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, wirklich stolz auf mich zu sein. An dieser Stelle möchte ich mich ganz ausdrücklich bei meiner Familie und meinen Freundinnen und Freunden in Deutschland und im Iran bedanken, die in dieser unfassbar stressigen Zeit hinter mir standen.

Außerdem hilft es meiner Meinung nach, das Studium möglichst positiv anzugehen. Während der Examensvorbereitung habe ich versucht, bewusst nicht nur zu jammern. Natürlich ist Jura anstrengend. Natürlich gibt es Tage, an denen man keine Lust mehr hat. Aber die eigene Haltung macht einen Unterschied. Es gab Rechtsgebiete, die ich nicht mochte. Dafür habe ich versucht, mich auf die Bereiche zu konzentrieren, die mir Spaß machen. Ich habe bewusst nach den positiven Aspekten gesucht, weil ich wusste, dass ich sonst die Motivation verliere.
 

Das Gespräch führte Dr. Jannina Schäffer.