"Vom Renommee der Harvard Law School sollte man sich nicht abschrecken lassen"

Zitiervorschlag
Dr. Jannina Schäffer; Talha Evran: "Vom Renommee der Harvard Law School sollte man sich nicht abschrecken lassen". beck-aktuell, 06.11.2026 (abgerufen am: 06.11.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/209206)
Talha Evran ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an der Universität Bonn. Seit September 2026 forscht er als Visiting Researcher an der Harvard Law School. Mit beck-aktuell spricht er über seine Erfahrungen.
beck-aktuell: Sie sind gerade als Visiting Researcher in Harvard. Was genau verbirgt sich hinter diesem Status und worin unterscheidet er sich von einem klassischen LL.M.-Studium?
Talha Evran: Als Visiting Researcher forsche ich ein Semester lang an der Harvard Law School zu einem selbst gewählten Thema. Dabei kann ich an zahlreichen Veranstaltungen teilnehmen, die Ressourcen der Law School nutzen und mich mit Fakultätsmitgliedern sowie anderen Forschenden austauschen. Anders als beim LL.M. ist mit meinem Aufenthalt kein formaler Abschluss verbunden. Ich muss also keine Leistungsnachweise erbringen. Im Mittelpunkt steht mein eigenes Forschungsprojekt.
"Initiativbewerbungen bleiben oft unbeantwortet"
beck-aktuell: Die Harvard Law School gehört zu den renommiertesten juristischen Ausbildungsstätten der Welt. Wie schafft man es, dort angenommen zu werden?
Evran: Grundvoraussetzungen sind ein überdurchschnittlicher juristischer Abschluss, ein überzeugendes Forschungsexposé (Research Proposal) und die Unterstützung eines Fakultätsmitglieds der Harvard Law School als Faculty Sponsor. Im Exposé stellt man sein Forschungsvorhaben vor. Der Faculty Sponsor unterstützt die Bewerbung und ist während des Aufenthalts die erste Ansprechperson vor Ort.
Gerade diese Voraussetzung kann zur Hürde werden, Initiativbewerbungen bleiben oft unbeantwortet. Es kann aber auch ohne bestehende Verbindungen gelingen – so war es bei mir. Ich habe gezielt nach einem Fakultätsmitglied gesucht, dessen Forschungsschwerpunkte zu meinem Vorhaben passen, und meine Anfrage war erfolgreich.
beck-aktuell: Welche Rolle spielte Ihr Promotionsprojekt bei der Bewerbung?
Evran: In meiner Kohorte sind alle Visiting Researcher Promovierende, die bereits an einem konkreten Dissertationsthema arbeiten und damit einer klar umrissenen Forschungsfrage nachgehen. Der Aufenthalt dient in der Regel dazu, dieses Vorhaben im US-amerikanischen Umfeld zu vertiefen. Das Exposé ist deshalb die wissenschaftliche Visitenkarte, sowohl für potenzielle Faculty Sponsors als auch für das Auswahlkomitee.
"Ein Stipendium kann spürbar entlasten"
beck-aktuell: Amerikanische Elite-Unis gehören zu den teuersten Unis der Welt. Mit welchen Kosten muss man rechnen und gibt es die Möglichkeit für ein Stipendium?
Evran: Zunächst fällt pro Semester eine Studiengebühr an, die deutlich niedriger ist als beim LL.M.-Studium. Das macht einen Forschungsaufenthalt besonders attraktiv. Hinzu kommen Lebenshaltungskosten, die gemessen an deutschen Verhältnissen hoch sind.
Ein Stipendium kann eine spürbare Entlastung sein. Fulbright Germany, der DAAD und die Begabtenförderungswerke bieten Promovierenden Stipendien für die Dauer des Aufenthalts an. Ich selbst bin Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und konnte dankenswerterweise auf zusätzliche Leistungen wie Zuschüsse zu Reisekosten und Studiengebühren sowie Auslandskostenpauschalen zurückgreifen.
beck-aktuell: Welche Erwartungen hatten Sie an Ihren Aufenthalt und was hat Sie in den ersten Monaten an der Harvard Law School am meisten überrascht?
Evran: Ich hatte gehofft, in ein lebendiges, internationales Universitätsumfeld einzutauchen, das mir neue Horizonte eröffnen und Begegnungen ermöglichen würde. Diese Hoffnung hat sich erfüllt. Ich habe viele wertvolle Kontakte geknüpft und zahlreiche Studierende mit ganz unterschiedlichen Biografien kennengelernt.
Überrascht hat mich vor allem, wie aktiv die Studierenden in den Lehrveranstaltungen eingebunden werden. Die Lektüre muss gründlich vorbereitet sein, denn alle können jederzeit aufgerufen werden und müssen dann vor dem ganzen Kurs argumentieren.
"Hier kann ich Expertinnen und Experten direkt Fragen stellen"
beck-aktuell: Wie sieht ein typischer Tag als Visiting Researcher aus und woran forschen Sie gerade?
Evran: Mein Tag beginnt meist im Lesesaal der Langdell Hall, wo ich die Lektüre ("Readings") für die Lehrveranstaltungen durcharbeite. Danach geht es in eine Vorlesung oder ein Seminar. Mittags besuche ich häufig gemeinsam mit anderen Visiting Researchern sowie LL.M.- und J.D.-Studierenden Lunch Talks. Dort sprechen Gäste zu den unterschiedlichsten Themen, etwa der Leiter der Bostoner FBI-Außenstelle oder ein Alumnus, der bei Anthropic das Urheberrechtsteam leitet. Ich schätze sehr, dass man den Expertinnen und Experten dort direkt Fragen stellen kann.
Am Nachmittag geht es zurück in den Lesesaal, wo ich an meinem eigenen Forschungsprojekt weiterarbeite. Zwischendurch hole ich mir mit Kolleginnen und Kollegen einen Kaffee am Harvard Square. Am Abend laufe ich schließlich die wenigen Meter zum Hemenway Gym, dem Sportzentrum auf dem Campus, das in der dritten Etage ein Basketballfeld hat.
Inhaltlich befasse ich mich derzeit mit den zivilrechtlichen Folgen digitaler Einflussnahme auf die Willensbildung bei der Vertragsanbahnung, etwa durch manipulative Entscheidungsarchitekturen. Außerdem beschäftige ich mich mit rechtswissenschaftlicher Innovationsforschung im deutsch-amerikanischen Rechtsvergleich.
"Die Reading Group ist eine einzigartige Veranstaltung"
beck-aktuell: Welche Institution, Vorlesung oder Professor haben Sie in Harvard bisher als besonders spannend erlebt?
Evran: Besonders gut gefällt mir die Reading Group "Governing Digital Technologies" von Professor Jonathan Zittrain. Das wöchentliche Seminar in kleiner Runde bietet einen angenehmen Rahmen für einen informellen und zugleich intellektuell anregenden Austausch. Mit seiner mitreißenden, engagierten und humorvollen Art regt Professor Zittrain intensive Diskussionen an, die ich als sehr bereichernd empfinde. Für mich ist die Reading Group eine einzigartige Veranstaltung. Von Professor Zittrains inspirierendem Lehrstil nehme ich vieles für meine eigenen künftigen Lehrveranstaltungen mit.
Eine besonders spannende Einrichtung ist das Berkman Klein Center (BKC), ein interdisziplinäres Forschungszentrum, das sich mit Technologie, Recht, Ethik und Gesellschaft beschäftigt. Als Affiliate des BKC hatte ich mein Forschungsvorhaben in einer Rundmail vorgestellt. Daraufhin meldete sich ein international renommierter Experte für die gesellschaftlichen Dimensionen digitaler Technologien bei mir, der mehr über meine Arbeit erfahren wollte. Im anschließenden Austausch erhielt ich neben neuen Anregungen auch Bestärkung für meinen Ansatz, was mich sehr gefreut hat. Mit einer solchen Gelegenheit hatte ich nicht gerechnet.
"Die Midterms haben wir mit großer Freude gemeinsam gefeiert"
beck-aktuell: Begegnet Ihnen unter US-Juristen eher Sorge, Resignation oder Kampfgeist, wenn es um den Zustand des amerikanischen Rechtsstaats unter Präsident Trump geht?
Evran: In persönlichen Gesprächen spüre ich immer wieder Unmut über die politische Lage im Land. Wie die Einzelnen damit umgehen, ist allerdings sehr unterschiedlich. Ein befreundeter Law-School-Student sprach kürzlich von einem "Uphill Battle", also einem mühsamen Kampf für Veränderung und Fortschritt. Ein anderer Jurist äußerte sich besorgt um die Rechtsstaatlichkeit. Anlass waren für ihn die zahlreichen Einsätze der Einwanderungsbehörden auf offener Straße, bei denen teilweise Menschen ums Leben kamen. Kampfgeist habe ich dagegen am Abend der Zwischenwahlen am 3. November erlebt: Bei einer Election Watch Party an der Harvard Kennedy School verfolgten Hunderte Menschen die Ergebnisse, überwiegend mit großer Freude.
beck-aktuell: Wie unterscheidet sich die wissenschaftliche Arbeit in den USA von der deutschen Rechtswissenschaft? Was können wir von den USA lernen?
Evran: In der deutschen Rechtswissenschaft steht meist die Dogmatik im Mittelpunkt, also die Bildung von Begriffen, die Systematisierung von Rechtsfragen und die Entwicklung verallgemeinerungsfähiger Lösungen. Die US-amerikanische Rechtswissenschaft ist weniger auf Systembildung angelegt und stärker an Rechtsprechung, Theorie und Empirie ausgerichtet. Gerade Empirie und Folgenforschung haben in den USA nach meinem Eindruck einen deutlich größeren Stellenwert. Die Orientierung an der Rechtsprechung prägt auch die Lehre: Studienanfängerinnen und -anfänger arbeiten schon in den ersten Wochen Dutzende Gerichtsentscheidungen ("Cases") durch, die den roten Faden der Vorlesung bilden.
Auch im Publikationswesen fallen Unterschiede auf. Die US-amerikanischen Law Reviews, etwa die Harvard Law Review, werden von Studierenden herausgegeben. Ein klassisches Peer-Review gibt es in der Regel nicht.
"Die Karrierebedingungen in den USA sind attraktiver"
beck-aktuell: In Deutschland werden die Karrierebedingungen in der Wissenschaft immer wieder kritisiert. Wie ist das in den USA?
Evran: Die Karrierebedingungen in den USA sind in mancher Hinsicht attraktiver. Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler werden dort vergleichsweise früh auf Tenure-Track-Professuren berufen und forschen eigenständig, statt über Jahre von einem Lehrstuhl abhängig zu sein. Eine Habilitation gibt es nicht, und formal genügt der Juris Doctor (J.D.), auch wenn inzwischen die Mehrheit der Neuberufenen zusätzlich promoviert hat. Entscheidend sind Bestnoten an renommierten Law Schools, Clerkships, Postdoc-Stellen ("Fellowships") und eigene Publikationen, idealerweise ergänzt durch redaktionelle Verantwortung bei einer Law Review.
Lernen können wir aus meiner Sicht von den USA vor allem zweierlei: einen größeren Stellenwert empirischer Forschung und eine Lehre, die Studierende stärker aktiv einbindet. Beides ließe sich gut mit den Stärken der deutschen Dogmatik verbinden.
"Lasst Euch nicht abschrecken, Harvard heißt Euch herzlich willkommen"
beck-aktuell: Harvard gilt als Türöffner: Welche Chancen versprechen Sie sich von ihrem Aufenthalt?
Evran: Der Forschungsaufenthalt ist für mich ein großes Privileg und schon jetzt eine prägende Erfahrung, nicht zuletzt wegen der vielen neuen Verbindungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Zum einen habe ich Professorinnen und Praktiker kennengelernt, von denen ich lernen durfte und weiterhin lernen darf. Zum anderen sind Freundschaften entstanden, die ich sehr schätze. Gerade dass hier Menschen aus aller Welt zusammenkommen, macht für mich den besonderen Wert dieses Netzwerks aus. Ich bin zuversichtlich, dass ich noch lange davon profitieren werde, etwa durch gemeinsame Projekte, Vorträge oder Konferenzbeteiligungen.
beck-aktuell: Welche Ratschläge haben Sie an Nachwuchsjuristinnen und -juristen, die ebenfalls ein Harvard-Semester in Betracht ziehen?
Evran: Allen Interessierten empfehle ich, sich frühzeitig mit den Anforderungen an einen Forschungsaufenthalt vertraut zu machen und ausreichend Vorlauf für den zeit- und kostenintensiven Bewerbungsprozess einzuplanen. Vor allem das Verfassen eines überzeugenden Forschungsexposés ist aufwendig. Ich selbst habe mich dafür intensiv mit der Forschung meines späteren Faculty Sponsors befasst. Hinzu kommt das Zusammentragen von Zeugnissen, etwaigen Übersetzungen und weiteren Unterlagen.
Vom Renommee der Harvard Law School sollte man sich nicht abschrecken lassen, wenn man die Voraussetzungen erfüllt. Im Gegenteil: Wer fachlich und persönlich passt, ist nach meiner Erfahrung herzlich willkommen.
beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.
Zitiervorschlag
Dr. Jannina Schäffer; Talha Evran: "Vom Renommee der Harvard Law School sollte man sich nicht abschrecken lassen". beck-aktuell, 06.11.2026 (abgerufen am: 06.11.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/209206)




