"Zwei gute Examina öffnen nicht mehr alle Türen"

Zitiervorschlag
Sabine Meuter; Katharina E. Gangnus: "Zwei gute Examina öffnen nicht mehr alle Türen". beck-aktuell, 02.11.2026 (abgerufen am: 02.11.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/208891)
Der juristische Arbeitsmarkt bleibt robust, doch gute Examina allein reichen längst nicht mehr. Worauf Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger bei Jobsuche und Vorstellungsgespräch achten sollten, erklärt Katharina E. Gangnus.
beck-aktuell: Frau Rechtsanwältin Gangnus, Sie sind als Personalberaterin tätig. Wie ist aktuell die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Jung-Juristinnen und -Juristen?
Katharina E. Gangnus: Einen einheitlichen Arbeitsmarkt für Jung-Juristinnen und -Juristen gibt es nicht. Es kommt auf die jeweilige Qualifikation, auf das jeweilige Rechtsgebiet und auf den Standort an – also wo genau man nach einem Job sucht.
beck-aktuell: Wie sieht es denn mit der Arbeitslosigkeit unter Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern aus?
Gangnus: Im Jahr 2025 lag sie bei nur 2,6%. Mehr als die Hälfte dieser arbeitslosen Personen ist unter 35 Jahren alt. Das heißt, der Berufseinstieg nach einem abgeschlossenen Jurastudium ist nicht automatisch einfach. Nichtsdestotrotz haben wir einen vergleichsweise stabilen juristischen Arbeitsmarkt.
"Einen einheitlichen Arbeitsmarkt gibt es nicht"
beck-aktuell: Also sind die Jobaussichten größtenteils doch gut?
Gangnus: Im Prinzip ja. Allerdings erleben wir auch eine stärkere Differenzierung. Das heißt, nicht jeder Arbeitgeber sucht jeden juristischen Nachwuchs. Und nicht alle gut qualifizierten Personen können sich ihren Arbeitsplatz auch aussuchen. Die Zeiten, in denen man davon ausgehen konnte, dass sich allein durch zwei gute Examina alle Türen öffnen, sind nicht mehr unbedingt gegeben.
Eine allgemeingültige Aussage lässt sich allerdings nicht treffen. Ich meine zu beobachten, dass die juristische Expertise unverzichtbar bleibt – auch bei komplexeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Das bedeutet aber auch, dass nicht nur die Arbeitgeber vorsichtiger geworden sind. Auch die Bewerberinnen und Bewerber schauen sich alles genauer an, und das sollten sie auch. Es gilt zu prüfen, wie stabil etwa ein Unternehmen oder eine Kanzlei wirtschaftlich aufgestellt ist. Und welche Perspektiven ihnen Unternehmen und Kanzleien auch bieten können.
beck-aktuell: Was bedeutet das für die Jobsuche?
Gangnus: Bloß keine Personalberatung einschalten, davon rate ich dringend ab. Denn das kommt gerade bei Kanzleien überhaupt nicht gut an, wenn eine Berufseinsteigerin oder ein Berufseinsteiger sich über eine Personalberatung meldet. Nicht zuletzt Kanzleien erwarten, dass sich Jung-Juristinnen und -Juristen selbstständig um einen Job bemühen.
"Technische und wirtschaftliche Kenntnisse werden immer wichtiger"
beck-aktuell: Welche Qualifikationen sind denn momentan stark gefragt?
Gangnus: Noten sind für die Arbeitgeberseite immer noch wichtig. Ebenfalls wichtig ist aber auch ein Verständnis für technische und wirtschaftliche Zusammenhänge. Und für Künstliche Intelligenz.
beck-aktuell: Haben die derzeit unsicheren wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Auswirkungen auf die Einstellung von Juristinnen und Juristen unmittelbar nach dem Studium?
Gangnus: Nach meiner Beobachtung hat es im zurückliegenden Jahr durchaus eine gewisse Zurückhaltung bei der Einstellung von Juristinnen und Juristen gegeben. Offene Stellen blieben länger unbesetzt, Personalentscheidungen wurden verzögert. Viele Arbeitgeber machen sich nach meiner Erfahrung eine Stellenbesetzung nicht leicht. Jede Einstellung birgt ein wirtschaftliches Risiko. Denn oftmals müssen bis zur vollen Produktivität einer neuen Mitarbeiterin oder eines neuen Mitarbeiters hohe Investitionen getätigt werden, deren Erfolg nicht garantiert ist.
"KI übernimmt zunehmend Aufgaben von Berufseinsteigern"
beck-aktuell: Sie erwähnten, dass KI-Kenntnisse auch für Juristinnen und Juristen immer wichtiger werden. Warum ist das so?
Gangnus: KI übernimmt zunehmend Tätigkeiten, die bislang typischerweise von Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern erledigt wurden. Das kann natürlich eine enorme Entlastung sein. Aber es stellt sich auch die Frage, wie Mitarbeitende die fachliche Erfahrung entwickeln sollen, die sie später für eigene Entscheidungen benötigen, wenn sie häufig mit KI arbeiten. Deswegen glaube ich, dass sich nicht nur die Anforderungen an Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger verändern werden oder sich sogar schon verändert haben, sondern auch die Verantwortung der Arbeitgeber. Sie müssen neue Wege finden, um juristische Kompetenz zu entwickeln.
beck-aktuell: Was heißt das für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger?
Gangnus: Jung-Juristinnen und -Juristen sollten sich meiner Einschätzung nach nicht darauf beschränken, KI bedienen zu können, sondern auch lernen, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und eigenständig juristische Urteile zu fällen. Das ist eine zweigeteilte Verantwortung zwischen den jungen Berufstätigen einerseits und Arbeitgebern andererseits.
beck-aktuell: Wann sollten Jurastudierende, die unmittelbar nach Ende des Studiums in den Beruf einsteigen wollen, mit der Jobsuche anfangen?
Gangnus: Ich würde angehenden Volljuristinnen und Volljuristen empfehlen, sich spätestens während des Referendariats mit potenziellen Arbeitgebern auseinanderzusetzen. Am besten orientiert und vernetzt man sich schon früh. Wenn man sich erst nach der Prüfung damit befasst, was man denn beruflich so machen möchte, verschenkt man wertvolle Chancen und Möglichkeiten.
"Social Media und Netzwerke helfen beim Berufseinstieg"
beck-aktuell: Wie vernetzt man sich als Berufseinsteigerin oder Berufseinsteiger am besten?
Gangnus: Am einfachsten geht das mit Menschen in ähnlichem Alter und auf dem gleichen Entwicklungsstand, also in der Peergroup. Man kann beispielsweise berufsspezifische Veranstaltungen von Kanzleien besuchen. Es gibt die unterschiedlichsten Netzwerke, ob das nun etwa das Netzwerk ELSA-Deutschland oder das JurFuture-Netzwerk des Deutschen Anwaltvereins ist. Zudem gibt es je nach Universität verschiedene Angebote für Jurastudierende.
beck-aktuell: Welche Rolle spielt Social Media bei der Jobsuche?
Gangnus: Viele Kanzleien und Unternehmen, aber auch die Netzwerke sind dort sehr aktiv. Ich würde die Karriereplattform LinkedIn weiterhin als eine hervorragende Möglichkeit bewerten, sich einen Überblick über den juristischen Arbeitsmarkt zu verschaffen. Man kann dort Arbeitgeber kennenlernen und berufliche Werdegänge nachvollziehen. Und man kann dort ein eigenes Profil anlegen – dabei sollte man unbedingt authentisch sein. Generell glaube ich, dass Sichtbarkeit im Netz sehr hilfreich ist, nicht zuletzt für die Jobsuche.
"Noten sind die Eintrittskarte, aber nicht alles"
beck-aktuell: Schauen potenzielle Arbeitgeber noch immer hauptsächlich auf die fachliche Qualifikation oder sind heute auch andere Punkte wichtig?
Gangnus: Qualifikationen und gute Noten beantworten nicht die Frage, wie eine Bewerberin oder ein Bewerber später tatsächlich arbeitet. Viele Arbeitgeber sind daher dazu übergegangen, ein bisschen genauer hinzugucken. Denn wichtig ist auch zu schauen, wie tickt ein Mensch und was sind seine Stärken? Die Qualifikation ist die Eintrittskarte, aber sie ist nicht alles. Es geht Arbeitgebern auch darum, auszuloten: Denkt jemand eigenständig? Möchte jemand Verantwortung übernehmen? Kann die Bewerberin oder der Bewerber kommunizieren und ist sie oder er in der Lage, mit anderen zusammenzuarbeiten?
Die besten juristischen Kenntnisse helfen wenig, wenn man sie nicht in praktische Lösungen übersetzen kann. Deshalb denke ich, Verantwortungsbereitschaft und Gestaltungswille sind wichtige Punkte, auf die Arbeitgeber schauen. Und auch, ob jemand lernbereit ist und sich weiterentwickeln möchte.
beck-aktuell: Wie bereiten sich Jung-Juristinnen und -Juristen gut auf ein Vorstellungsgespräch vor?
Gangnus: Ich glaube, dass wir von der Vorstellung wegkommen müssen, dass ein Vorstellungsgespräch eine Einbahnstraße ist. Es geht nicht nur darum, Fragen zu beantworten, sondern auch darum, selbst wichtige Fragen zu stellen. Ich würde mich im Vorfeld immer intensiv mit dem Arbeitgeber beschäftigen. Das ist zum Beispiel über deren Websites möglich. Und: Was für eine Unternehmenskultur gibt es dort – passt sie zu mir und meinem Werteverständnis?
Wichtig ist auch, eine gute Antwort parat zu haben, warum man ausgerechnet bei dem jeweiligen Arbeitgeber beschäftigt sein möchte. Man darf nicht vergessen: Es herrscht auch auf Arbeitgeberseite eine gewisse Eitelkeit. Ich höre immer wieder, dass Kanzleien sagen "ach, da hat jemand im ersten Gespräch gar nicht so eine richtige Leidenschaft gezeigt". Daher kommt es auch darauf an, authentisch Begeisterung für den Job und für den Arbeitgeber vermitteln zu können.
"Fragen zeigen Interesse am Arbeitgeber und helfen bei der Entscheidung"
beck-aktuell: Was sollte man auf jeden Fall von sich aus im Vorstellungsgespräch thematisieren?
Gangnus: Man sollte sich klar darüber sein, welche Informationen man von einem Arbeitgeber braucht, um entscheiden zu können, ob man bei ihm überhaupt arbeiten möchte. Ein Vorstellungsgespräch sollte nicht mit einer mündlichen Prüfung verwechselt werden. Es geht um gegenseitiges Kennenlernen.
Mögliche Fragen sind zum Beispiel: Was kann ich lernen, welche Möglichkeiten zur Weiterbildung gibt es, wie sieht die Feedback-Kultur aus? Wie sieht die Einarbeitungszeit aus? Gibt es Ansprechpartner oder Ansprechpartnerinnen bei Problemen? Habe ich eine Mentorin oder einen Mentor? Welche Verantwortung kann ich übernehmen? Wie wird meine fachliche Entwicklung unterstützt? Welche Erwartungen gibt es an mich? Wie wird die Zusammenarbeit im Team aussehen?
Und man sollte unbedingt auch das Thema KI ansprechen und fragen, wie man im Umgang mit neuen Technologien geschult wird. Wie der Arbeitgeber sicherstellt, dass man trotz KI fundierte juristische Kompetenzen entwickelt. Was KI übernimmt und was man selbst.
beck-aktuell: Gibt es etwas, das Sie eher nicht oder relativ spät ansprechen würden?
Gangnus: Die Frage, ob man zumindest an einigen Tagen in der Woche im Homeoffice arbeiten darf, sollte man bloß nicht gleich zu Beginn des Gespräches setzen. Das ist der falsche Schwerpunkt und man verbaut sich damit oft Chancen.
beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.
Zitiervorschlag
Sabine Meuter; Katharina E. Gangnus: "Zwei gute Examina öffnen nicht mehr alle Türen". beck-aktuell, 02.11.2026 (abgerufen am: 02.11.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/208891)



