Goldgräberstimmung

Zitiervorschlag
Prof. Dr. Olaf Meyer: Goldgräberstimmung. beck-aktuell, 25.08.2026 (abgerufen am: 26.08.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/204496)
Wenn endlich alle Urteile in Deutschland digitalisiert und frei verfügbar wären, würde das der KI zum endgültigen Durchbruch verhelfen, glauben viele. Doch Olaf Meyer warnt: Nicht immer bestimmt die schiere Masse den Wert.
Der Weltraum, unendliche Weiten. Irgendwo zwischen Mars und Jupiter zieht der Asteroid 16 Psyche seine Bahn. Er soll praktisch aus reinem Metall bestehen, manche spekulieren im Netz gar, er sei aus purem Gold. Könnte man seine Rohstoffe abbauen und zur Erde bringen, würde sein Wert ausreichen, um hier jeden Menschen augenblicklich zum mehrfachen Milliardär zu machen!
Aber natürlich ist das eine Illusion. Rohstoffe sind nur deshalb wertvoll, weil sie selten sind. Bei einem derartigen Überangebot bspw. an Gold würde der Goldpreis einstürzen und es wäre fortan nicht mehr wert als Sand in der Wüste.
Urteile als wertvollster Rohstoff für Legal AI?
Auch in der Rechtswissenschaft meint man, einen verborgenen Schatz entdeckt zu haben: Die große Masse unveröffentlichter Gerichtsentscheidungen. Zunehmend wird gefordert, die Rechtsprechung in viel größerem Umfang als bislang zugänglich zu machen. Gedacht ist dabei weniger an menschliche Leserinnen und Leser, die Daten sollen vielmehr als Trainingsgrundlage für KI dienen und damit helfen, eine digitale Infrastruktur für Legal AI zu bauen. Und während uns im Hinblick auf 16 Psyche auf absehbare Zeit gar nicht die technischen Mittel zur Verfügung stehen, um dessen Rohstoffe kommerziell abzubauen, werden im Falle der Urteile die Instrumente zur Bergung des Schatzes – insbesondere die Software zur Digitalisierung, Strukturierung und Anonymisierung der Entscheidungen – tatsächlich gerade entwickelt.
Wird uns dieser Schatz am Ende alle reicher machen oder umgekehrt zur Entwertung der Daten führen? Auf der einen Seite benötigen große Sprachmodelle als Trainingsgrundlage ungeheure Datenmengen. Die KI kann dann tausende Entscheidungen vergleichen, Regelmäßigkeiten erkennen und daraus eine allgemeine Aussage über das Recht ableiten. Was bislang faktisch bedeutungslos war, könnte dadurch algorithmische Autorität gewinnen. Anders als beim Weltraumgold erzeugt die Masse hier gerade einen zusätzlichen Wert, den die einzelne Entscheidung für sich genommen nie besessen hat.
Nicht alle Urteile sind wertvoll
Andererseits kommt bei juristischen Überlegungen der normativen Qualität der Ausgangsdaten große Bedeutung zu. Aber nicht jedes Urteil enthält eine sorgfältig entwickelte Argumentation. Die Justiz ist überlastet. Viele Entscheidungen greifen zu pragmatischen Lösungen, um im konkreten Einzelfall Rechtsfrieden zwischen den Parteien zu schaffen. Sie sind aber nicht geschrieben worden, um darüber hinaus als verallgemeinerungsfähige Grundlage für zukünftige Streitigkeiten zu dienen. Und hier wirkt der Überfluss an Daten dann doch inflationär, indem nämlich die besonders sorgfältig begründeten Leitentscheidungen in der Masse unterzugehen drohen.
Das macht die Forderung nach umfassender Veröffentlichung von Urteilen nicht falsch. Nur muss dann zugleich eine Lösung entwickelt werden, wie sichergestellt werden kann, dass nur solche Entscheidungen einfließen, die wirklich Gold wert sind.
Zitiervorschlag
Prof. Dr. Olaf Meyer: Goldgräberstimmung. beck-aktuell, 25.08.2026 (abgerufen am: 26.08.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/204496)



