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Justizforscherin im Interview

"Wir bewegen große Summen, ohne zu wissen, was tatsächlich passiert"

Der Kopf einer Justitia-Statue im Dunkeln, von hinten hell angeleuchtet
Justitia bleibt für die Forschung weitgehend im Dunkeln © Tanja Esser / Adobe Stock

Der Roland-Rechtsreport ist eingestellt – und mit ihm eine der wenigen Langzeitstudien zum Vertrauen in die Justiz. Anne Sanders erklärt, warum Deutschland bei der Justizforschung hinterherhinkt. Fehlt uns die Datenbasis für den Rechtsstaat der Zukunft?

beck-aktuell: Die Roland Rechtsschutzversicherung hat ihren jährlichen Report zum Vertrauen der Deutschen in die Justiz eingestellt. Frau Professorin Sanders, was fehlt jetzt?

Prof. Dr. Anne Sanders: Man kann über den Roland‑Rechtsreport und seine Bedeutung im Detail sicherlich streiten, aber viel wichtiger ist aus meiner Sicht etwas anderes: Wir sollten uns fragen, ob es nicht ein Symptom eines größeren Problems ist, dass dieser Report jetzt auch noch wegbricht. Wir befinden uns in einer Situation, in der sich in der Justiz sehr viel verändert. Und gleichzeitig stammte zuletzt das einzige kontinuierliche Datenmaterial zum Vertrauen der Bevölkerung in die Justiz von einem privaten Unternehmen, das sich nun – nachvollziehbar – dagegen entscheidet, weiterzumachen. Da sollte man sich fragen: Müsste das nicht eigentlich institutionalisiert erfolgen, auf einer nachhaltigen Grundlage und mit einem umfassenden Blick auf Zustand und Zukunft der Justiz?

"Es fehlt der große, langfristige Blick"

beck-aktuell: Es gibt ja ohnehin wenig institutionalisierte Justizforschung in Deutschland. 

Sanders: Genau. Es gibt zwar großartige Projekte – etwa an verschiedenen Max‑Planck‑Instituten oder am Center for Diversity in Law. Auch zur KI in der Justiz wird viel geforscht. Aber das sind meist Einzelprojekte mit spezifischem Zuschnitt.

Was fehlt, ist der große, langfristige Blick: Wir müssten Digitalisierung, KI, personelle Entwicklungen, mögliche Vertrauensverluste und die Ausstattung der Justiz gemeinsam betrachten. Wo gibt es tatsächliche Veränderungen? Welche Folgen haben sie? Stattdessen arbeiten wir häufig mit anekdotischen Eindrücken: Hier fehlt Geld, dort sind Gerichte überlastet. Das kann alles zutreffen – aber als Datengrundlage reicht das nicht. Wir bräuchten eine systematische, wissenschaftliche Begleitung. Und wenn ein Roland Rechtsreport in dieser Situation das Einzige war, was wir hatten, dann reicht das nicht.

beck-aktuell: Der Staat investiert aktuell sehr viel Geld in die Justiz, allein im jüngsten "Pakt für den Rechtsstaat" versprach die Bundesregierung über 400 Millionen Euro. Müsste er da nicht selbst stärker die Forschung fördern?

Sanders: Absolut. Wir bewegen große Summen und haben ein massives Interesse daran, Rechtsstaatlichkeit und Vertrauen in die Justiz zu sichern. Wenn wir das im rechtstatsächlichen Blindflug tun, ohne genau zu wissen, was tatsächlich passiert, ist das einfach zu wenig. Wir brauchen entschlossenes Handeln – aber auf einer fundierten Datengrundlage. Dazu gehört der Blick sowohl in die Justiz selbst als auch auf die Wahrnehmung in der Bevölkerung, und zwar differenzierter als bisher

"Ein einzelner Report ist ein Tropfen auf den heißen Stein"

beck-aktuell: Der Roland Rechtsreport beruhte im Wesentlichen auf Bürgerbefragungen, die mitunter kuriose Aussagen zu einigen Themen produzierten. Wie wichtig ist eine solche Erhebung oder bräuchte es eher andere Forschung?

Sanders: Befragungen von Bürgerinnen und Bürgern sind ein sehr wichtiger Baustein. Natürlich kann man über einzelne Fragen diskutieren, aber große Umfrageinstitute, wie in diesem Fall Allensbach, arbeiten sehr professionell.

Das Problem ist nicht die Methode an sich, sondern der fehlende Kontext. Befragungen müssen eingebettet sein. Ergebnisse können manchmal widersprüchlich oder schwer einzuordnen sein – umso wichtiger ist es, sie mit anderen Daten zu verknüpfen. Ein einzelner Report bleibt zwangsläufig ein "Tropfen auf den heißen Stein". Ohne breiteren Rahmen lässt sich daraus kein belastbares Gesamtbild gewinnen.

"Ich kann niemandem raten, sich darauf zu spezialisieren"

beck-aktuell: Warum gibt es in Deutschland aktuell so wenig Justizforschung?

Sanders: Das hat mehrere Gründe. Die deutsche Rechtswissenschaft ist stark dogmatisch ausgerichtet – es geht vor allem um die richtige Auslegung von Normen. Die Frage, wie Gerichte tatsächlich arbeiten oder welche Wirkung Recht entfaltet, spielt eine geringere Rolle. Zwar gab es in den 1960er‑ und 1970er‑Jahren einen stärkeren Fokus auf Rechtstatsachenforschung und Rechtssoziologie. Aber diese Ansätze wurden später an vielen Universitäten zurückgedrängt.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Es gibt kaum Lehrstühle oder Karrierewege in diesem Bereich. Wer sich darauf spezialisiert, kann nicht sicher sein, später eine Stelle zu finden. Deshalb entscheiden sich viele dagegen.

beck-aktuell: Klar, wenn es keine Lehrstühle gibt, forscht niemand in diesem Bereich…

Sanders: Genau. Es fehlen schlicht die institutionellen Strukturen. Ich habe in Deutschland den einzigen ausdrücklich so benannten Lehrstuhl für Justizforschung – und selbst das ist eher eine Ausnahme. Ich könnte jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern derzeit kaum empfehlen, sich in diesem Bereich zu habilitieren, weil die Perspektiven unsicher sind. Das ist ein zentrales Hindernis.

Zugleich arbeiten deutsche Juristinnen und Juristen vergleichsweise wenig interdisziplinär. In den USA oder auch in europäischen Ländern wie den Niederlanden, der Schweiz oder Tschechien ist das ganz anders. Dort gibt es eigene Institute und etablierte Forschungsfelder wie "Judicial Studies".

"Wir brauchen Partnerschaft zwischen Justiz und Wissenschaft"

beck-aktuell: Wie könnte man die Situation verbessern?

Sanders: Man könnte an verschiedenen Stellen ansetzen, die ich bereits kürzlich für die Friedrich-Ebert-Stiftung skizziert habe. Universitäten oder Forschungseinrichtungen könnten spezialisierte Institute für Justizforschung einrichten. Auch die Ressortforschung der Ministerien ließe sich stärker bündeln und gezielt einsetzen. Wichtig wäre außerdem eine echte Partnerschaft zwischen Justiz und Wissenschaft. Man müsste gemeinsam definieren, welche Themen relevant sind und wo evidenzbasierte Erkenntnisse benötigt werden.

beck-aktuell: Was wären konkrete Forschungsfelder?

Sanders: Zum Beispiel die Arbeitsweise von Richterinnen und Richtern: Wie treffen sie Entscheidungen? Wie arbeiten sie zusammen? Wie verstehen sie ihre eigene Neutralität? Das ist für eine diskriminierungsfreie Justiz zentral. Darüber forscht gerade eine Doktorandin von mir. Wo liegen Gefahren für den Rechtsstaat und wie können wir ihnen begegnen? Solche Fragen lassen sich empirisch untersuchen – qualitativ, etwa durch Interviews, aber auch quantitativ mit größeren Datensätzen. Die Verknüpfung verschiedener Methoden und der Blick über die deutschen Grenzen ist notwendig. 

beck-aktuell: Frau Professorin Sanders, vielen Dank für das Gespräch!

Das ausführliche Interview hören Sie in Folge 96 von Gerechtigkeit & Loseblatt, dem Podcast von NJW und beck-aktuell.

Die Fragen stellte Dr. Maximilian Amos.