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Kolumne

In der Warteschleife

Bild eines Scheibentelefons mit nebenliegendem Hörer.
© neosiam/adobe

„Herzlich willkommen im Service-Center der Berliner Verwaltung – zurzeit sind alle unsere Mitarbeitenden im Gespräch; Sie werden unverzüglich mit einem Mitarbeitenden verbunden.“ – Für Rechtsanwälte wird die telefonische Kontaktaufnahme mit einer Staatsanwaltschaft inzwischen regelmäßig zur veritablen Geduldsprobe.

Wer früher gerne über Karl Valentins Buchbinder Wanninger und dessen Kommunikationsprobleme schmunzelte, dem vergeht in den kafkaesken Warteschleifen der deutschen Justiz das Lachen endgültig. Da tröstet es wenig, dass in Berlin bisher immerhin drei verschiedene Telefonnummern zur Auswahl stehen, denn das Ergebnis ist immer dasselbe: „Herzlich willkommen im Service-Center …“. Wer die Geduld aufbringt, zahllose Wiederholungen der enervierenden Botschaft über sich ergehen zu lassen, könnte dann schließlich das Glück haben, eine menschliche Stimme am anderen Ende zu vernehmen. Ob das Gespräch mit der Staatsanwaltschaft nach zahllosen Anläufen doch noch zustande kommt, hängt davon ab, welches Ereignis eher eintritt: die Durchstellung des Anrufs oder der Feierabend des gewünschten Gesprächspartners am anderen Ende. Das Service-Center macht einen ebenso überlasteten Eindruck wie die Staatsanwaltschaft selbst. Kein Wunder, denn es scheint für sämtliche Behörden des Stadtstaats zuständig zu sein. Das Land Berlin hat die Probleme wohl inzwischen erkannt: Die neue, einheitliche Behördennummer 030/115 soll Abhilfe schaffen. Die bisher dadurch erreichte Verbesserung ist, dass nervtötende Bandansagen ausbleiben und stattdessen regelmäßig und nicht minder ausdauernd das Besetztzeichen erklingt.

Das Problem beschränkt sich nicht bloß auf die Hauptstadt. So ist wahrscheinlich nur ein einziger Mitarbeiter für die einheitliche Sammelnummer des Oberlandesgerichts sowie der Generalstaatsanwaltschaft Celle zuständig. Nimmt er das eingehende Gespräch an, ist es ein reiner Glücksfall. Meistens klingelt das Telefon einfach durch. Im Zeitalter der Massenkommunikation beginnen die Staatsanwaltschaften, sich hinter einer Wagenburg zu verschanzen. Was dabei auf der Strecke bleibt, könnte die in den Justizbehörden grassierende Arbeitsüberlastung durchaus weiter steigern: Noch immer ist das persönliche Gespräch von Mensch zu Mensch der effizienteste Weg des Informationsaustauschs. Es zu verweigern, ist eine sichere Methode zur weiteren Aufblähung der Bürokratie. Für Rechtsanwälte ist der Verweis auf behördenübergreifende Sammelrufnummern mit unsicheren Erfolgschancen zudem eine schikanöse Erschwerung der Verteidigung. Der professionelle Kontakt zu dem für das Verfahren zuständigen Staatsanwalt ist für das jeweilige Strafverfahren unverzichtbar. – In seiner genialen Groteske ließ Karl Valentin offen, ob Wanninger es irgendwann doch noch geschafft hat, mit seinem Anliegen durchzudringen. Und so zwinkert uns der alte Buchbindermeister über die Brücke eines ganzen Jahrhunderts schelmisch zu, wenn wir wieder einmal hören müssen: „Herzlich willkommen im Service-Center …“.

Dieser Text stammt aus Heft 20/2026 der NJW. Sie möchten die NJW kostenlos testen? Jetzt vier Wochen gratis testen inkl. Online-Modul NJWDirekt.