"Eine klare Sprache macht bessere Anwälte"

Zitiervorschlag
Sabine Meuter; Dr. Clemens Pichler: "Eine klare Sprache macht bessere Anwälte". beck-aktuell, 27.08.2026 (abgerufen am: 28.08.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/204436)
Für Laien schwer verständliches Juristendeutsch ist ein Problem in der Kommunikation zwischen Anwältinnen und Anwälten und ihrer Mandantschaft. Wie beide Seiten klarer kommunizieren und warum das auch in Schriftsätzen wichtig ist, erklärt Clemens Pichler.
beck-aktuell: Herr Dr. Pichler, was sind typische Kommunikationspannen zwischen Anwaltschaft und Mandantschaft?
Dr. Clemens Pichler: Oft stehen Anwältinnen und Anwälte unter Zeitdruck. Sie haben häufig wenig Verständnis dafür, wenn Mandantinnen und Mandanten ihre Geschichten ausführlich und in allen Details vortragen möchten. Anwältinnen und Anwälte glauben oft schon nach den ersten Sätzen, die ihr Gegenüber sagt, zu wissen, worum es geht. Das ist ein großer Fehler.
Die größte Gefahr in der Kommunikation zwischen beiden Seiten ist, dass die Kernpunkte, die der Mandantschaft ein Anliegen sind, wegen des Zeitdrucks auf Anwaltsseite nicht zur Sprache kommen. So kann es leicht zu Missverständnissen kommen. Das kann zu Unzufriedenheit auf Mandantenseite führen – und letztlich kann dadurch das Mandat verloren gehen. Man muss sich die Zeit nehmen, die Bedürfnisse, Erwartungen und Wünsche der Mandantinnen und Mandanten zu hinterfragen.
"Ausloten, was die Mandantschaft tatsächlich will"
beck-aktuell: Hinterfragen heißt auch, im Gespräch genau nachzuhaken, oder?
Pichler: Ja, genau. Aufgabe der Anwältin oder des Anwalts ist es, auszuloten, was die Mandantschaft konkret will. Es macht einen großen Unterschied, ob er oder sie sagt "ich war wütend", "ich war böse" oder "ich war frustriert". Da steckt jeweils etwas ganz anderes hinter. Bei solchen neuralgischen Punkten müssen Anwältinnen und Anwälte akribisch genau nachhaken, was dahintersteckt. Wenn sie das nicht machen, dann erfassen sie die Ziele und Bedürfnisse des Gegenübers nicht oder nur unvollständig.
Das Problem ist manchmal auch, dass die Mandantschaft keine klaren Aussagen trifft – entweder weil sie in dem jeweiligen Moment emotional aufgewühlt ist oder sich aus verschiedenen Gründen nicht so gut ausdrücken kann. Und hier ist es ganz klar die Aufgabe der Anwältin oder des Anwalts, nachzuhaken, bis der Sachverhalt und die Bedürfnisse klar sind.
beck-aktuell: Wo können Anwältinnen und Anwälte so etwas lernen?
Pichler: Das Problem ist, dass das Thema "richtige Kommunikation" nicht Teil des Jurastudiums ist. (Jung-)Anwältinnen und Anwälte müssen sich also die Fähigkeit anderweitig aneignen, entweder durch Coaching oder Schulungen seitens erfahrenerer Kolleginnen und Kollegen in der Kanzlei oder durch externe Anbieterinnen und Anbieter.
Auf jeden Fall sollten Anwältinnen und Anwälte topfit in Sachen Kommunikation sein. Und zwar nicht nur mit der Mandantschaft, sondern auch mit Gerichten und den gegnerischen Anwältinnen und Anwälten. Eine gute Kommunikationsfähigkeit ist ein absoluter Gamechanger. Vor allem Junganwältinnen und -anwälte sollten sich mit ihrer Kommunikationsfähigkeit deswegen intensiv auseinandersetzen.
"Kompliziertes einfach verständlich auf den Punkt bringen"
beck-aktuell: Könnten Sie Beispiele nennen?
Pichler: Das eine ist, wirklich eine Klarheit ins Gespräch einzubringen. Manche Anwältinnen und Anwälte verstecken sich hinter einer komplizierten Formulierung. Dabei sollten sie ihre Botschaft klar und auch laienverständlich auf den Punkt bringen. Eine klare und einfache Sprache trägt nicht nur dazu bei, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer das Gesagte schneller und leichter erfassen können. Auch auf anderer Ebene kann das von Vorteil sein: Wenn die Schriftsätze, die ich bei Gericht einreiche, zu kompliziert formuliert sind und die Richterin oder der Richter erst minutenlang darüber nachdenken muss, was gemeint ist, dann ist das oft schlecht.
Im Gegensatz zu kurzen Schriftsätzen werden lange Schriftsätze meiner Erfahrung nach vom Gericht teilweise gar nicht komplett gelesen. Das ist etwas überzogen, aber es deutet die Richtung an. Fakt ist jedenfalls: Eine klare und einfache Sprache macht mich in meinem Job besser. Und habe ich als Anwältin oder Anwalt eine einfache und verständliche Botschaft, dann erhöht sich womöglich sogar die Wahrscheinlichkeit, dass das Gericht in meinem Sinne entscheidet – oder mein Anliegen zumindest besser versteht.
Ein anderes Beispiel ist die Interpretation eines Satzes. Ist eine bestimmte Aussage eine Mitteilung? Oder ein Appell? Oder steckt ein Bedürfnis dahinter? Clevere Anwältinnen und Anwälte nutzen das dazu, um etwa einen gegnerischen Mandanten oder eine Zeugin in einem anderen Kontext darzustellen. Auch an dieser Stelle zeigt sich: Anwältinnen und Anwälte sind gut beraten, wenn sie intensiv ihre Kommunikationsfähigkeit trainieren.
"Berufseinsteiger brauchen ein Schreibtraining"
beck-aktuell: Aber nicht nur die Schriftsätze fürs Gericht, auch die Schreiben, die die Kanzlei an ihre Mandantschaft verschickt, sind häufig in "Juristendeutsch" abgefasst. Brauchen vor allem Junganwältinnen und -anwälte ein Schreibtraining?
Pichler: Nach meiner Erfahrung: Ja, definitiv. Hier sehe ich auch die erfahreneren Kolleginnen und Kollegen in einer Kanzlei in der Pflicht, dass sie Berufseinsteigende anleiten – so läuft das auch in meiner Kanzlei ab. Es geht darum, sich in einem Schreiben prägnant und auf den Punkt gebracht auszudrücken. Man sollte sich wirklich bei jedem Wort und bei jedem Satz überlegen: Was sind meine Intentionen? Wie bringe ich das klar rüber?
beck-aktuell: Aber auch Mandantinnen und Mandanten machen in Sachen Kommunikation Fehler. Beispielsweise verschweigen sie wichtige Details. Wie kann ich mein Gegenüber dazu ermuntern, alle Fakten auf den Tisch zu legen?
Pichler: Alle Fakten zu kennen, ist essenziell, damit man als Anwältin oder Anwalt vor Gericht nicht überrascht wird und damit die eigene Verteidigungs- oder Angriffsstrategie über den Haufen geworfen ist.
Es ist der Job von Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten, solange nachzufragen, bis der Sachverhalt klar ist. Man muss auch Kritisches und womöglich Unangenehmes fragen, sonst habe ich mein Gespräch nicht gut gemacht. Manche Mandantinnen und Mandanten haben vielleicht auch nicht auf dem Schirm, dass dieses oder jenes Detail wichtig sein könnte. Es ist Aufgabe der Anwaltschaft, den Mandanten oder die Mandantin so zu befragen, dass sie ihre Anwaltstätigkeit gut machen können.
"Klares Erwartungsmanagement ist wichtig"
beck-aktuell: Wie vermeide ich als Anwältin oder Anwalt einen Vertrauensverlust bei meiner Mandantschaft?
Pichler: Vertrauen ist im Miteinander von Anwaltschaft und Mandantschaft das A und O. Ohne das geht es nicht. Ganz entscheidend ist, dass nichts Falsches versprochen wird, zum Beispiel mit Blick auf das Prozessergebnis.
Wichtig ist auch, von Anfang an ein klares Erwartungsmanagement zu betreiben. Das ist nicht immer einfach, manchmal haben Mandantinnen und Mandanten absolut überzogene Vorstellungen. Aber wenn man von vornherein klar kommuniziert, was möglich ist und was nicht, dann stärkt das auch das Vertrauen. Wenn es kein klares Erwartungsmanagement gibt, geht Vertrauen verloren und schlimmstenfalls sogar die Reputation der Anwältin oder des Anwalts.
beck-aktuell: Haben Sie sonst noch Tipps, damit die Kommunikation zwischen Anwaltschaft und Mandantschaft gut gelingt?
Pichler: Ebenfalls für sehr wichtig halte ich es, gleich zu Beginn die Honorarfrage zu thematisieren. Wenn die Mandantin oder der Mandant weniger zahlen will, als abgerechnet wird, dann ist das ein Problem. Daher ist es besser, gleich mitzuteilen, was die Beratung oder eine eventuelle Prozessvertretung kosten, und zu klären, ob das Gegenüber bereit ist, das zu zahlen. Stellt sich erst im Laufe eines Verfahrens heraus, dass die Mandantin oder der Mandant die Anwaltskosten nicht zahlen kann oder will – weil das Finanzielle am Anfang nicht zur Sprache kam –, dann gibt es Streit. Und eine solche Entwicklung lässt sich vermeiden.
Also: Auch hier offen kommunizieren. Ist die Mandantschaft bereit, das geforderte Honorar zu zahlen – wunderbar. Wenn nicht, dann ist er oder sie in einer anderen Kanzlei, die niedrigere Honorarsätze hat, besser aufgehoben.
Die Fragen stellte Sabine Meuter.
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Sabine Meuter; Dr. Clemens Pichler: "Eine klare Sprache macht bessere Anwälte". beck-aktuell, 27.08.2026 (abgerufen am: 28.08.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/204436)



