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Scheidende BGH-Präsidentin Limperg

"Richter müssen immer auch zweifeln"

Porträtaufnahme einer Frau mit schwarzer Bluse und weißem Blazer, kurzen grau-blonden Haaren und einer Brille.
Bettina Limperg im Januar 2026 beim Neujahrsempfang im Schloss Bellevue. © picture alliance / Jörg Carstensen | Joerg Carstensen

BGH-Präsidentin Bettina Limperg geht heute in den Ruhestand. Ein Gespräch mit einer, mit der Ruhe eingekehrt ist am BGH: über Zweifel und Selbstzweifel, den BGH 2026, mehr Resilienz für Richter und darüber, was eine gute Richterin ausmacht.

beck-aktuell: Frau Limperg, nach zwölf Jahren als Präsidentin des Bundesgerichtshofs übergeben Sie den Staffelstab. Wie geht es Ihnen mit dem Abschied?

Limperg: Da ist sehr viel Wehmut dabei. Natürlich auch die Frage: Was hat man alles richtig gemacht? Und ein bisschen das Gefühl, dass sich schon einiges verändert hat in der Zeit, dass man auch etwas anstoßen konnte. Es ist eine sehr gemischte Gefühlslage, die ich ehrlich gesagt auch noch gar nicht so ganz genau sortieren kann.

"Richter müssen immer auch zweifeln"

beck-aktuell: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten sich selbst unterschätzt. Was haben Sie damit – zumal in Anbetracht Ihrer juristischen Bilderbuchkarriere – gemeint?

Limperg: Ich bin jemand, der eher immer zweifelt. Ich zweifle auch an mir selbst und überlege mir sehr genau, was richtig und was falsch ist. Ich finde das aber auch nicht falsch. Ich glaube, Richter müssen immer auch zweifeln – und den Zweifel dann überwinden. Ich sehe vor allem immer das, was herausfordernd ist, und arbeite dann daran. Und wenn es gelingt, glaube ich meistens, dass das viele andere waren und ich auch ein bisschen.

beck-aktuell: Was haben Sie anders gemacht als viele Frauen, die an die gläserne Decke stoßen?

Limperg: Natürlich muss man Angebote auch erst einmal bekommen. Aber sich dann erst mal zu fragen, warum man das jetzt überhaupt gefragt wird, das ist – natürlich immer nur grob typisiert – schon eher typisch für Frauen.  

Ich habe mich das auch immer gefragt. Aber ein kleines Stimmchen irgendwo in meiner mittleren Bauchregion sagte auch immer: Das wäre doch vielleicht interessant. Und dann ging es ans Überwinden der Zweifel, häufig auch mit Plus- und Minus-Listen. 

Man wächst in Aufgaben auch hinein. So habe ich mich schrittweise an diese Ämter herangepirscht.

"Wir müssen auch Richter resilienter machen gegen Angriffe"

beck-aktuell: Ist der BGH heute ein anderer Gerichtshof als der, den Sie 2014 übernommen haben?

Limperg: Ja, ich würde schon sagen, dass sich in diesen zwölf Jahren sehr viel entwickelt hat. Wir sind größer geworden. Der Schwerpunkt im Strafrecht ist deutlicher, wir haben aber auch einen neuen Zivilsenat. Vollständig digitale Akten im Verwaltungs-, Zivil- und Strafbereich haben auch die Arbeitsmethoden und Arbeitsbedingungen verändert. Wir haben viel mehr Homeoffice, Beratungsrhythmen haben sich verändert.

Zugleich haben sich die gesellschaftlichen Bedingungen geändert. Wir sind lockerer geworden. Was früher Casual Friday war, ist heute fast Casual Week geworden, auch wenn wir uns zur Sitzung natürlich alle noch immer sehr ordentlich anziehen. Wir sind diverser geworden. Der BGH ist ein sehr lebendiges Gericht mit ganz vielen interessanten Persönlichkeiten auf allen Ebenen. Darauf bin ich wirklich stolz, ohne dass das mein Verdienst wäre.

beck-aktuell: Sehen Sie den BGH im Speziellen oder die Justiz insgesamt heute Gefahren ausgesetzt, die es vor zwölf Jahren noch nicht gab? Stichwort Resilienz.

Limperg: Konkret beim BGH nicht. Wir sind nach wie vor ein hoch anerkanntes Gericht, das sowohl in der Wissenschaft als auch in den Instanzen geschätzt wird. Ich sehe auch nicht, dass wir in besonderer Weise angegriffen werden, weder medial noch mit anderen Mitteln.

Natürlich ist es richtig, generell über die Resilienz der Justizsysteme nachzudenken, auch über das Verfassungsgericht hinaus. Da geht es um Mehrheiten und Verfahren, die man absichern müsste. Bezüglich Besetzungsverfahren bin ich nicht ganz so skeptisch, weil die überwiegende Zahl der Besetzungsverfahren an deutschen Gerichten voll verwaltungsgerichtlich überprüfbar ist.

Die zweite Schiene ist, an Haltungen zu arbeiten, also Richterinnen und Richter, Staatsanwältinnen und Staatsanwälte und auch die Beschäftigten resilient zu machen gegen Angriffe, die vor allem die Instanzgerichte treffen. 

beck-aktuell: Wie könnte eine solche Hilfestellung konkret aussehen? 

Limperg: Zunächst muss man versuchen, Krisen zu vermeiden, zu antizipieren, welcher Urteilsspruch zu einem Shitstorm führen kann, und wie man diese Urteile besser erklärt. Dann muss man beobachten, ob sich digital etwas aufbaut, und darauf reagieren. Die Justiz in Schleswig-Holstein macht das zum Beispiel großartig.

Wenn die Krise eingetreten ist, muss man mit allen Registern des Schutzes und der Nachbereitung arbeiten. Das kann eine öffentliche Äußerung des Vorgesetzten sein, der seine Kammer oder Einzelpersonen in Schutz nimmt. Das kann auch ein fürsorgliches Angebot sein, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, etwa durch psychologische Beratung. Da ist in den vergangenen Jahren sehr viel passiert, und das halte ich gerade für die Ländergerichte für extrem wichtig.

"Die Justiz ist punktuell überlastet"

beck-aktuell: Gleichzeitig hört man viel davon, wie sehr die deutsche Justiz unter zu großer Last ächzt. Verfahren dauern länger, obwohl ihre Zahl teilweise zurückgeht. Wo liegt das Problem?

Limperg: Im Ausgangspunkt würde ich es nicht so negativ sehen. In der medialen Zuspitzung werden natürlich vor allem die Problemlagen gezeigt. Das ist aber nicht in der Breite der Alltag der Gerichte. Es gibt punktuell Überlastungen, auch bei den Staatsanwaltschaften, unterschiedlich ausgeprägt nach Phasen, Ländern und Städten.

Richtig ist, dass man besser vorsorgen muss. Es wird 2027 eine neue Personalbedarfsbemessung geben. Das ist wichtig, um die eigene Arbeitslast seriös und realistisch einschätzen zu können. Und wir brauchen Investitionen in Technik und Ausstattung. Die Justiz ist wesentlich digitaler geworden, auch bei KI-Anwendungen. In den Ländern haben wir mittlerweile eine Vielzahl von KI-Anwendungen in der Erprobung, aber auch im Echteinsatz, die Geschäftsstellen und richterliche Arbeit entlasten.

beck-aktuell: Muss die Justiz auch ihre eigenen Prozesse selbstkritischer hinterfragen?

Limperg: Man muss sich immer hinterfragen und fragen: Wie können wir besser werden? Aber wir sind natürlich an die Prozessordnungen gebunden, ZPO und StPO sind große alte Damen, die sich seit vielen Jahrzehnten entwickelt haben. In beiden Bereichen gibt es starke Reformüberlegungen, die auf die Digitalisierung Bezug nehmen. Da ist aber erst einmal der Gesetzgeber aufgerufen.

"Flexible Berufsbilder sind ein Joker der Justiz"

beck-aktuell: Was muss die Justiz tun, vielleicht auch verändern, um weiterhin die guten Leute zu bekommen, die sie braucht?

Limperg: Im Moment hat die Justiz wieder großen Zulauf. Die Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich spreche, sagen mir, dass sie wissen, dass sie bei der Justiz nicht reich werden. Sie wissen auch, dass es manchmal gewöhnungsbedürftige Personalführungsthemen gibt – wenn man zum Beispiel an einem Gericht eingesetzt wird, zu dem man weit fahren muss oder zu dem man eigentlich nicht wollte.

Diese Kolleginnen und Kollegen sehen aber umgekehrt in der großen Flexibilität der verschiedenen Berufsbilder einen Riesengewinn. Also dass man Strafrichter in Einzelsachen am Amtsgericht sein darf oder später am OLG Staatsschutzsachen machen kann, dass man im Zivilrecht vom Mietrecht bis hin zum Familienrecht oder Betreuungsrecht auch eine riesige Bandbreite hat – das alles sind letztlich verschiedene Berufsbilder. Das ist ein Joker, den die Justiz hat.

beck-aktuell: Man könnte es aber auch mangelnde Spezialisierung nennen und eher als Bug denn als Feature ansehen?

Limperg: Ich glaube, dass es nicht falsch ist, sich am Anfang der Laufbahn mit verschiedenen Berufsfeldern zu befassen. Danach ist aus meiner Wahrnehmung eine Spezialisierung – wenn auch etwas unterschiedlich je nach Bundesland – sehr wohl möglich.

"Man muss entscheiden können. Das ist gar nicht so leicht"

beck-aktuell: Was macht für Sie eine gute Richterin oder einen guten Richter aus?

Limperg: Erstens sollte man eine wirklich gute Juristin oder ein wirklich guter Jurist sein. Man muss die Bereitschaft haben, abzuwägen, und eine gewisse Resilienz gegenüber sehr verschiedenen Parteien und Parteivertretern aufweisen.

Viele denken, es gehe immer nur ums Recht. Das stimmt nicht. Wir arbeiten zunächst sehr lange am Sachverhalt, und das heißt: Wir arbeiten mit Menschen. Wir müssen Beweise würdigen, uns Eindrücke machen, überlegen, wem wir glauben und wem nicht. Das sind sehr menschliche, emotionale Vorgänge. Man braucht dafür, glaube ich, schon eine große Seele.

Und dann muss man entscheiden können. Das kann man durchaus lernen, aber es ist nicht jedem gegeben. Als Justizjuristin muss man sich sicher werden können, dass man das Richtige tut. Das ist gar nicht so leicht.

Ansonsten muss man den Menschen zugewandt sein, an Recht und Gerechtigkeit interessiert sein und irgendwie auch etwas Gutes wollen im Leben.

beck-aktuell: Sie sind Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Forum Recht. Sie engagieren sich für freiere Formen des Strafvollzugs für junge Menschen und sind auch in der evangelischen Kirche engagiert. Wo werden wir sie in Zukunft jetzt, wo sie mehr Zeit haben, sonst noch wiedersehen?

Limperg: Ich werde meine Ehrenämter weitermachen und zum Teil ausbauen. Ich prüfe im Moment weitere Tätigkeiten und frage mich, warum ich bis Ende des Jahres eigentlich keine Zeit haben werde, weil einfach so viel im Kalender steht. 

Ich will versuchen, mich weiter in rechtsstaatlichen Themen zu tummeln und mich dort einzubringen, wo ich hilfreich sein kann. 

beck-aktuell: Zum Schluss müssen Sie noch verraten, ob das Gerücht stimmt, dass Sie gern Lkw fahren.

Limperg: Ja, das stimmt. Ich fahre tatsächlich sehr gerne große Transportfahrzeuge. Ich erwäge sogar locker, einen Omnibus-Führerschein zu machen, weil ich das irgendwie spannend finde.

beck-aktuell: Frau Limperg, vielen Dank für das Gespräch.

 

Bettina Limperg ist seit 1. Juli 2014 Präsidentin des BGH und die erste Frau in diesem Amt. Zum Ende des Monats August 2026 tritt sie in den Ruhestand. Sie war Vorsitzende des Kartellsenats sowie des Anwaltssenats und Mitglied der Großen Senat und der Vereinigten Großen Senate des BGH sowie des Gemeinsamen Senats der obersten Bundesgerichtshöfe. Neben ihr gehen im Jahr 2026 elf Richterinnen und Richter in den Ruhestand, darunter auch ihr Vizepräsident Jürgen Ellenberger.  

Das Gespräch führte Pia Lorenz.

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