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Star Trek und das Recht der Zukunft

"Erst fragen, dann schießen"

Ausschnitt aus Star Trek - Next Generation, der Captain Picard und Q während einer Gerichtsverhandlung in der Folge "Der Mächtige" zeigt.
Captain Picard und das Wesen Q verhandeln in der Serie "Star Trek - The Next Generation" vor Gericht das Schicksal der Menschheit. © Mary Evans/AF Archive/Paramount / Adobe Stock

Ein Datenschutzrechtler schreibt über Star Trek – wie kam es dazu? Im Gespräch erzählt Jens Ambrock, welche Datenschutzregeln es in der Sternenflotte gibt, wie Strafrecht ohne Geld funktioniert, warum Klingonen Kafka nah sind und was wir tun sollen, wenn wir intelligentes Leben auf dem Mars finden.

beck-aktuell: Sie sind Jurist und auf Datenschutzrecht spezialisiert. Wie kam es dazu, dass Sie ein Jura-Buch über Star Trek geschrieben haben?

Jens Ambrock: Die kurze Antwort lautet: Ich habe mich bequatschen lassen. Ich war auf einer Tagung für Datenschutzrecht. Zu Beginn hielt der Verlagsleiter ein Buch zum Recht in Harry Potter hoch und sagte halb im Scherz, sie suchten noch jemanden für "Harry Potter und der Datenschutz". Das hat mich die gesamte Tagung nicht losgelassen. Beim Abendessen sprach ich dann einen Verlagsmitarbeiter an – allerdings mit der Einschränkung, dass ich Harry Potter für ungeeignet halte. Datenschutz in Star Trek wäre aber ein gutes Thema. Ab diesem Moment ließ mich der Verlag nicht mehr gehen.

beck-aktuell: Wo spielt der Datenschutz in Star Trek denn eine Rolle?

Ambrock: An verschiedenen Stellen. Es gibt beispielsweise ein Privacy-Protocol der Sternenflotte, das in einer Voyager-Folge erwähnt wird. Natürlich handelt es sich eher um ein US‑geprägtes Verständnis von Datenschutz, aber der Gedanke ist da: Auch im 24. Jahrhundert gibt es Regeln gegen Totalüberwachung. 

Ein gutes Beispiel ist auch die Folge Ad Astra Per Aspera aus der Serie Strange New Worlds. Darin gibt es eine Gerichtsverhandlung. Es gibt einen möglichen entlastenden Beweis, der aus einem persönlichen Logbuch extrahiert werden könnte. Kommunikationsoffizierin Uhura hat Zugriff auf diesen Beweis und fragt sich, ob sie ihn der Verteidigung mitteilen darf. Am Ende kommt es nicht darauf an, weil andere Gründe zur Entlastung führen. Aber genau dort liegt die juristische Pointe: eine echte Abwägung zwischen Datenschutz und anderen Rechtsgütern.

Es ist tatsächlich häufig so, dass juristische Probleme aufgemacht und ethisch diskutiert werden – und dann kommt ein Plot‑Twist, der zeigt: Alle sind unschuldig oder es gibt eine außerjuristische Auflösung. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das manchmal unbefriedigend.

"Die Menschheit hat sich weiterentwickelt, es herrscht ein Grundkonsens des Vertrauens"

beck-aktuell: Star Trek ist ein riesiges Universum. Welches Recht gilt? Und haben Sie sich alle Rechtsordnungen angesehen?

Ambrock: Zunächst gibt es viele Staaten und Völkerbünde, unterschiedliche Welten mit eigenen Normen. Planeten werden jeweils als Einheit betrachtet, klassische Einzelstaaten spielen dort keine Rolle mehr. Um es nicht völlig ausufern zu lassen, habe ich das Recht des Klingonischen Imperiums oder der Cardassianischen Union nur in kleineren Kapiteln am Schluss angerissen. Der Hauptfokus liegt auf dem Recht der Vereinigten Föderation der Planeten, also der Organisation, für die das Raumschiff Enterprise unterwegs ist.

beck-aktuell: Wo liegen die größten Unterschiede zu unserer Rechtsordnung – speziell, wenn Sie auf die Sternenflotte schauen?

Ambrock: Der größte Unterschied ist die Gesellschaft: Die Menschheit hat sich weiterentwickelt, es herrscht ein Grundkonsens des Vertrauens. Das reduziert Streit schon im Ansatz. Und dann ist auch noch Geld abgeschafft, dieser Punkt verändert nahezu alles: Es gibt keine Geldstrafen, und im Zivilrecht entfällt das Grundmuster "Wir streiten über Geld".

"Es geht viel stärker um Rehabilitation und Besserung"

beck-aktuell: Gibt es überhaupt noch Strafen? Oder wurde das Strafrecht vom Disziplinarrecht der Sternenflotte ersetzt?

Ambrock: Es gibt beides. Wer jemanden umbringt oder stiehlt – zum Beispiel ein Raumschiff, denn Eigentum gibt es –, der muss sich strafrechtlich verantworten. Die Strafe, die noch übrigbleibt, ist die Freiheitsstrafe. Das ist naheliegend, wenn Geldstrafen wegfallen. Der Unterschied zu unserem Recht: Es geht viel stärker um Rehabilitation und Besserung. Teilweise schwingt die Idee mit: Wer kriminell ist, muss irgendwie krank sein, denn eigentlich sind Menschen vernünftig – und Kranken hilft man. 

beck-aktuell: Was können Juristinnen und Juristen von Star Trek lernen?

Ambrock: Viel. Wenn man die Grundprinzipien ansieht, nach denen die Kapitäne handeln, sticht eines heraus: Erst fragen, dann schießen. Das klingt simpel, ist aber nicht selbstverständlich – auch nicht unter Juristinnen und Juristen. Der Vorrang der Diplomatie ist deutlich: Erst wird versucht, eine Lösung zu finden, die alle mittragen, bevor man zur scharfen Keule greift und die Phaser zieht. Natürlich gibt es epische Raumschlachten, aber als letztes Mittel.

Eine meiner Lieblingsbotschaften von Star Trek ist der vulkanische Grundsatz der "unendlichen Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination". Er bedeutet, Vielfalt nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv zu begrüßen.

"Ja, eine KI kann Leben sein und eigene Rechte haben"

beck-aktuell: Welche Serienfolgen haben Sie besonders genau untersucht?

Ambrock: Es gibt die naheliegenden Gerichtsfolgen. Zum Beispiel Wem gehört Data? – eine Episode, die die titelgebende Frage nicht im engeren Sinne beantwortet. Es geht nicht darum, wem der Androide Data gehört, sondern ob eine Maschine, also eine von Künstlicher Intelligenz gesteuerte Entität, den Rang eines Lebewesens haben kann oder ob sie eine Sache ist. Das ist eine epische Gerichtsfolge mit flammenden Reden – und sie endet mit der Star‑Trek‑typischen Antwort: Ja, eine KI kann Leben sein und eigene Rechte haben.

Bei Star Trek denkt man außerdem sofort an die Erste Direktive, den Nicht‑Einmischungsgrundsatz der Sternenflotte. Er besagt: Kommt man auf eine fremde Welt mit weniger entwickelten Völkern, mischt man sich nicht ein. Optimalerweise gibt man sich gar nicht zu erkennen. Und wenn doch, dann dringt man nicht in die Gesellschaftsordnung ein und lässt keine Technologie zurück. In praktisch 100% der Episoden, in denen es um diese Direktive geht, taucht das Problem auf, dass man ethisch helfen möchte, während der Rechtsgrundsatz klar sagt: nicht einmischen. Diese Spannung ist juristisch höchst ergiebig.

beck-aktuell: Wie sieht es mit den typischen Verfahrensrollen aus: Richter, Anwältinnen, Angeklagte?

Ambrock: Richterpersonal sieht man, ja. Es gibt aber nur wenige Anwälte, die gezeigt werden, und zwar in zeitlich relativ früh angesiedelten Serien. Das könnte nahelegen, dass Anwältinnen und Anwälte im weiteren Verlauf – die Zeitlinie umspannt ja mehrere hundert Jahre – an Bedeutung verlieren oder gar nicht mehr existieren. In der Originalserie wird Captain Kirk wegen einer fahrlässigen Tötung angeklagt (Kirk unter Anklage). Sein Anwalt Samuel T. Cogley ist herrlich exzentrisch und betont, er arbeite mit Büchern, weil er juristischen Datenbanken nicht traut. Später kommt die Föderation im Grunde ohne Anwälte aus. Oft verteidigt man sich selbst oder ein Offizier übernimmt – meist mit begrenztem Erfolg.

"Klingonisches Recht ist Kafka im Weltall"

beck-aktuell: Erkennen wir bei anderen Spezies wie den Borg oder den Klingonen schon an ihrer Rechtsordnung, dass sie als Antagonisten angelegt sind?

Ambrock: Wenn eine Rechtsordnung gezeigt wird, ist sie oft dystopisch – ein Gegenentwurf zur Föderation. Die Borg haben im eigentlichen Sinne kein Recht, sondern eine Diktatur, in der Alleinherrscher Konsequenzen anordnen, ohne Verfahren zur Wahrheitsfindung. Das klingonische Recht ist dagegen überraschend ausdifferenziert. Im sechsten Kinofilm Das unentdeckte Land sind Kirk und Dr. McCoy vor einem klingonischen Gericht angeklagt. Der Vorwurf: die Ermordung des klingonischen Kanzlers. Die Cardassianer sind ein weiteres Beispiel, vor allem in Deep Space Nine. Die klingonischen und cardassianischen Prozesse wirken regelmäßig wie eine Mischung aus Kafka und autoritärem Schauprozess. Im cardassianischen Recht etwa steht das Urteil vor der Anklage fest; der Prozess dient dazu, dem Volk zu zeigen, warum jemand schuldig ist, damit das Volk "Trost" findet.

beck-aktuell: Zukunftsthemen wie KI, Genmutationen, DNA‑Forschung und Hologramme spielen in Star Trek eine große Rolle – was davon ist für Juristinnen und Juristen heute schon relevant?

Ambrock: Ich glaube, wir sind noch nicht so weit, direkt Antworten aus Star Trek zu übernehmen, aber wir nähern uns. Gentechnik ist ein gutes Beispiel: In Star Trek sind Verbesserungen am Menschen möglich – etwa Sehschärfe oder Intelligenz – und rechtlich verboten, mit Ausnahmen zur Heilung schwerer Gendefekte. Begründung: Fairness, etwa am Arbeitsmarkt, damit nicht alle Eltern das Gefühl haben, sie müssten ihre Kinder "optimieren". Wenn Genmanipulation marktreif wird – und das werden wir voraussichtlich noch erleben –, brauchen wir dafür Grenzen. Da kann man auf die Grundsätze der Serie zurückgreifen.

"Umarme die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens"

beck-aktuell: Manche sagen, sich mit dem Recht in Fantasy- oder Sci-Fi-Welten zu beschäftigen, sei "Quatschjura". Was entgegnen Sie?

Ambrock: Mein Ansatz ist, mit meinem Buch juristische Laien abzuholen und ihnen Recht anhand einer Materie zu erklären, die sie kennen und mit der sie sich identifizieren. 

Darüber hinaus ist Zukunftsrecht kein Humbug: Welche Regeln brauchen wir, wenn technisch mehr geht? Welche Regeln brauchen wir, wenn neue Lebensformen auftauchen – nicht zwingend Aliens, vielleicht KI? Auch staatsrechtliche Konstrukte sind spannend: Wie bündelt man Meinungen aus etwa 150 Welten zu effizienten Entscheidungen? Die Fiktion bietet hier ein Labor für Modelle. Das ist keine Spielerei, sondern ein ernsthaftes Nachdenken mit erzählerischen Mitteln.

beck-aktuell: Wir schreiben 2100. Die Menschheit hat auf dem Mars intelligentes Leben entdeckt. Kontakt aufnehmen – ja oder nein?

Ambrock: Da muss man zwischen Risiken und Nutzen abwägen. Aber Star Trek hat mich gelehrt: Der Nutzen überwiegt fast immer. Selbst wenn dort die größten Schurken wohnen – reden ist besser als abschotten oder gar schießen. Das ist die Star‑Trek‑Antwort, und sie ist auch meine – nicht nur aus Prinzip, sondern weil man an diese Grundhaltung glaubt, wenn man sie jahrelang erzählt bekommt. "Umarme die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens in unendlicher Kombination." Auch wenn am Anfang die Angst überwiegt: Lernen ist beidseitig möglich, gerade wenn man sich zunächst fremd ist.

 

Dr. Jens Ambrocks Buch „Das Recht der unendlichen Weiten: Gesetze und Direktiven im Star Trek Universum“ Erscheint am 15. April im Verlag Fachmedien Recht und Wirtschaft.

Die Fragen stellte Dr. Jannina Schäffer.

Transparenzhinweis: Dr. Jannina Schäffer ist Mitherausgeberin der Reihe Law in Literatur im Verlag Fachmedien Recht und Wirtschaft.