Einsatz verdeckten Ermittlers in Heidelbergs linker Szene war rechtswidrig

Zitiervorschlag
Einsatz verdeckten Ermittlers in Heidelbergs linker Szene war rechtswidrig. beck-aktuell, 30.10.2015 (abgerufen am: 13.05.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/185651)
Der Einsatz eines Polizeibeamten als verdeckter Ermittler in der linken Szene in Heidelberg im Jahr 2010 war rechtswidrig. Mit jetzt bekannt gewordenen Urteilen vom 26.08.2015 hat das Verwaltungsgericht Karlsruhe den Klagen von insgesamt sieben Männern und Frauen stattgegeben, die die Feststellung der Rechtswidrigkeit des Einsatzes des Polizeibeamten begehrt hatten (Az.: 4 K 2107/11 bis 4 K 2113/11).
Land beruft sich auf Unzulässigkeit der Klagen
Der verdeckte Ermittler war im Dezember 2010 zufällig "enttarnt" worden. Sein Einsatz beruhte auf zeitlich jeweils befristeten Anordnungen (erstmals vom 25.02.2010) der Polizeidirektion Heidelberg. Gestützt waren die Anordnungen auf § 22 PolG Baden-Württemberg ("Besondere Mittel der Datenerhebung"). Lediglich einer der Kläger (Verfahren mit dem Az. 4 K 2107/11) war in den Anordnungen als eine der Personen genannt, auf die sich die Datenerhebung bezog. In Bezug auf die sechs weiteren Kläger, die in den Einsatzanordnungen nicht namentlich genannt worden waren, machte das beklagte Land Baden-Württemberg im Prozess geltend, deren Klage sei bereits unzulässig, weil der Einsatz des verdeckten Ermittlers nicht gegen sie gerichtet gewesen sei.
Anstieg im Bereich der linksmotivierten Straftaten als Rechtfertigung
Hinsichtlich des Klägers im Verfahren 4 K 2107/11 sei der Einsatz deswegen gerechtfertigt gewesen, weil im Jahr 2009 bundesweit und auch in Heidelberg ein weiterer Anstieg der Fallzahlen im Bereich der politisch motivierten Kriminalität festzustellen gewesen sei, insbesondere im Bereich der linksmotivierten Straftaten. Der Einsatz habe sich ausschließlich gegen Personen der linksextremistischen Szene gerichtet, die entsprechenden Gruppierungen nahegestanden hätten beziehungsweise deren Führungspersonal zuzurechnen gewesen seien. Zwei dieser Gruppierungen seien die Antifaschistische Initiative Heidelberg und die Anarchistische Initiative Kraichgau-Odenwald.
Sieben gebrauchsfertige Molotow-Cocktails sichergestellt
Neben einer Reihe von Ereignissen im Zusammenhang mit Demonstrationen im Zeitraum Juli 2009 bis November 2010 sei auf einen Vorfall am 04.11.2009 zu verweisen. Anlässlich einer Hausdurchsuchung in Räumlichkeiten der "Anarchistischen Initiative Kraichgau-Odenwald" seien unter anderem sieben gebrauchsfertige Brandsätze (Molotow-Cocktails) sichergestellt worden. Angesichts einer anhaltenden Rechts-Links-Konfrontation im Raum Heidelberg/Rhein-Neckar-Kreis habe zwingend ein Aufklärungsbedürfnis zur weiteren Erforschung der konkret vorliegenden Gefahrenlage bestanden. Wegen der intensiven szenetypischen Abschottung insbesondere gegenüber den Ermittlungsbehörden sei nur noch der Einsatz verdeckter Ermittler erfolgversprechend gewesen.
Gericht: Keine hinreichende Bestimmtheit hinsichtlich des eingesetzten Mittels
Dieser Argumentation ist das VG in seiner Entscheidung nicht gefolgt und hat den auf Feststellung der Rechtswidrigkeit des Einsatzes gerichteten Anträgen sämtlicher Kläger entsprochen. Im Verfahren des Klägers, der in den Einsatzanordnungen namentlich benannt war (Az.: 4 K 2107/11), führte die Kammer aus, dass die nach Maßgabe von § 22 PolG erforderlichen formellen und materiellen Voraussetzungen für den Einsatz eines verdeckten Ermittlers gegen diesen Kläger nicht vorlagen. Es fehle an der hinreichenden Bestimmtheit hinsichtlich des eingesetzten Mittels, insbesondere ließen die dem Gericht vorliegenden Kopien der Einsatzanordnungen offen, wer konkret als verdeckter Ermittler eingesetzt gewesen sei.
Konkrete Gefahr nicht ersichtlich
Der Einsatz des verdeckten Ermittlers erweise sich aber auch als materiell rechtswidrig. Die vom beklagten Land vorgelegten Unterlagen rechtfertigten nicht die Annahme, dass von diesem Kläger eine konkrete Gefahr für eines der in § 22 Abs. 3 Nr. 1 PolG genannten Rechtsgüter (Leben, Gesundheit und Freiheit einer Person oder für bedeutende fremde Sach- und Vermögenswerte) ausgegangen sei. So fehle es an konkreten Feststellungen zu der behaupteten Gewaltbereitschaft der Antifaschistischen Initiative Heidelberg. Eine vom Kläger ausgehende konkrete Gefahr lasse sich auch nicht daraus ableiten, dass dieser anlässlich einer Demonstration in Sinsheim am 19.09.2009 bei einer der Anarchistischen Initiative Kraichgau-Odenwald zugerechneten Person gestanden habe, in dessen Wohnung am 04.11.2009 die Molotow-Cocktails gefunden worden seien. Eine konkrete Verbundenheit des Klägers mit dieser Person beziehungsweise mit der Anarchistischen Initiative Kraichgau-Odenwald sei in den vom beklagten Land überlassenen Unterlagen nicht dokumentiert. Letztlich aus den gleichen Gründen lägen auch die Voraussetzungen für eine Datenerhebung nach § 22 Abs. 3 Nr. 2 PolG, also zur vorbeugenden Bekämpfung von Straftaten mit erheblicher Bedeutung, nicht vor.
Erhebung von Daten nicht rechtmäßig angeordnet
Die Klagen der weiteren sechs Kläger hat die Kammer für zulässig erachtet. Dem stehe nicht entgegen, dass sie in den Einsatzanordnungen nicht als eine der Personen genannt seien, gegen die sich der Einsatz des Verdeckten Ermittlers habe richten sollen. Diese Kläger hätten unwidersprochen vorgetragen, dass sie nicht nur gelegentlichen, sondern intensiven Kontakt mit dem verdeckten Ermittler gehabt hätten, woraus folge, dass dem verdeckten Ermittler zwangsläufig Daten über diese Kläger bekannt geworden sein müssten. Die Klagen seien auch begründet. Aufgrund der glaubhaften Angaben eines der Kläger in der mündlichen Verhandlung sei das Gericht zu der Überzeugung gelangt, dass der verdeckte Ermittler über sämtliche weiteren Kläger persönliche Daten erhoben und an das Landeskriminalamt weitergegeben habe. Der darin zu sehende Grundrechtseingriff sei mangels Rechtsgrundlage rechtswidrig gewesen. Die Einsatzanordnung vom 25.02.2010 und deren Verlängerungen erfassten die weiteren Kläger nicht. Die Datenerhebung über sie lasse sich auch nicht auf § 22 Abs. 4 PolG stützen, wonach Daten auch dann nach § 22 Abs. 3 PolG – also auch durch Einsatz verdeckter Ermittler – erhoben werden dürften, wenn Dritte unvermeidbar betroffen würden. Dies setze jedenfalls voraus, dass hinsichtlich einer Ziel- beziehungsweise einer Kontakt-/Begleitperson eine Erhebung von Daten rechtmäßig angeordnet worden sei. Dies sei hier nicht der Fall, denn die hierfür allenfalls in den Blick zu nehmende Einsatzanordnung vom 25.02.2010 und deren Verlängerungen seien aus den im Verfahren 4 K 2107/11 dargelegten Gründen formell und materiell rechtswidrig gewesen.
- Redaktion beck-aktuell
- VG Karlsruhe
- Urteil vom 26.08.2015
- 4 K 2107/11; 4 K 2113/11
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Einsatz verdeckten Ermittlers in Heidelbergs linker Szene war rechtswidrig. beck-aktuell, 30.10.2015 (abgerufen am: 13.05.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/185651)



