Muss ich als Unternehmensjurist BWL können?

Zitiervorschlag
Jennifer Graf: Muss ich als Unternehmensjurist BWL können?. beck-aktuell, 14.08.2026 (abgerufen am: 14.08.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/203456)
Diese Woche in der Ratgeberkolumne für (angehende) Juristinnen und Juristen: "Welche Rolle spielen BWL-Kenntnisse im Alltag eines Unternehmensjuristen – und wie kann ich dieses Wissen als Berufsanfängerin oder Berufsanfänger gezielt aufbauen, Frau Graf?"
Jennifer Graf: Wirtschaftliches Verständnis im klassischen Sinne, also Bilanzen lesen oder Preise kalkulieren zu können, halte ich für deutlich weniger entscheidend, als oft angenommen. Dafür gibt es im Unternehmen spezialisierte Expertinnen und Experten. Was für Unternehmensjuristinnen und -juristen wirklich wichtig ist, ist ein Perspektivenwechsel: weg von rein fachlichen Aufgabe, hin zum Verständnis, warum ein bestimmter Vorgang oder ein bestimmtes Geschäft im Unternehmen überhaupt stattfindet.
Unternehmen handeln nie als Selbstzweck. Ihr Ziel ist es, am Markt zu bestehen, Umsatz zu generieren, Risiken zu steuern und Wachstum zu ermöglichen. Diese Logik prägt jede unternehmerische Entscheidung. Und damit auch den Kontext, in dem juristische Beratung stattfindet. Wirtschaftliches Verständnis bedeutet aus meiner Sicht deshalb nicht, BWL zu beherrschen, sondern zu begreifen, wie Kolleginnen und Kollegen Entscheidungen treffen, welche Ziele sie verfolgen und wie rechtliche Gestaltung diese Ziele beeinflusst.
Die juristischen Stellschrauben verstehen
Praktisch heißt das: verstehen, wo die eigenen juristischen Stellschrauben sind und welche Auswirkungen sie auf Umsatz, Prozesse oder Risiken haben. Ein Vertragsrisiko lässt sich beispielsweise nur dann sinnvoll einordnen, wenn man weiß, welche wirtschaftliche Chance damit verbunden ist: "Das Risiko ist theoretisch da, aber der Markteintritt, den wir dadurch ermöglichen, ist strategisch so bedeutend, dass wir es bewusst eingehen". Manchmal ist es genau diese Abwägung die zeigt, dass juristische Beratung im System des Unternehmens angekommen ist.
Wie baut man ein solches Verständnis auf? Nicht durch Wissensaufbau im landläufigen Sinn, sondern durch Beobachtung und Gespräche. Das heißt zum einen: zuhören, nachfragen, sich für das "Warum" hinter einer Maßnahme interessieren. "Wie beeinflusst dieses Vorhaben unsere Geschäftszahlen?" oder "Was versprechen wir uns von diesem neuen Kunden: Marktzugang, Innovation, Referenzwirkung?" Solche Fragen öffnen Türen zu wirtschaftlichen Zusammenhängen, die man sonst nicht sieht.
Entscheidungen bewusst hinterfragen
Aus meiner Sicht ist es auch hilfreich, bereits getroffene Entscheidungen anderer Unternehmensbereiche im Alltag bewusst zu hinterfragen: Wie wägt der Vertrieb ein Risiko ab? Warum akzeptiert das Produktmanagement bestimmte Unsicherheiten? Ich habe viel daraus gelernt, im Nachgang offen zu fragen: "Warum habt ihr euch trotz des Risikos für diesen Weg entschieden?"
Solche Gespräche öffnen nicht nur Einblicke in wirtschaftliche Abwägungen, sondern auch in die unterschiedlichen Wahrheiten, die in Organisationen gleichzeitig existieren können. Ein Vertriebsteam, das seit Jahren ohne größere Konflikte arbeitet, sieht verständlicherweise vor allem die Chancen. Die Rechtsabteilung sieht eher die potenziellen Risiken.
Beide Perspektiven sind valide und wirtschaftliches Verständnis entsteht genau dort, wo man diese Koexistenz erkennt und die eigene juristische Einschätzung im Lichte der Gesamtrealität hinterfragt. Manchmal führt das auch dazu, sich selbst zu fragen: Ist dieses Risiko in unserem konkreten Marktumfeld tatsächlich relevant? Oder existiert es nur "theoretisch"? Auf diese Weise entsteht eine Art "juristisch-wirtschaftliches Gespür": die Fähigkeit, ein Risiko nicht isoliert zu sehen, sondern in Relation zu Umsatzchancen, strategischen Zielen oder operativen Zwängen. Wirtschaftliches Verständnis entsteht dann fast automatisch.
Kompass Karriere ist die wöchentliche Ratgeberkolumne von beck-aktuell. HEUTE IM RECHT für (angehende) Juristinnen und Juristen. Expertinnen und Experten beantworten Fragen zu Jurastudium, Referendariat, Berufseinstieg und Karriere im Recht, geben Orientierung im Paragrafendschungel und klare Tipps für kluge Entscheidungen auf dem Weg in den und im Beruf. Wenn auch Sie eine Frage zu einem dieser Themen haben, schicken Sie uns diese - gern auch anonym - an redaktion@beck-aktuell.de.
Die vorherige Kolumne finden Sie hier: Kompass Karriere #10: Ich habe Angst vor dem Sitzungsdienst - was tun? (Christian Walz)
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Jennifer Graf: Muss ich als Unternehmensjurist BWL können?. beck-aktuell, 14.08.2026 (abgerufen am: 14.08.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/203456)



