Wie positioniere ich mich als Unternehmensjuristin intern?

Zitiervorschlag
Jennifer Graf: Wie positioniere ich mich als Unternehmensjuristin intern?. beck-aktuell, 19.06.2026 (abgerufen am: 19.06.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/200321)
Dieser Woche in der Ratgeberkolumne für (angehende) Juristinnen und Juristen: "Im Unternehmen habe ich das Gefühl, eher "Dienstleister" als strategischer Partner zu sein. Wie gelingt es mir, mich intern stärker zu positionieren?, Frau Graf?"
Jennifer Graf: Aus meinen eigenen Anfängen kenne ich dieses Gefühl sehr gut. Der Schlüssel lag für mich darin, zwei Dinge zu verändern: mein Rollenverständnis und mein Systemverständnis. Beides lässt sich im Alltag sehr konkret weiterentwickeln.
Unsere juristische Ausbildung prägt uns stark als externe Problemlöser. Wir lernen, punktuelle juristische Probleme zu bearbeiten, aber nicht, Mandantinnen und Mandanten dauerhaft zu begleiten oder ihre Lebensentscheidungen vorausschauend mitzudenken. Im Unternehmen funktioniert das so nicht: Wir begleiten nur noch einen Mandanten. Wer diesen Mandanten nicht nur reaktiv beraten, sondern vorausschauend durch sein "Geschäftsleben" begleiten will, braucht ein anderes Rollenverständnis. Dieses entwickelt sich, wenn wir uns innerlich von der Rolle der "Kontrolle" lösen und uns als Mitgestalterin oder Mitgestalter verstehen.
Das Rollenverständnis wechseln
Ganz praktisch kann das so aussehen:
- Früh im Prozess Fragen stellen statt am Ende nur zu prüfen: "Was ist das Ziel dieses Geschäfts? Was wäre hier ein Erfolg?"
- Proaktiv mitdenken statt reaktiv bewerten: "Zur Diskussion fallen mir zwei Punkte ein, die später Aufwand ersparen könnten. Darf ich kurz mitdenken?"
- Sprache bewusst verändern: "Wenn wir Ziel A erreichen wollen, ist folgende Lösung am sinnvollsten…"
Wer Interesse am Gesamtkontext zeigt und proaktiv – auch über die eigene Fachaufgabe hinaus – mitdenkt, wird automatisch irgendwann als Partner mit unternehmerischem Blick wahrgenommen.
Das Rollenverständnis wird allerdings erst dann wirksam, wenn es mit einem echten Systemverständnis verbunden ist. Juristische Beratung kann nur dann strategisch anschlussfähig sein, wenn man versteht, wie Entscheidungen entstehen, welche Zwänge es gibt und wo die Prioritäten liegen. Dieses Verständnis wächst durch echtes Interesse: zuhören, nachfragen, Abläufe kennenlernen. Bei mir waren kurze, sachverhaltsunabhängige Gespräche mit Fachbereichen oft extrem erhellend. 20 Minuten mit Finance oder Sales haben manchmal mehr gebracht als jede rein juristische Vorbereitung.
Echtes Interesse am gemeinsamen Ergebnis
Und in Meetings öffnen systemische Fragen wie "Welche Bereiche müssten das mit tragen, damit es funktioniert?" häufig Diskussionen, in denen man sich automatisch als Partnerin oder Partner positionieren kann. Sichtbarkeit entsteht dann fast von selbst, aber nicht im Sinne von "bekannt sein", sondern im Sinne von Relevanz. Ich wurde irgendwann nicht mehr nur "als Prüfinstanz" eingebunden, sondern auch in frühe Strategiegespräche eingeladen, weil klar war: Ich helfe, Optionen zu entwickeln, statt nur Risiken zu markieren. Das verändert Dynamiken nachhaltig.
Wichtig ist mir, zu erwähnen, dass man dafür meiner Erfahrung nach keine formale Führungsposition braucht. Rollenwandel kann auf allen Ebenen gelingen. Die eigene Haltung, die Art der Fragen und das Interesse am System wirken unabhängig vom Titel. Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen reagieren meiner Erfahrung nach sehr offen, sobald sie spüren, dass man nicht mit einem Bewertungsauftrag kommt, sondern mit echtem Interesse am gemeinsamen Ergebnis.
Die Kernaussage für mich ist daher: Wer bereit ist, das klassische Berufsbild ein Stück weit infrage zu stellen und das Unternehmen als System mitzudenken, schafft die Basis dafür, gehört zu werden und wirklich mitzugestalten.
Kompass Karriere ist die wöchentliche Ratgeberkolumne von beck-aktuell. HEUTE IM RECHT für (angehende) Juristinnen und Juristen. Expertinnen und Experten beantworten Fragen zu Jurastudium, Referendariat, Berufseinstieg und Karriere im Recht, geben Orientierung im Paragrafendschungel und klare Tipps für kluge Entscheidungen auf dem Weg in den und im Beruf. Wenn auch Sie eine Frage zu einem dieser Themen haben, schicken Sie uns diese - gern auch anonym - an redaktion@beck-aktuell.de.
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Jennifer Graf: Wie positioniere ich mich als Unternehmensjuristin intern?. beck-aktuell, 19.06.2026 (abgerufen am: 19.06.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/200321)



