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Kompass Karriere #6

Wie werde ich als Berufseinsteiger in der Kanzlei "sichtbar"?

Kompass Karriere mit Carmen Schön

Diese Woche in der Ratgeberkolumne für (angehende) Juristinnen und Juristen: "Mir wird in der Kanzlei signalisiert, ich sei fachlich stark, aber 'zu wenig sichtbar'. Was heißt das konkret – und was kann ich ändern, Frau Schön?"

Carmen Schön: Die Rückmeldung "fachlich stark, aber zu wenig sichtbar" gehört zu den häufigsten, zugleich aber auch zu den am wenigsten konkret verstandenen Aussagen im Kanzleikontext. Sie wird oft als unscharf oder sogar ungerecht empfunden – tatsächlich beschreibt sie jedoch ein zentrales Kriterium für die weitere Karriereentwicklung.

Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass "Sichtbarkeit" in Kanzleien nicht mit Selbstdarstellung oder Lautstärke gleichzusetzen ist. Gemeint ist vielmehr die Wahrnehmbarkeit des eigenen Beitrags zum wirtschaftlichen und strategischen Erfolg der Kanzlei. Während fachliche Qualität häufig im direkten Mandatskontext sichtbar wird, bleibt der darüberhinausgehende Mehrwert vieler Anwältinnen und Anwälte unsichtbar, wenn er nicht aktiv positioniert wird.

Konkret bedeutet fehlende Sichtbarkeit häufig:

  • Die eigene Arbeit wird zwar geschätzt, aber nicht mit einem bestimmten Profil oder Thema verknüpft

  • Partner nehmen die Person als "verlässlich" wahr, aber nicht als "entwicklungsfähig" im unternehmerischen Sinne

  • Es fehlt eine klare Zuordnung zu Mandaten, Branchen oder Kompetenzen

  • Beiträge zur Mandatsentwicklung oder internen Zusammenarbeit werden nicht bewusst gesteuert oder kommuniziert

Sichtbarkeit meint Positionierung

Sichtbarkeit ist damit eng verknüpft mit Positionierung. Die zentrale Frage lautet nicht: "Wie mache ich mich sichtbarer?", sondern: "Wofür möchte ich in der Kanzlei wahrgenommen werden?"

Daraus ergeben sich konkrete Ansatzpunkte:

  • Thematische Klarheit entwickeln: Wer langfristig wahrgenommen werden möchte, braucht ein klares fachliches und idealerweise auch branchenspezifisches Profil. Generalistische Wahrnehmung führt häufig zu Austauschbarkeit.
  • Mandatskontext aktiv mitgestalten: Statt ausschließlich auf Zuarbeit zu fokussieren, sollte gezielt hinterfragt werden: Wo kann ich Mehrwert über die konkrete Aufgabe hinaus liefern? Welche Anschlussfragen ergeben sich für Mandantinnen und Mandanten?
  • Interne Sichtbarkeit erhöhen: Viele Karrieren stagnieren nicht an externer, sondern an interner Unsichtbarkeit. Relevante Punkte sind hier: die aktive Kommunikation von Ergebnissen, die Einbindung in übergreifende Themen und die Präsenz in relevanten Runden.
  • Externe Präsenz gezielt aufbauen: Fachbeiträge, Vorträge oder LinkedIn können sinnvoll sein – jedoch nur, wenn sie strategisch auf das eigene Profil einzahlen.

Zusammengefasst: Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck, sondern Ausdruck unternehmerischen Denkens. Wer den nächsten Karriereschritt anstrebt, muss beginnen, nicht nur gute Arbeit zu leisten, sondern diese auch in einen größeren Kontext einzuordnen und aktiv zu positionieren.

Kompass Karriere ist die wöchentliche Ratgeberkolumne von beck-aktuell. HEUTE IM RECHT für (angehende) Juristinnen und Juristen. Expertinnen und Experten beantworten Fragen zu Jurastudium, Referendariat, Berufseinstieg und Karriere im Recht, geben Orientierung im Paragrafendschungel und klare Tipps für kluge Entscheidungen auf dem Weg in den und im Beruf. Wenn auch Sie eine Frage zu einem dieser Themen haben, schicken Sie uns diese - gern auch anonym - an redaktion@beck-aktuell.de

Die vorherige Kolumne finden Sie hier: Kompass Karriere #5: Wel­che Er­war­tung ha­ben mei­ne Aus­bil­der in der Zi­vil­sta­ti­on? (Christian Walz)