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Anwaltsberuf

Mehr Spaß oder mehr Geld?

Eine Hand mit einer roten Pille und eine Hand mit einer blauen Pille
Rote Pille oder blaue Pille, Neo? © Pixel-Shot / Adobe Stock

Warum entscheiden sich kluge Köpfe gegen ihre Interessen – und was verlieren Associates dabei wirklich? Dennis Hillemann entwirft ein Gedankenexperiment, das die Logik vieler Karrieren im Anwaltsberuf ins Wanken bringt.

Stellen Sie sich einen Moment lang vor, Sie wären Associate in einer Großkanzlei und der Partner oder die Partnerin bietet Ihnen die Wahl zwischen zwei Schreibtischen an. Auf dem ersten Schreibtisch liegen Akten – nicht irgendwelche Akten, sondern ausgesuchte, gut sortierte, intellektuell anspruchsvolle Vorgänge aus genau jenem Rechtsgebiet, für das Sie sich an der Universität entschieden haben, weil es Sie wirklich interessiert hat.

Es ist nicht überraschend, dass die Aussicht auf einen solchen Schreibtisch eine gewisse Energie freisetzt. Viele Juristinnen und Juristen kennen das Gefühl, wenn man morgens den Aktendeckel öffnet und der erste Schriftsatz eine Frage stellt, die man gerne beantworten möchte, weil sie schwierig genug ist, um intellektuell zu fordern, und doch zugänglich genug, um lösbar zu sein.

Auf dem zweiten Schreibtisch liegt nichts. Keine Akten, keine elektronischen Eingänge, kein klingelndes Telefon. Sie sind verpflichtet, acht Stunden anwesend zu sein, aber es gibt keine inhaltliche Tätigkeit, die von Ihnen erwartet wird. Sie dürfen Ihr privates Smartphone benutzen, durch soziale Netzwerke scrollen, Filme schauen und sich mit den Kolleginnen und Kollegen unterhalten. Für diesen Acht-Stunden-Tag ohne Inhalt erhalten Sie zwanzig Prozent mehr Gehalt. Welchen Schreibtisch würden Sie wählen?

Selbstverständlich würden die meisten die Akten nehmen. Wer will schon acht Stunden lang anwesend sein, ohne etwas zu tun? Wer will den juristischen Verstand, den man sich in sieben oder acht Jahren akademischer Ausbildung erarbeitet hat, in einer Art beruflicher Käseglocke verstauen, in die zwar das Gehalt fließt, aber sonst nichts? Die Antwort fällt vermutlich universell aus — und sie ist auch vernünftig.

Die unangenehme Beobachtung?

Genau hier beginnt aber das Unbehagen, um das es in diesem Beitrag gehen soll. Denn obwohl die Antwort auf das Gedankenexperiment eindeutig ist, fallen die tatsächlichen beruflichen Entscheidungen in Großkanzleien häufig genau gegenteilig aus. Wenn es nicht um das hypothetische Modell mit zwei Schreibtischen geht, sondern um die ganz konkrete Frage, in welchem Rechtsgebiet man die kommenden fünf, zehn oder zwanzig Jahre seines Berufslebens verbringen möchte, scheint die Logik plötzlich auf den Kopf gestellt.

Junge Kolleginnen und Kollegen, die im Studium für Strafrecht gebrannt haben, landen plötzlich in einer Großkanzlei-Abteilung für Kartellrecht und reden sich ein, dass das schon irgendwie passe. Junge Juristinnen und Juristen, die in der Examensvorbereitung mit leuchtenden Augen Urteile aus dem Verwaltungsrecht zitiert haben, ergreifen den ersten Ausweg in eine M&A-Praxis, sobald jemand das Wort Prestige zwischen den Zeilen mitschwingen lässt.

Die Begründungen sind dabei stets dieselben und sie haben sich in den letzten zwanzig Jahren erstaunlich wenig geändert: Es gibt in dem anderen Rechtsgebiet mehr Geld, sagt der eine. Es klingt prestigeträchtiger, sagt die andere, wenn man bei einem Familientreffen erklären muss, was man eigentlich beruflich macht. Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahrgang gehen ja auch alle dorthin, sagt ein Dritter, und es wäre seltsam, sich aus dieser Gruppendynamik herauszunehmen. Es ist außerdem, fügt ein Vierter ergänzend hinzu, ein Bereich mit "strategischer Bedeutung" für die Kanzlei, was bedeutet, dass es dort Aufstiegspfade zur Partnerschaft gibt.

All das sind nicht etwa unaufrichtige oder zynische Erwägungen – sie sind es schon deshalb nicht, weil sie sich aus den realen Strukturen ergeben, in denen Großkanzleien als Marktteilnehmer operieren.

Das stille Paradox

Das Bild, das sich ergibt, ist paradox. Wir antworten auf die hypothetische Frage instinktiv mit der Wahl des erfüllenden Schreibtischs, weil uns unterbewusst klar ist, dass acht Stunden inhaltsleerer Anwesenheit gegen zwanzig Prozent mehr Gehalt ein erbärmlicher Tausch wäre.

In der beruflichen Wirklichkeit treffen wir hingegen eine Entscheidung, die strukturell genau diesem Tausch entspricht, nur in deutlich gemilderter, gestreckter und deshalb weniger sichtbarer Form. Associates entscheiden sich für ein Rechtsgebiet, das sie inhaltlich nicht oder zumindest wenig interessiert. Und das nur, weil es mehr Geld, mehr Prestige oder einen klareren Aufstiegspfad bietet — oder einfach, weil andere sich ebenfalls dafür entscheiden.

In diesem Rechtsgebiet verbringen junge Juristinnen und Juristen dann die kostbarsten beruflichen Jahre, nämlich die Jahre, in denen die Lernkurve am steilsten verläuft und in denen sich ihre beruflich-fachliche Identität bildet. Und gerade diese Identität setzt sich aus Akten zusammen, die einem nicht wirklich etwas bedeuten und aus Mandaten, die einen nicht inhaltlich erfüllen. Und das Ganze für einen monetären Aufschlag, der bei nüchterner Betrachtung den Verlust an Sinnhaftigkeit niemals kompensieren kann.

Das ist, mit allem nötigen Respekt vor jeder einzelnen individuellen Entscheidung, eine ziemliche Vergeudung. Wir reden hier nicht über Menschen, die keine Wahl hätten und sich aus wirtschaftlicher Not in ein Rechtsgebiet zwingen lassen, das ihnen fremd ist. Wir reden über exzellent ausgebildete junge Juristinnen und Juristen, denen nach zwei Staatsexamen mit überdurchschnittlichen Punktzahlen, häufig nach einer Promotion und einem Auslandsaufenthalt, eine weite Bandbreite an Optionen offensteht.

Eine persönliche Notiz

Ich möchte an dieser Stelle nicht den Eindruck erwecken, ich würde diese Beobachtung von einem moralisch sicheren Standpunkt aus formulieren, an dem ich selbst nie hätte falsch abbiegen können. Ich habe in meiner Laufbahn an genug Weggabelungen gestanden, an denen die Versuchung der prestigeträchtigeren oder besser bezahlten Variante real war. Selbst ich habe dieser Versuchung nicht in jedem Moment souverän standgehalten — sondern eher in einer Mischung aus Sturheit und glücklicher Fügung.

Was mich am Ende auf einem Weg gehalten hat, der zu mir gehört und nicht zu einer Modeerscheinung des Marktes, war eine sehr persönliche Entscheidung, die im Rückblick fast banal klingt: Ich habe mich für das Verwaltungsrecht entschieden, also für ein Rechtsgebiet, das in den meisten Partnerrunden der Großkanzleiwelt nicht als das glamouröseste gilt, das nicht zu den bestbezahlten Spezialgebieten gehört und das in den Hochglanzbroschüren der internationalen Sozietäten in der Regel nicht im Mittelpunkt steht.

Aber es ist meines. Und ich stehe seit Jahren jeden Morgen auf und freue mich auf meine Akten, meine Mandanten und mein Team.

Worum es eigentlich geht

Wenn ich jüngeren Kolleginnen und Kollegen heute einen einzigen Gedanken mitgeben dürfte, dann wäre es dieser: Die Arbeit als Anwältin oder als Anwalt macht erkennbar – und das ist keine vage Bauchgefühl-Aussage, sondern eine aus vielen Gesprächen verdichtete Beobachtung – um ein Vielfaches mehr Spaß, wenn man das Rechtsgebiet bearbeitet, das einen wirklich interessiert.

Die zwanzig Prozent mehr Gehalt, die ein anderes Spezialgebiet vielleicht verspricht, sind, gemessen an einem ganzen Berufsleben, ein Verzicht, den niemand auf seinem Sterbebett bereuen wird. Und auch das vermeintliche Ansehen eines Rechtsgebiets, das sich in den nächsten Jahren ohnehin verschieben wird, ist ein launischer Maßstab, wenn es um eine so existenzielle Entscheidung wie die Wahl der beruflichen Heimat geht. Auch die Tatsache, dass die anderen aus dem Jahrgang denselben Weg gehen, ist kein juristisches, sondern ein soziales Argument. Es trägt nicht weit genug, um darauf eine Karriere zu gründen.

Das alles bedeutet nicht, dass Geld und Prestige keine legitimen Erwägungen wären. Sie sind es, und es wäre romantisch-verklärt, das zu bestreiten. Es bedeutet aber, dass sie nicht die einzigen Erwägungen sein dürfen. Das Problem: Der Preis dieser Entscheidung ist erst Jahre später spürbar – wenn die Routine sich einschleicht, wenn die ersten Erschöpfungssymptome auftreten, wenn die nächste Generation derselben Kanzlei nach Vorbildern sucht und der erfahrene Anwalt sich fragt, was er den neuen Associates raten soll. An genau dieser Stelle merkt man dann, dass ein voller Schreibtisch ohne innere Beteiligung nicht weniger leer ist als der leere Schreibtisch aus dem Gedankenexperiment – er ist nur viel schwerer als solcher zu erkennen.

Nehmen Sie sich als Absolventin oder Associate also einen Moment Zeit für die Frage, vor der wir alle einmal stehen: Voller Schreibtisch mit Spaß oder leerer Schreibtisch mit mehr Geld? Übersetzt in die berufliche Wirklichkeit: ein Rechtsgebiet, das Sie wirklich interessiert, mit einem realistisch zu erwartenden Gehalt und ohne den extra Glanz fremder Erwartungen – oder ein Rechtsgebiet, das Ihnen fremd bleibt, mit höheren Gehaltsversprechen und zusätzlichem Prestige, die Sie am Telefon mit den Eltern stolzer klingen lässt?