Abschied von der Impfpflicht?

Zitiervorschlag
Prof. Dr. Stephan Rixen: Abschied von der Impfpflicht?. beck-aktuell, 22.04.2022 (abgerufen am: 13.05.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/10086)
Der Bundestag hat keine "allgemeine" Impfpflicht verabschiedet. Das ist eine demokratisch legitime Entscheidung. Eine "allgemeine" Covid-19-Impfpflicht ist im internationalen Vergleich eine Seltenheit. Sie wäre ohnehin keine "allgemeine" Pflicht gewesen, weil diverse Altersgrenzen (18, 50, 60 Jahre) diskutiert wurden. Abgesehen davon: Was ist von einer Impfpflicht zu halten, nachdem derselbe Bundestag kurz vorher die Möglichkeiten, eine Maskenpflicht einzuführen, deutlich beschnitten hat? Obwohl außerhalb des Querdenker-Universums unstreitig sein dürfte, dass korrekt getragene FFP2- oder vergleichbare Masken enorm schützen. Wie passt das zusammen? Von einem schlüssigen "Gesamtkonzept" (vgl. BVerfG, NJW 2022, 139 – "Bundesnotbremse I") ist das weit entfernt.
Stattdessen diese deutsche, notorisch faktenferne Gesinnungshuberei: Die einen predigten, zum Teil mit offen zur Schau getragener Panik: "Not kennt kein Gebot." Die anderen machten, genauso überzogen, die Ablehnung der Impfpflicht zum ultimativen Zeichen wirklichen Freiheitssinns. Kaum Zwischentöne, viel folgenlose Nachdenklichkeit, vor allem: lieber recht haben als Probleme lösen. Die Idee der "Impfpflicht auf Vorrat" balancierte Freiheit und Verantwortung mit Sinn für die Dynamik der Pandemie gut aus. Aber sie wurde zunächst so schlechtgeredet, dass sie später als Kompromiss keine Chance mehr hatte.
Sollte es einen weiteren Anlauf zur Impfpflicht geben, müssen sich alle politisch Verantwortlichen vornehmen: Weniger Rechthaberei, mehr Einigkeit. Was würde sonst noch helfen? Ein Gesundheitsminister, der nicht so viel twittert, und ein Bundeskanzler, der führt (vgl. Art. 65 S. 1 GG).
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Prof. Dr. Stephan Rixen: Abschied von der Impfpflicht?. beck-aktuell, 22.04.2022 (abgerufen am: 13.05.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/10086)



