Zeitspiel, VAR und Platzverweis auf Verdacht

Zitiervorschlag
Dr. Maximilian Amos: Zeitspiel, VAR und Platzverweis auf Verdacht. beck-aktuell, 10.06.2026 (abgerufen am: 10.06.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/199601)
Was muss man wissen, um sich als Jurist rechtssicher über die WM-Spiele unterhalten zu können? Wir bringen Sie auf den neuesten Stand in Sachen FIFA-Reglement. Ein paar Neuerungen haben Aufreger-Potenzial.
Die Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA steht vor der Tür und wenn ab Donnerstag wieder gejubelt, geflucht und gegrölt wird, geht es oft auch um Entscheidungen der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Weil mit dem Turnier auch einige neue Regeln des Weltfußballverbandes FIFA Einzug halten, sollten Juristinnen und Juristen sich aber vorab kundig machen für den Fall, dass sie vor dem Fernseher von Freunden oder Familie nach sportlichem Rechtsrat gefragt werden.
Auf die gute alte Abseits- oder die inzwischen auch für Expertinnen und Experten völlig unergründliche Handspiel-Regelung soll an dieser Stelle nicht mehr eingegangen werden. Doch es gibt einige Neuerungen, die womöglich für Diskussionsstoff sorgen könnten:
Mehr Befugnisse für den Videoassistenten
Eine prominente und sehr grundlegende Neuerung der vergangenen Jahre war die Einführung des sogenannten VAR – des Video Assistant Referee. Dahinter verbirgt sich ein Schiedsrichter, der in einem dem Stadion oft fernen und meist deprimierend dunklen Technik-Raum sitzt und in Echtzeit die Videoaufnahmen der Kameras im Stadion analysiert. Im Zweifel schaltet er sich dann per Funk zu, um seinen Kollegen auf dem Platz bei strittigen Entscheidungen zu warnen, sollte dieser etwas übersehen haben, was "jeder im Stadion gesehen hat", wie Fußballfans gerne monieren.
So alt wie der VAR ist dabei auch die Diskussion, in welchen Szenen sich dieser zuschalten darf. Denn jeder Eingriff bedeutet eine Unterbrechung und im Zweifel die Rücknahme einer bereits getroffenen Entscheidung auf dem Feld – für Fans und Spieler oft ein Ärgernis, zumal auch die VAR-Entscheidungen nicht immer unumstritten sind. Nun sollen auch Eckstöße, die direkt zu einem Tor führen, vom Videoassistenten überprüft werden, ebenso wie Verwechslungen, bei denen ein Spieler der falschen Mannschaft bestraft wird.
Auch wenn ein Spieler mit einer zweiten Gelben Karte – die zu Gelb-Rot führen müsste – fälschlich bestraft wird, darf der VAR Einwände erheben. Bislang war das nur bei einer "glatt" roten Karte möglich. Bleibt einem Spieler hingegen eine eigentlich berechtigte "Gelbe" erspart, herrscht weiter Funkstille aus dem Keller.
Weniger Aua, mehr Spielen
Wenn wir schon bei Ärgernissen sind: Fans wie Gegnern missfällt es gelegentlich, wenn Spieler einer Mannschaft in Führung kurz vor Schluss nach einer folgenschweren Nichtberührung mit schmerzverzerrtem Gesicht minutenlang auf dem Boden liegen und nach dem Ärzteteam winken – das bei Eintreffen natürlich feststellt, dass dem Mann nichts fehlt, sondern nur ein wenig Zeit von der Uhr gehen soll.
Die FIFA reagiert darauf nun – allerdings nicht wie in anderen Sportarten, in denen bei Unterbrechungen des Spiels einfach die Zeit gestoppt wird. Stattdessen sieht eine neue Regel vor, dass nach Verletzungsunterbrechungen mit Behandlung der betroffene Spieler das Feld nicht nur verlassen muss (soweit schon bekannt), sondern auch eine Minute am Spielfeldrand warten muss, ehe er wieder zurückdarf.
Doch es wären keine Juristinnen und Juristen am Werk, wenn es nicht Ausnahmen gäbe; so etwa bei Verletzungen des Torwarts sowie nach Kollisionen innerhalb des eigenen Teams, aber auch, wenn der Spieler zuvor vom Gegner gefoult und das Vergehen des Gegenspielers mit einer gelben oder roten Karte geahndet wurde. Auch wenn der behandelte Spieler nach einem Foul im Strafraum als Elfmeterschütze vorgesehen ist, muss er den Platz nicht verlassen.
Jetzt aber schnell!
Es gibt aber auch andere Arten von "Zeitspiel", etwa wenn Torhüter sich mit einem Abschlag aufreizend lange Zeit lassen oder ein Spieler bei seiner Auswechslung das Feld in einem Tempo verlässt, das den Zuschauer auf der heimischen Couch auf die Idee bringen könnte, dass die eigene Spielerkarriere jedenfalls nicht durch das Fitnesslevel verhindert wurde.
Nun sollen die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter mit den Fingern sichtbar die letzten Sekunden runterzählen, um Spieler zur Eile zu ermahnen. Ist der Abstoß dann noch nicht ausgeführt, erhält der Gegner einen Eckstoß, ist die Auswechslung nicht vollzogen, muss der eingewechselte Spieler mindestens eine Minute oder bis zur nächsten Spielunterbrechung draußen warten. Wann ein Schiedsrichter den Countdown startet, bleibt aber in seinem Ermessen.
Tschüss, Gelbsperre!
Die WM 2026 findet erstmals mit 48 statt wie bisher 32 Teams statt. Das sorgt auch dafür, dass die K.O.-Runde nicht erst mit dem Achtel- sondern diesmal mit einem Sechzehntelfinale beginnt. So steigt auch die Chance, die berühmte Gelb-Sperre (ein Spiel Sperre nach zwei gelben Karten) zu kassieren.
Damit nicht die besten Spieler in entscheidenden Spielen fehlen, baut die FIFA vor: Die bislang gesammelten Gelben werden nicht – wie bisher – nur nach dem Viertelfinale gelöscht, sondern zusätzlich schon einmal nach der Gruppenphase.
Wer geht, wird auch gegangen
Hitzköpfe gibt es überall und nicht alle Spieler reagieren immer verständnisvoll auf die Entscheidungen des Unparteiischen. Verlässt ein Spieler dann aus Protest gegen eine solche eigenmächtig den Platz, kann das von nun an mit einer roten Karte geahndet werden. Verursacht ein ganzes Team so gar einen Spielabbruch, wird die Partie als Sieg für den Gegner gewertet.
Sowas gibt’s nicht? Doch, die Regel hat einen realen Ursprung: Beim Finale des Afrika-Cups Anfang des Jahres in Marokko verließ das Team des Senegal nach einem umstrittenen Elfmeterpfiff zugunsten der Gastgeber vorübergehend aus Protest den Platz. Kurios: Das Spiel wurde schließlich fortgesetzt, der Gegner verschoss den Elfmeter, das Spiel ging in die Verlängerung, und der Senegal gewann schlussendlich. Doch es nutzte nichts, denn nach einem Einspruch der Marokkaner erklärte der afrikanische Fußballverband CAF den geschlagenen Finalisten letztlich doch noch zum Sieger. Zu Ende ist das Ganze aber noch nicht: Der Senegal hat den internationalen Sportgerichtshof CAS um Hilfe ersucht.
So wird es schon gewesen sein – oder?
Nun kommen wir zu einer Regel, die deutsche Juristengemüter vielleicht am meisten zu erhitzen vermag: Die FIFA untersagt von nun an unter Androhung eines Platzverweises das Verdecken des Mundes bei einem Wortgefecht. Die Regel geht zurück auf einen Beschluss des International Football Association Board, einer Art internationaler Fußball-Regel-Institution, die zwar formal nicht zur FIFA gehört, de facto aber von dieser finanziert und besetzt wird.
Hintergrund ist ein Vorfall aus dem Februar, als der Spieler Gianluca Prestianni von Benfica Lissabon den Real-Spieler Vinicius Junior während eines Champions-League-Spiels rassistisch beleidigt haben soll. Der Argentinier hielt sich dabei das Trikot vor den Mund, sodass Aufnahmen seiner Mundbewegungen ihn nicht verraten konnten.
Pikant: Das bloße Verdecken des Mundes schadet niemandem – Stichwort: Rechtsgutsverletzung. Die Regel basiert also schlicht auf der Annahme, dass jemand, der seinen Mund verdeckt, schon etwas Verbotenes sagen wird. "Es muss vermutet werden, dass ein Spieler etwas gesagt hat, das er nicht hätte sagen dürfen - sonst hätte er seinen Mund nicht bedecken müssen", argumentierte FIFA-Präsident Gianni Infantino. Doch das Mund-Verdecken bei Konversationen auf dem Feld ist zumindest im südeuropäischen Fußball, wo sich seit Jahren Lippenleserinnen und -leser für Fernsehsender verdingen, völlig üblich – auch und gerade bei freundschaftlichen Unterhaltungen. Nun soll wohl nach derzeitigem Verständnis die Sanktionierung auf konfrontative Unterhaltungen beschränkt sein. Gut möglich dennoch, dass der Verband hier mal wieder mit einer Regel über das Ziel hinausschießt.
Erfrischung muss sein
Zum Schluss noch eine Regel mit weniger Aufreger-Potenzial, aber doch einem kleinen Verdachtsmoment: Weil es bei Turnieren im Sommer heiß werden kann (Überraschung!) und dies in Mexiko oder Florida umso mehr gilt, gibt es bereits seit längerem die Möglichkeit für den Schiedsrichter, das Spiel für eine Trinkpause zu unterbrechen. Dies soll nun aber vorgeschrieben sein, jeweils etwa zur Hälfte einer Halbzeit – und zwar unabhängig von der Witterung.
Was die FIFA mit gleichen Bedingungen für alle begründet, könnte in der amerikanischen Sportvermarktungslogik aber auch eine prima Gelegenheit für Werbung sein. Gut möglich also, dass wenn die deutschen Stars nun zu Wasser und isotonischen Drinks greifen, ein Maskottchen mit einer riesigen Coca-Cola-Flasche hinter ihnen über den Platz schreitet. Na dann Prost!
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Zitiervorschlag
Dr. Maximilian Amos: Zeitspiel, VAR und Platzverweis auf Verdacht. beck-aktuell, 10.06.2026 (abgerufen am: 10.06.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/199601)



