Die Curiohaus-Prozesse – Das "Nürnberg" der britischen Besatzungszone

Zitiervorschlag
Bernhard Sprengel: Die Curiohaus-Prozesse – Das "Nürnberg" der britischen Besatzungszone. beck-aktuell, 29.02.2016 (abgerufen am: 13.05.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/179961)
Die mangelnde Verfolgung von Nazi-Verbechen in Deutschland wird oft beklagt. Wie konsequent die britische Militärjustiz in den ersten Nachkriegsjahren vorging, ist dabei weitgehend in Vergessenheit geraten. Vor 70 Jahren starteten in Hamburg die Curiohaus-Prozesse.
Erster Prozess bereits zehn Monate nach Kriegsende
Knapp zehn Monate nach Kriegsende begann am 01.03.1946 in Hamburg ein erster Kriegsverbrecherprozess. Die britische Militärjustiz stützte sich dabei auf einen königlichen Erlass, den Royal Warrant vom 14.06.1945. Gerichtsort ist das Curiohaus an der Rothenbaumchaussee, dessen großer Saal von den Bombenangriffen weitgehend verschont geblieben ist. Von den mehr als 250 Kriegsverbrecherprozessen in der britischen Besatzungszone fanden 190 in dem Hamburger Haus der Lehrergewerkschaft statt, schreibt die Juristin Katrin Hassel. Der Archivar der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Reimer Möller, sagt: "Das Hamburger Curiohaus ist das Nürnberg der britischen Besatzungszone." In den Nürnberger Prozessen hatte ein alliiertes Militärgericht die obersten Nazi-Führer abgeurteilt.
Erster Prozess betraf Zylkon-B-Produzenten
Das Gericht in Hamburg verhandelte vor allem über Verbrechen von SS-Leuten in den KZs Neuengamme und Ravensbrück. Den Auftakt bildete am 01.03.1946 aber ein Prozess gegen den Unternehmer Bruno Tesch, dessen Prokuristen Karl Weinbacher und den technischen Mitarbeiter Joachim Drosihn. Die Firma Tesch & Stabenow stellte das Gift Zyklon B her, mit dem die Nazis in Auschwitz rund eine Million Menschen vergasten. In Hamburg wurde das Gift vor allem zur Begasung von Schiffsladeräumen gebraucht, wie der Archivar Möller erklärt. Tesch belieferte aber auch die Wehrmacht und die SS, zunächst zur Bekämpfung von Ungeziefer. Dann kam die SS auf die Idee, mit dem Blausäure-Gift Menschen zu töten. Tesch & Stabenow produzierte zwischen 1942 und 1944 große Mengen von Zyklon B für Auschwitz.
Unternehmer und sein Prokurist zum Tode verurteilt
Unter den Opfern der Gaskammern seien auch zahlreiche Bürger alliierter Staaten gewesen, und die Firmenchefs hätten gewusst, dass ihr Gift zur Ermordung von Menschen eingesetzt wurde, stellte das Militärgericht 1946 fest. Es verurteilte Tesch und Weinbacher am 08.03.2016 zum Tod, während Drosihn freigesprochen wurde.
Kurz darauf Hauptprozess gegen SS-Männer aus KZ Neuengamme
Nur zehn Tage später begann der Hauptprozess gegen 14 SS-Männer aus dem KZ Neuengamme, darunter den Kommandanten Max Pauly. Nach 39 Verhandlungstagen wurden Pauly und zehn weitere Angeklagte ebenfalls zum Tod verurteilt und wenige Monate später hingerichtet. Es folgten weitere 34 Verfahren gegen Kommandanten und Wachmannschaften des KZs Neuengamme und seiner zahlreichen Außenlager. Das Gericht verhängte nach Angaben von Möllers Kollegin Alyn Beßmann allein in den Neuengamme-Prozessen 37 Todesurteile, von denen später sechs in Haftstrafen umgewandelt wurden.
Prozess auch gegen Lagerpersonal von Frauen-KZ Ravensbrück
Die Richter im Curiohaus verhandelten auch gegen das Lagerpersonal von Ravensbrück. Das Frauen-KZ lag in der sowjetischen Besatzungszone. Die britische Militärjustiz kam zum Zug, weil dort eine britische Geheimagentin ermordet wurde, wie Möller erläutert. Im Prozess, gegen den sich die Russen nicht sperrten, ging es auch um medizinische Versuche an Häftlingen in Ravensbrück.
Verurteilungen ohne Nachweis direkter Tatbeteiligung
Die bundesdeutsche Justiz brauchte später oft Jahre, um Verfahren gegen NS-Täter zum Abschluss zu bringen. Machten die Briten also kurzen Prozess mit ihren Angeklagten? "Die Verfahren sind einwandfrei rechtsstaatlich gewesen. Sie sind äußerst fair geführt worden", betont Möller. Die Beweisführung sei jedoch von vornherein anders angelegt gewesen. Den Angeklagten habe nicht eine direkte Tatbeteiligung nachgewiesen werden müssen.
Fokus auf Nachweis "verbrecherischen Systems"
Die Ankläger legten stattdessen größten Wert auf den Nachweis, dass es sich bei den Konzentrationslagern um verbrecherische Systeme handelte. Der von den Nazi-Führern geprägte Begriff "Vernichtung durch Arbeit" spielte in der Argumentation eine zentrale Rolle, stellten Beßmann und der Historiker Marc Buggeln in einem Aufsatz fest.
Damalige Argumentation wieder aktuell
Seit dem Münchener Urteil gegen den ehemaligen Wachmann im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, wegen Beihilfe zum Mord im Jahr 2011 ist die Argumentation von damals wieder aktuell. Im Jahr 2015 verurteilte das Landgericht Lüneburg den früheren SS-Mann Oskar Gröning zu vier Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord an 300.000 Menschen in Auschwitz. Inzwischen haben weitere Verfahren gegen hochbetagte Angeklagte begonnen, unter anderem in Detmold.
- dpa
Zitiervorschlag
Bernhard Sprengel: Die Curiohaus-Prozesse – Das "Nürnberg" der britischen Besatzungszone. beck-aktuell, 29.02.2016 (abgerufen am: 13.05.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/179961)



