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Prozessbeginn in Rom

Mafia oder bloß Korruption?

Produkthaftung 2026

Der Hauptangeklagte muss den Prozess gegen ihn aus mehr als 400 Kilometern Entfernung verfolgen. Massimo Carminati (57), genannt "Il Nero"(Der Schwarze) oder "Der Einäugige", sitzt in einem Gefängnis in Parma unter verschärften Haftbedingungen. Das sehen die Anti-Mafia-Gesetze Italiens vor. Der frühere neofaschistische Terrorist, der bei einer Schießerei ein Auge verlor, gilt als hochgefährlich und wird daher den Verhandlungen nur per Videokonferenz zugeschaltet. Carminati gilt als zentrale Figur der "Mafia Capitale" (Hauptstadtmafia), der seit dem 05.11.2015 in Rom der Prozess gemacht wird.

Netz war Anfang Dezember 2014 aufgeflogen

Die Anklage wirft Carminati vor, Drahtzieher einer kriminellen Bande zu sein, die Politiker und städtische Bedienstete dafür bezahlte, dass sie öffentliche Aufträge unter anderem zur Abfallbeseitigung, der Einrichtung von Flüchtlingsheimen, für Parkreinigung oder Straßenbau an die eigenen Firmen vergab. Wer den krummen Geschäften im Weg stand, wurde massiv eingeschüchtert. Das Netz war Anfang Dezember 2014 aufgeflogen, Carminati und mehrere Dutzend andere Personen wurden festgenommen.

Verteidiger: Prozess von den Medien "gedopt"

Carminati werde aussagen, erklärte sein Verteidiger Giosuè Naso zu Prozessbeginn, er wolle "einen ganzen Haufen Dinge" richtigstellen. Zugleich schimpfte er, der Prozess sei von den Medien "gedopt", also aufgeblasen worden. In einem ersten Schlagabtausch mit Staatsanwalt Giuseppe Cascini sprach Naso von einem "processetto", einem "Prozesslein". Das sei nicht respektvoll, konterte Cascini.

Bei Mafia-Delikten drohen deutlich höhere Gefängnisstrafen

Die Verteidiger, so viel zeichnete sich am ersten Prozesstag ab, wollen nachweisen, dass die Umtriebe des Schmiergeldkartells keineswegs als Mafia-Delikte einzustufen sind, auf die in Italien deutlich höhere Gefängnisstrafen stehen. "Das ist keine Mafia, dieser Prozess sollte sich kapitale Korruption nennen", sagte der Anwalt Fabrizio Gallo, Verteidiger des angeklagten Tankwarts Roberto Lacopo laut Nachrichtenagentur Ansa. "Die Mafia in Rom existiert nicht, das ist nur eine Konstruktion", sagte der Verteidiger des Unternehmers Salvatore Buzzi dem Fernsehsender "Sky".

Verteidiger hatten wegen Prozess-Tempo mit Streik gedroht

Nach der Eröffnung des Prozesses im Gerichtssaal an der Piazzale Clodio in der Innenstadt geht es am 09.11.2015 aus Sicherheitsgründen an den Stadtrand. Dann soll in einem als "Bunker" bekannten Saal im Gefängnis im Stadtteil Ribibbia weiterverhandelt werden. Dort war auch schon gegen Terroristen der Roten Brigaden und Angehörige der düsteren Geheimloge P2 verhandelt worden. Bis Ende Juli 2016 sind 135 weitere Verhandlungstage angesetzt. Richterin Rosanna Ianniello gibt mit häufig vier Sitzungen pro Woche ein hohes Tempo vor. Die Verteidiger hatten deshalb vor Prozessbeginn schon mit einem Streik gedroht.