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Der Ruanda-Gerichtshof

Ein "Experiment" internationaler Gerechtigkeit

Rechtspartnerschaften in Zeiten des Krieges

In den Aufzügen des Internationalen Gerichtshofs für den Völkermord in Ruanda (ICTR) hängen Poster mit der Aufschrift: "Erinnerungsgegenstände gesucht". Sie wirken, als sei das Gericht im Norden Tansanias bereits Geschichte. Draußen am Eingang vor dem großen Gebäude in der Stadt Arusha ist das Blau des Logos der Vereinten Nationen zu einem hellen Grau verblasst, die Gänge sind verlassen. In Arusha wurden mehr als 60 hochrangige Verbrecher verurteilt, die Initiatoren und Intriganten des Genozids, darunter Militärs, Politiker, ein Regierungschef, Journalisten. Doch Geschichte wird der ICTR erst am 31.12.2015 sein: Nach 21 Jahren schließt er dann für immer, sein Auftrag ist beendet. Der ICTR hinterlässt bedeutende Errungenschaften in der internationalen Strafgerichtsbarkeit.

Völkermord an der Tutsi-Minderheit

Ein Rückblick. Ruanda im April 1994: Der Bürgerkrieg ist seit einem Jahr beendet, der Frieden aber brüchig. Dann wird das Flugzeug des Hutu-Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen – von wem, das bleibt ungeklärt. Radikale Hutu nehmen die Tragödie zum Anlass, um einen Völkermord an der Tutsi-Minderheit und moderaten Hutu zu beginnen. Das Land verfällt ins Chaos, Menschen werden erbarmungslos abgeschlachtet, in den Flüssen treiben Tote, extremistische Medien rufen zu Mord auf. Innerhalb von nur 100 Tagen werden nach UN-Schätzungen zwischen 800.000 und einer Million Menschen systematisch verfolgt und getötet. Die Vereinten Nationen ziehen ihre Friedenswächter ab, der Rest der Welt schaut tatenlos zu.

Gericht im "Residualmechanismus"

Anfang 1995 wird der ICTR in Arusha auf Beschluss des UN-Sicherheitsrates eingerichtet. Heute ist noch ein Fall in Revision. Es geht um die ehemalige Familienministerin Pauline Nyiramasuhuko, die erste Frau, die wegen Völkermordes schuldig gesprochen wurde. Das Gericht ist deswegen in den "Residualmechanismus" übergangenen, eine Art Übergangsgericht, zuständig für die Vollstreckung der Urteile, Zeugenschutz und Archivierung. Von einst 1.200 Mitarbeitern sind 190 verblieben.

"Experiment" internationaler Gerechtigkeit

Einer von ihnen ist Bongani Majola, der Verwaltungschef des Gerichts. Mit 63 Jahren ist er eigentlich schon im Rentenalter, aber "diese Aufgabe werde ich noch beenden", sagt er und blickt auf die blaue UN-Flagge neben ihm. Er betrachtet den ICTR als ein "Experiment" internationaler Gerechtigkeit: Es habe dem Rest der Welt gezeigt, dass internationale Strafjustiz keine Utopie sei, sondern möglich.

Erstmals Regierungschef wegen Genozids verurteilt

Majola ist stolz: Der ICTR habe als erstes internationales Gericht Urteile im Bezug auf Genozid gesprochen. "Nun hat kein Gericht mehr ein Problem, zu interpretieren, was Völkermord eigentlich heißt", sagt er. Mit Ruandas ehemaligem Premierminister Jean Kambanda wurde erstmals ein Regierungschef wegen Genozids verurteilt. Ein Meilenstein. "Damit haben wir gezeigt: Die Zeit, in der afrikanische Staatsoberhäupter mit ihren Menschen machen können, was sie wollen, ist vorbei", sagt Majola. Zudem wurde Vergewaltigung zum ersten Mal als strategisches Instrument von Völkermord anerkannt. "Aber das reicht nicht", sagt Majola. Mehr Täter hätten aus seiner Sicht bestraft werden müssen. Nach UN-Angaben wurden zwischen 100.000 und 250.000 Frauen während des Genozids sexuell missbraucht.

Aufarbeitung mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden

Leicht war die Aufarbeitung nicht. Wie beweist man Straftaten, die Jahre zurück liegen? Wie findet man Zeugen? Bei ihren Gesprächen mit der Bevölkerung hatten die internationalen Ermittler in Ruanda mit Misstrauen und Sprachbarrieren zu kämpfen. Viele der Menschen waren nicht mit dem internationalen Rechtssystem vertraut und zuvor nie im Ausland gewesen. Es gestaltete sich schwierig, sie nach Arusha zu holen.

Verurteilte sitzen Strafen in Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ab

14 Beschuldigte wurden freigesprochen. Von den Verurteilten mussten manche nur ein paar Monate ins Gefängnis, andere lebenslänglich. Ihre Strafen sitzen sie in Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ab, die sich bereiterklärt haben, sie aufzunehmen – etwa Italien, Schweden, Mali. Der Präsident und Vorsitzende Richter des ICTR, Vagn Joensen, bat den UN-Sicherheitsrat im Juni um eine Lösung für das "Problem der Umsiedlung der Freigesprochenen und Entlassenen, die noch in Arusha sind". Sie leben seit Jahren in einem geheimen UN-Unterschlupf.

Gräueltaten noch immer nicht ganz aufgearbeitet

Wenn das Tribunal seine Pforten schließt, werden die Gräueltaten aber noch immer nicht ganz aufgearbeitet sein. In Gerichten in Ruanda dauern die – vorwiegend gegen Zivilisten laufenden – Prozesse noch an. Erst kürzlich wurde in London der ruandische Geheimdienstchef Karenzi Karake gefasst. Er soll während des Genozids Massaker angeordnet haben. Im ICTR hängt auch ein Poster mit den verbliebenen neun Flüchtigen. Ob man sie noch finden wird? "Die Ermittler arbeiten weiterhin", sagt Majola, "aber es ist sehr schwierig".