Direkt zum Inhalt
Direkt zum Inhalt
Warum sich der Vis Moot lohnt

"Ich hatte nie das Gefühl, dass es nur ums Gewinnen geht"

Gruppenfoto des Moot Court Teams
Das Frankfurter Team des Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot 2026 © privat

Von Frankfurt über New York nach Hong Kong und Wien. Sara Stanisic hat an einem der prestigeträchtigsten Moot Courts der Welt teilgenommen. Auch wenn ihr Team es nicht ins Finale geschafft hat, würde sie immer wieder teilnehmen – und erzählt im Interview, wieso.

beck-aktuell: Sie haben am Willem C. Vis International Commercial Arbitration Moot in Hong Kong und Wien teilgenommen. Was hat Sie motiviert, sich zu bewerben?

Sara Stanisic: Das war tatsächlich Zufall. Ich bin gerade im Schwerpunkt und habe mich mit einem Bekannten unterhalten, der zuvor selbst am Vis Moot teilgenommen hatte und dieses Jahr das Coaching übernommen hat. Er hat so euphorisch von seinen Erfahrungen erzählt, dass ich gleich Interesse hatte.

Was mich dann besonders angesprochen hat, war, dass alles auf Englisch stattfindet. Im Jurastudium hat man sonst kaum Gelegenheiten, juristisches Englisch wirklich anzuwenden. Das fand ich wahnsinnig spannend. Am Ende dachte ich: Ich bewerbe mich einfach mal, mehr als eine Absage kann ja nicht passieren. Und im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich es gemacht habe.

"Noten sind nicht das Entscheidende"

beck-aktuell: Wer kann sich denn für ein Moot-Court-Team bewerben? Gibt es formale Voraussetzungen, zum Beispiel bestimmte Noten oder ein Mindestsemester?

Stanisic: Der Vis Moot steht grundsätzlich allen Jurastudierenden offen. In unserem fünfköpfigen Team war die jüngste Teilnehmerin im zweiten Semester. Natürlich schauen die Coaches auch auf die Noten, vor allem wenn es in einem Jahrgang viele Bewerberinnen und Bewerber gibt. Aber es ist definitiv keine zwingende Voraussetzung, ein Prädikat mitzubringen. Viel wichtiger ist das Gesamtbild. Die Coaches haben uns gesagt, dass sie aus der Bewerbung vor allem herauslesen wollen, ob jemand wirklich Lust hat, sich ein Semester lang intensiv darauf einzulassen.

Deswegen muss man neben dem Lebenslauf auch ein Motivationsschreiben einreichen. Beim persönlichen Kennenlerngespräch muss man dann direkt seine Englischkenntnisse unter Beweis stellen. Das Gespräch ist eher locker, man erzählt ein bisschen über sich und warum man mitmachen möchte. Wenn auch das passt, gibt es eine zweite Gesprächsrunde, in der man 15 Minuten Zeit hat, um sich auf ein Thema vorzubereiten und es dann zu präsentieren. Die Coaches achten auch darauf, dass das Team als Ganzes funktioniert und unterschiedliche Stärken zusammenkommen. Dabei geht es nicht nur um juristische Fähigkeiten, sondern auch um die Persönlichkeit.

"Nebenbei normal zu studieren, geht kaum"

beck-aktuell: Das klingt nach einem sehr aufwendigen Auswahlprozess schon im Vorfeld. Der Wettbewerb wird dann nochmal zeitintensiver. Wie haben Sie den Moot Court in Ihr Studium integriert?

Stanisic: Der Aufwand ist tatsächlich enorm. Ein reguläres Semester mit Klausuren parallel durchzuziehen, ist eigentlich kaum realistisch. An den meisten Universitäten ist es deshalb möglich, für den Moot ein Urlaubssemester zu beantragen, das nicht auf den Freischuss angerechnet wird.

Der Fall wurde Anfang Oktober veröffentlicht. Das ist eine umfangreiche Akte mit über 50 Seiten, inklusive Zeugenaussagen, E‑Mail‑Verkehr und allem, was dazugehört. Danach legt man direkt los: Die Abgabe des Klageschriftsatzes war im Dezember, der Beklagtenschriftsatz folgte im Januar. Dazwischen haben wir als Team kontinuierlich an unseren Schriftstücken gearbeitet.

"Schriftsatz, Pleadings – und ganz viel Training"

beck-aktuell: Und danach beginnt die Phase der mündlichen Verhandlungen?

Stanisic: Genau. Nach dem Beklagtenschriftsatz ging es nahtlos in die Pleading‑Phase. Ab Ende Januar haben wir uns intensiv auf die mündliche Verhandlung vorbereitet. Wir waren in Kanzleien, haben dort Pleadings geübt und Feedback bekommen. Außerdem haben wir uns mit anderen Universitäten getroffen, um gegeneinander anzutreten.

Dazu kommen die sogenannten Pre‑Moots. Das sind von Universitäten organisierte Probewettbewerbe, bei denen mehrere Teams die spätere mündliche Verhandlung simulieren. Das ist unglaublich aufregend und lehrreich, weil man die Argumente anderer Universitäten hört und merkt, wie unterschiedlich man an den Fall herangehen kann.

Das Finale selbst findet in Wien statt, zusätzlich gibt es einen Moot in Hongkong. Wir waren bei beiden dabei. Die Reisen sind natürlich auch zeitaufwändig.

"Ohne Sponsoren geht es nicht"

beck-aktuell: Ein Flug nach Hongkong ist teuer. Wie haben Sie das finanziert?

Stanisic: Die Universität übernimmt in der Regel die Anmeldegebühren für den Wettbewerb, aber alles Weitere hängt stark vom jeweiligen Team ab. Der Großteil der Finanzierung läuft über Sponsoren, vor allem über Kanzleien. Unsere Coaches waren dabei sehr kreativ. Einer unserer Sponsoren war zum Beispiel ein Gabelstaplerunternehmen. 

Je nachdem, wie viel Geld man einsammelt, kann man sich mehr oder weniger viele Pre‑Moots leisten. Für viele Teams ist die Teilnahme in Hongkong aber natürlich schon eine Kostenfrage. Wichtig ist: Als Studierende zahlt man nichts aus eigener Tasche. Flüge und Unterkünfte werden gestellt. Das fand ich persönlich sehr wichtig.

"Ich hatte nie das Gefühl, dass es nur ums Gewinnen geht"

beck-aktuell: Viele Arbeitgeber – vor allem internationale Großkanzleien – erwarten eine Moot-Court-Teilnahme heute im Lebenslauf. Vor allem Studierende aus Nichtakademiker-Familien haben diese Möglichkeit aber gar nicht auf dem Schirm. Ist der Vis Moot deshalb eine Elite-Veranstaltung?

Stanisic: Ich kann den Punkt durchaus nachvollziehen. Es ist ein Wettbewerb, der Zeit, Unterstützung und ein gewisses Umfeld erfordert. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass sich die Universitäten wirklich Mühe geben, den Moot für alle zu öffnen. Gerade dadurch, dass man selbst nichts bezahlen muss, wird viel abgefedert.

Trotzdem bleibt es ein Privileg, sich ein Semester komplett auf so etwas konzentrieren zu können. International gesehen ist das keineswegs selbstverständlich. Viele Teams aus anderen Ländern müssen den Moot komplett neben ihrem normalen Studium bewältigen. Im Gespräch merkt man erst, wie privilegiert deutsche Studierende sind. 

Was ich aber sehr schätze, ist, dass beim Vis Moot alle bei null anfangen. Es ist ein neues Rechtsgebiet, man muss auf Englisch plädieren, und niemand hat einen wirklichen Heimvorteil. Der Wettbewerb ist leistungsorientiert, aber nicht verbissen. Ich hatte nie das Gefühl, dass es nur ums Gewinnen geht.

"Common Law tickt anders"

beck-aktuell: Sie haben viele internationale Teams kennengelernt. Was machen andere Länder vielleicht besser als wir?

Stanisic: Besonders aufgefallen ist mir der Unterschied im mündlichen Vortrag. Bei Pre‑Moots in den USA habe ich gemerkt, dass amerikanische Teams rhetorisch unglaublich stark sind. Sie lernen das schon viel früher im Studium. Sie sind selbstbewusst, klar und bringen ihre Argumente sehr prägnant auf den Punkt.

Wir Deutschen sind dagegen oft extrem gründlich und dogmatisch. Das ist an sich eine Stärke, gerade in der Schriftsatzphase. Aber in den Pleadings neigen wir manchmal dazu, alles unterbringen zu wollen. Common‑Law‑Teams sind da strategischer: Sie wählen die Argumente aus, die gut klingen und wenig Rückfragen provozieren. Davon haben wir uns viel abgeschaut. Gerade dieses freie Sprechen und das Vertrauen in die eigene Wirkung waren große Lernfelder für mich.

"Teamarbeit lernt man im Jurastudium kaum"

beck-aktuell: Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Stanisic: Zum einen ganz klar die Teamarbeit. Im Jurastudium ist man stark auf Einzelkämpfertum getrimmt. Hier musste man als Team einen Schriftsatz verfassen. Das bedeutet, Kompromisse einzugehen und nicht jede eigene Idee durchzusetzen. Am Anfang war das ungewohnt, aber es war ein unglaublich wertvolles Learning.

Zum anderen war es das mündliche Auftreten. In der Pleading‑Phase bekommt man ein intensives Coaching. Drei Coaches sitzen vor einem und zählen mit, wie oft man den Blickkontakt abbricht oder mit den Haaren spielt. Das ist hart, aber extrem effektiv. Ich habe gelernt, bewusst Denkpausen zu machen, Blickkontakt zu halten und souverän mit Rückfragen umzugehen – selbst dann, wenn die eigene Position objektiv eher schwach ist.

"Schiedsverfahren haben mir eine neue Welt eröffnet"

beck-aktuell: Wir haben schon viel über den Ablauf einer Moot-Court-Teilnahme und Ihre Learnings gesprochen. Aber worum ging es in dem Fall eigentlich inhaltlich?

Stanisic: Es ging um einen internationalen Kaufvertrag über (fiktive) Vanilleorchideen. Die Verkäuferin hatte sich verpflichtet, Importgenehmigungen zu beschaffen, die dann aufgrund verschärfter Einfuhrbedingungen nicht erteilt wurden. Streitpunkt war, ob sie das hätte vermeiden können und ob ein späterer Deckungskauf ordnungsgemäß war. Prozessual ging es um die Auslegung einer Schiedsklausel und um die Frage, ob Verträge mit Drittfinanzierern offengelegt werden müssen. Das hing wiederum davon ab, welche Schiedsregeln Anwendung finden. Es war ein sehr komplexer und lehrreicher Fall.

beck-aktuell: Hat die Teilnahme Ihr Interesse am internationalen Handelsrecht gestärkt oder sogar Ihre beruflichen Ziele beeinflusst?

Stanisic: Definitiv. Schiedsverfahrensrecht war für mich vorher kein Thema. Durch den Vis Moot habe ich gemerkt, wie international und spannend dieses Feld ist. Ich kann mir gut vorstellen, später in diese Richtung zu gehen. 

"Man kann so viel gewinnen und eigentlich nichts verlieren"

beck-aktuell: Würden Sie rückblickend etwas anders machen?

Stanisic: Nein, es war alles eine tolle Erfahrung und ich würde jederzeit wieder teilnehmen. Ich würde mir nur wünschen, dass ich mir selbst am Anfang mehr zugetraut hätte. Aber genau dafür ist der Vis Moot da. Ich habe fachlich, persönlich und rhetorisch unglaublich viel gelernt. 

beck-aktuell: Was raten Sie Studierenden, die überlegen, teilzunehmen?

Stanisic: Einfach bewerben. Egal in welchem Semester. Man kann so viel gewinnen und eigentlich nichts verlieren. Man lernt tolle Menschen kennen, reist um die Welt und sammelt Erfahrungen, die man im normalen Studium kaum machen kann.

Das Gespräch führte Dr. Jannina Schäffer.

Transparenzhinweis: Sara Stanisic ist Werkstudentin in der Redaktion von beck-aktuell.