Welche Erwartung haben meine Ausbilder in der Zivilstation?

Zitiervorschlag
Christian Walz: Welche Erwartung haben meine Ausbilder in der Zivilstation?. beck-aktuell, 03.07.2026 (abgerufen am: 03.07.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/201266)
Dieser Woche in der Ratgeberkolumne für (angehende) Juristinnen und Juristen: "Welche Erwartungen haben Ausbilderinnen und Ausbilder in der Zivilstation zu Beginn des Referendariats – und wie kann ich mich von Beginn an positiv abheben, Herr Walz?"
Christian Walz: Zuerst möchte ich Ihnen eine Sorge nehmen: Man erwartet von Ihnen nicht, dass Sie schon vor dem Referendariat anfangen, fürs Referendariat zu lernen.
Das sollte selbstverständlich sein. Nichtsdestotrotz werde ich immer wieder gefragt, welches Lehrbuch oder Skript man lesen sollte, um sich auf das Ref vorzubereiten. Die einzige Lektüre, die ich Ihnen im Vorfeld des Refs ans Herz legen würde, wäre der Reiseführer für Ihren hoffentlich bald anstehenden Urlaub. Das Ref wird stressig genug. Also gönnen Sie sich noch einmal ausgiebig Urlaub! Und wiederholen Sie nicht meinen Fehler: Ich glaubte, in meinen letzten großen Urlaub vor dem Ref tatsächlich ein dickes Lehrbuch zum Zivilprozessrecht mitnehmen zu müssen. Zur "Gewissensberuhigung", die dann das exakte Gegenteil von dem war, was sie sein sollte – denn natürlich las ich im Urlaub keine einzige Seite aus dem Lehrbuch, was das schlechte Gewissen nicht gerade minderte...
Also: Das Referendariat ist nicht ohne Grund ein Vorbereitungsdienst und begründet ein Ausbildungsverhältnis – alles, was wichtig ist, werden Sie noch früh genug im Ref beigebracht bekommen! Deshalb ist es auch vollkommen normal, wenn Sie Ihre ersten praktischen Arbeiten bei Ihrer Ausbilderin bzw. Ihrem Ausbilder in der Zivilstation mehr oder weniger in den Sand setzen. Man erwartet Fehler, ohne sie gibt es keinen Lernprozess!
Aus den eigenen Fehler lernen
Dass man aus Fehlern lernt, setzt aber auch voraus, dass man hierzu bereit und willens ist. Man erwartet – wie gesagt – nicht, dass Sie direkt druckreife Urteilsentwürfe abliefern – aber man erwartet, dass Sie das Feedback Ihrer Ausbilderinnen und Ausbilder ernst nehmen und versuchen, dieses in künftigen Arbeiten umzusetzen. Wenn etwa in den Rubren der Urteile – das sind die "Deckblätter" der Urteile mit den wichtigsten Verfahrens- und Beteiligtendaten – immer wieder die gleichen formalen Fehler auftauchen, lässt sich das irgendwann kaum noch mit einem Lernprozess erklären. Näher liegt dann der Verdacht einer gewissen Ignoranz oder "Kein Bock"-Einstellung.
Man sollte sich den Ratschlägen der Ausbilderinnen und Ausbilder auch nicht deshalb verschließen, weil irgendein privates Repetitorium etwas in einem Skript anders vertritt – es wird sehr gute Gründe haben, warum Ihnen Ihr Ausbilder bzw. Ihre Ausbilderin etwas gerade so und nicht anders empfohlen hat. Das bedeutet nicht, dass Sie unkritisch sein sollen. Die Gepflogenheiten der Praxis sind oft historisch gewachsen, manchmal schwer verständlich und alles andere als zwingend. Fragen Sie nach, diskutieren Sie – gerne auch kritisch! Machen Sie sich aber auch bewusst: Ihre Ausbilderinnen und Ausbilder haben regelmäßig Top-Examensnoten und langjährige, teilweise jahrzehntelange Erfahrungen. Ihren Ratschlägen sollten Sie deshalb auch mit einem gewissen Vertrauensvorschuss begegnen.
Begegnen Sie allen mit dem gebotenen Respekt
Sie sollten sich auch bewusst sein, dass Sie als Referendar bzw. Referendarin eine verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen. Auch Sie repräsentieren die dritte Staatsgewalt und unseren Rechtsstaat – so abgedroschen das klingen mag, "gerade in diesen Zeiten" scheint mir das erwähnenswert. Begegnen Sie den Verfahren und den Beteiligten deshalb mit dem gebotenen Respekt.
Also bitte kein Picknick im Gerichtssaal während laufender Verhandlung. Und ja, hier müssen wir auch mal kurz über die Kleiderfrage reden. Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie als rechts- und häufig hilfesuchende Partei in einem Rechtsstreit einer Richterbank gegenübersäßen, auf der eine Person im Jogger und Hoodie Platz nimmt? Es wirkt jedenfalls wie zur Schau getragenes Desinteresse, und schon diesem Eindruck sollten Sie als Repräsentant des Rechtsstaats von Anfang an tunlichst vorbeugen.
Und wie kann man sich nun positiv "abheben"? Vielleicht, indem Sie erst gar nicht lange über diese Frage nachdenken. Versuchen Sie, sich von dem Wettbewerbsdenken, das der Frage zugrunde liegt, so früh wie möglich zu lösen, und nehmen Sie das Referendariat als – weltweit recht einzigartige – Chance wahr, echte Einblicke in viele spannende Berufe zu erhalten und vielleicht eine Antwort auf die – viel wichtigere und schwierigere – Frage zu finden, welcher Beruf zu Ihnen am besten passt. Vielleicht werden Sie – so wie ich seinerzeit als Referendar – merken, wie sinnstiftend, erfüllend und abwechslungsreich die Arbeit am Gericht ist, und wie viel Freude es bereiten kann, mit Parteien an einer gütlichen Lösung zu arbeiten oder mit sorgfältig begründeten Entscheidungen für Rechtsfrieden zu sorgen.
Wenn Sie diesen Wert der richterlichen Tätigkeit erkennen, dann wird – ganz losgelöst von Notendruck und Konkurrenzdenken – vieles von selbst kommen: die Motivation, eine hohe Qualität der Arbeiten und ein gutes Gespür für die Zusammenhänge. Und dann bin ich mir sicher, dass Sie auch Ihren Ausbilderinnen und Ausbildern in bester Erinnerung bleiben werden – und diese hoffen werden, Sie nach dem Ref als Kollegin bzw. Kollegen bald wiedersehen zu dürfen.
Kompass Karriere ist die wöchentliche Ratgeberkolumne von beck-aktuell. HEUTE IM RECHT für (angehende) Juristinnen und Juristen. Expertinnen und Experten beantworten Fragen zu Jurastudium, Referendariat, Berufseinstieg und Karriere im Recht, geben Orientierung im Paragrafendschungel und klare Tipps für kluge Entscheidungen auf dem Weg in den und im Beruf. Wenn auch Sie eine Frage zu einem dieser Themen haben, schicken Sie uns diese - gern auch anonym - an redaktion@beck-aktuell.de.
Die vorherige Kolumne finden Sie hier: Kompass Karriere #4: Was, wenn ich mich beruflich für das Falsche entschieden habe? (Leif Schubert)
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Christian Walz: Welche Erwartung haben meine Ausbilder in der Zivilstation?. beck-aktuell, 03.07.2026 (abgerufen am: 03.07.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/201266)



