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Zweites Examen in Rheinland-Pfalz

Erstmals digitale Kommentare beim Juraexamen

Mehrere Studierende sitzen an einer Reihe von Tischen mit jeweils zwei Bildschirmen und schreiben Examen
So sah der Prüfungsraum in RLP aus. © C.H. Beck

Rechtsreferendare haben in Rheinland-Pfalz das Zweite Staatsexamen erstmals vollständig digital abgelegt. Neben der elektronischen Klausurbearbeitung am Laptop konnten sie auch Gesetze und Kommentare in einer digitalen Fachbibliothek abrufen.

Rheinland-Pfalz hat im Oktober als erstes Bundesland das Zweite Juristische Staatsexamen vollständig digital durchgeführt. In den vergangenen zwei Wochen legten rund 200 Rechtsreferendarinnen und Rechtsreferendare an den Standorten Mainz, Trier und Frankenthal ihre schriftlichen Examensklausuren als E-Examen, also am Laptop ab. Die Besonderheit: Erstmals konnten sie darüber hinaus auch auf eine digitale Bibliothek mit den zugelassenen Gesetzestexten und Kommentaren zugreifen. 

Bislang mussten die Prüflinge an jedem der acht Klausurtage zahlreiche gedruckte Gesetzestexte und eine Kommentarsammlung mitbringen. Nun standen die Hilfsmittel digital auf einem zweiten Bildschirm innerhalb der Prüfungsumgebung bereit. Nach Angaben des rheinland-pfälzischen Justizministeriums konnten die Kandidatinnen und Kandidaten damit ihre gesamte schriftliche Prüfung ohne gedruckte Fachliteratur absolvieren. 

Das E-Examen hatte Rheinland-Pfalz bereits im Oktober 2021 eingeführt. Auch Korrekturen und Akteneinsicht erfolgten nach Angaben des Ministeriums seit Jahren digital. Mit der digitalen Bereitstellung der Hilfsmittel könne nun aber erstmals der gesamte Prüfungsprozess digital abgebildet werden. 

Digitale Bibliothek ersetzt Bücherstapel

Technische Grundlage des Projekts ist die von der C.H. Beck-Gruppe, zu der auch beck-aktuell.HEUTE IM RECHT gehört, entwickelte beck-eExamensbibliothek. Sie stellt die für das Examen zugelassenen Gesetzestexte und Kommentare in einer digitalen Umgebung zur Verfügung. 

Die technische Umsetzung erfolgte nach Angaben des Verlags gemeinsam mit der IQUL GmbH. Während C.H.BECK die digitale Fachbibliothek bereitstellte, verantwortete die IQUL GmbH die Prüfungsinfrastruktur und die sichere Einbindung der digitalen Hilfsmittel in die Examensumgebung. 

Der Einführung war eine längere Testphase vorausgegangen. Seit Mai 2025 konnten Referendarinnen und Referendare in Rheinland-Pfalz die digitale Prüfungsbibliothek während ihres Vorbereitungsdienstes testweise nutzen. Ihr Feedback sei fortlaufend in die Weiterentwicklung eingeflossen. Im Mai 2026 wurde das System unter realen Bedingungen in einem Probeexamen getestet. 

"Bildet die Berufspraxis ab"

Der rheinland-pfälzische Justiz- und Verbraucherschutzminister  bezeichnete die Umstellung als Teil einer modernen Juristenausbildung. "Ein leistungsfähiger Rechtsstaat braucht gut ausgebildete Juristinnen und Juristen. Dazu gehört eine moderne Ausbildung, die der Arbeitsweise junger Menschen entspricht und sie realitätsnah auf das Arbeitsleben vorbereitet", erklärte Helmut Martin. 

Gedruckte Gesetzes- und Kommentarbände spielten im Berufsalltag vieler Juristinnen und Juristen mittlerweile kaum noch eine Rolle. "Die volldigitale Prüfung bildet diese Praxis ab", sagte er. Zugleich verwies er auf einen weiteren Effekt der Digitalisierung: "Die jeweils aktuellen Auflagen der benötigten Gesetzestexte und Kommentare müssen für die Prüfung nicht mehr gekauft oder gemietet werden."

"Grundlage für umfassend digitale Examina"

Die Präsidentin des Landesprüfungsamts, Birgit Nennstiel, stellte klar: "Wir wollen keine einfachere Prüfung, sondern eine realistischere. Die juristische Kompetenz soll weiterhin im Mittelpunkt stehen. Aber wir sollten sie unter Bedingungen prüfen, die dem modernen juristischen Arbeiten entsprechen."

Nach Angaben des Landesprüfungsamts enthält die Prüfungsanwendung bewusst keine KI-Funktionen. Nennstiel betont: "Damit ist ohne Verfälschungen durch KI-Ergebnisse eine Konzentration auf die juristisch korrekte Falllösung gegeben." Dies stelle die Kernkompetenz von Juristinnen und Juristen dar und werde es auch im KI-Zeitalter bleiben.

Klaus Weber, Mitglied der Gesamtgeschäftsführung bei C.H.BECK, bewertete das erste digital durchgeführte und regulär gewertete Zweite Staatsexamen als Beginn einer "neuen Phase des juristischen Prüfungswesens in Deutschland". Der digitale Prüfungsarbeitsplatz zeige, wie staatliche Prüfungen zeitgemäß, effizient und praxisnah gestaltet werden könnten.