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"Aufbruch Jura" denkt die juristische Ausbildung neu

"Wer Reformen will, muss laut werden"

Studierende sitzen in einem Raum an u-förmig angeordneten Tischen und diskutieren.
"Aufbruch Jura" versteht sich als Sammelbecken engagierter Personen und guter Ideen. © Chandara / Adobe Stock

Aus Frust über festgefahrene Reformdebatten entstand 2025 die Initiative Aufbruch Jura. Im Interview erklärt Susanne Hähnchen, wie es dazu kam, warum Forderungskataloge nicht helfen, wo die juristische Ausbildung systematisch versagt – und wer endlich Verantwortung übernehmen müsste.

beck-aktuell: Frau Prof. Hähnchen, Sie haben gemeinsam mit Dr. Carl-Wendelin Neubert, Quint Haydar Aly und Emilia De Rosa das Netzwerk Aufbruch Jura gegründet. Wie kam es dazu?

Susanne Hähnchen: Die Idee ist nach einem Panel zur juristischen Ausbildung auf dem Deutschen Anwaltstag entstanden. Dort ist genau das passiert, was ich seit Jahren beobachte: Man verliert sich bei der Reformdebatte in Details und landet immer wieder bei denselben Ideen. Haben wir zu viel Stoff? Ist der integrierte Jurabachelor sinnvoll? Ist das Staatsexamen noch zeitgemäß? Sollten zusätzliche Kompetenzen gefördert werden? Und so weiter. Das sind alles wichtige und berechtigte Fragen, aber insgesamt kommt die Reformdebatte nicht voran. Das Frustrierende daran ist, dass viele der Beteiligten guten Willens sind. Ich habe wirklich selten den Eindruck, dass da jemand absichtlich blockiert. Und trotzdem geht es nicht weiter.

Nach dem Panel haben Carl-Wendelin Neubert, Quint Haydar Aly, Emilia De Rosa und ich uns zusammengesetzt und gefragt: Was ist da eigentlich schiefgelaufen? Und unsere Antwort war relativ klar: Wir arbeiten zu vereinzelt. Es gibt tolle Initiativen und engagierte Einzelpersonen, aber alles bleibt fragmentiert. Das wollen wir mit Aufbruch Jura ändern.

"Mut machen und Reichweite schaffen"

beck-aktuell: Aufbruch Jura versteht sich also primär als Sammelbecken engagierter Personen und guter Ideen?

Hähnchen: Genau. Wir hatten das Gefühl, dass die Reformdebatte nicht dauerhaft der Initiative einzelner Personen überlassen bleiben darf. Die Engagierten verdienen höchste Anerkennung, aber ein System kann man so nicht verändern. Also haben wir überlegt: Wie können wir uns besser vernetzen? Wie können wir zeigen, was alles schon geht? Es gibt ja längst gute Konzepte, gute Lehrformate, gute Ideen – sie werden nur nicht zusammengeführt. Unser Ansatz war deshalb von Anfang an: Wir wollen nicht selbst Forderungen formulieren. Davon gibt es genug. Wir wollen sichtbar machen, was bereits funktioniert, und die Menschen dahinter miteinander verbinden.

Es geht uns auch darum, Mut zu machen. Viele Kolleginnen und Kollegen kennen das Gefühl, an der eigenen Fakultät ziemlich allein zu sein mit ihrer Kritik. Laut werden oft nur ein oder zwei, und irgendwann denkt man dann: Vielleicht liege ich ja falsch? Aufbruch Jura soll zeigen: Nein, du bist nicht allein. Es gibt viele, die ähnlich denken. 

beck-aktuell: Was tragen Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter zum Projekt bei?

Emilia De Rosa und Quint Haydar Aly beeindrucken mich sehr. Beide engagieren sich ausbildungspolitisch – und das in einem Alter, in dem viele ausschließlich mit dem eigenen Studium beschäftigt sind. Beide setzen sich mit dem Projekt ACCICE für den Zugang zum Recht ein. Emilia De Rosa engagiert sich außerdem bei der Bundesfachschaft Jura – das Engagement der Jurastudierenden ist besonders wichtig.

Carl-Wendelin Neubert von der Lernapp Jurafuchs bringt die unternehmerische Perspektive mit. Er engagiert sich aber außerdem auch stark in der Lehre und bringt unglaublich viel didaktisches Wissen ein. 

"Wir wollten es bewusst divers"

beck-aktuell: Auf der Website aufbruch-jura.de sammeln Sie Statements von Personen, die sich in den letzten Jahren um Reformen der juristischen Ausbildung bemüht haben. Wer darf alles mitmachen?

Hähnchen: Wir haben uns darüber vorher viele Gedanken gemacht. Diversität war uns wichtig, insbesondere auch im Hinblick auf das Geschlechterverhältnis. Gerade in den ersten Wochen haben wir sehr darauf geachtet, dass Frauen sichtbar vertreten sind. Inzwischen ist das zum Glück kein Problem mehr. Mir ist ohnehin aufgefallen, dass heute viele verantwortungsvolle Positionen von Frauen besetzt sind, auch im Bereich der juristischen Ausbildung. Zwei Präsidentinnen von Oberlandesgerichten sind bei Aufbruch Jura dabei – das ist schon eine Hausnummer.

Wichtig war uns außerdem sichtbares Engagement für die juristische Ausbildung. Es reicht nicht, einmal eine Idee auf LinkedIn oder Instagram zu veröffentlichen. Wir fragen stattdessen: Wer setzt sich konkret, öffentlich und kontinuierlich mit dem Thema auseinander?

Ein gutes Beispiel für Vielfalt hinsichtlich des Alters ist Ron Straßburg, der viral ging, weil er ein herausragendes Examen geschrieben hat. Er ist aktuell unser jüngstes Mitglied und nutzt seine Position, um sehr reflektiert Kritik an der juristischen Ausbildung zu äußern. Das halte ich für extrem wertvoll, weil Kritik von Studierenden oft schnell abgetan wird: Dann heißt es, man sei einfach nicht gut genug gewesen oder frustriert. Bei ihm zieht dieses Argument nicht.

"Methodisch arbeiten – aber wie?"

beck-aktuell: Was ist aus Ihrer persönlichen Sicht eines der dringendsten Reformthemen?

Hähnchen: Was mich besonders ärgert, ist diese Floskel vom methodischen Arbeiten. Studierende hören ständig: "Das war nicht methodisch genug." Aber kaum jemand sagt ihnen, was das eigentlich konkret bedeutet. Welche Methoden gibt es im Recht überhaupt? Und wann werden sie schon einmal systematisch vermittelt? In der Realität ertrinken die Studierenden in der Stoffmenge und bekommen dann rückblickend gesagt, sie hätten methodischer arbeiten müssen. Das empfinde ich als unfair. Deswegen bin ich der Meinung: Methodisches Arbeiten muss im Jurastudium eine größere Rolle spielen und auch entsprechend gelehrt werden.

Dazu kommt, dass wir kaum über Kompetenzen sprechen. Wir sagen immer: "Wir wollen den Volljuristen ausbilden." Aber was heißt das eigentlich? Welche Fähigkeiten soll dieser Mensch haben? Der Umgang mit fremden Sachverhalten wird gern als Beispiel angeführt. Aber was ist mit kommunikativen Fähigkeiten? Mit psychologischer Kompetenz? Mit der Fähigkeit, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge einzuordnen? In der allgemeinen Didaktik ist Kompetenzorientierung längst Standard. In der juristischen Ausbildung spielen solche Überlegungen kaum eine Rolle.

"'Es hat mir nicht geschadet' – dieses Denken blockiert Reformen"

beck-aktuell: Die Diskussion über die Reformbedürftigkeit der juristischen Ausbildung ist schon so alt wie das Staatsexamen selbst. Warum ist gerade Jura so reformresistent?

Hähnchen: Auch das müsste man mal methodisch erheben. Ein zentraler Satz, den ich immer wieder höre: "Es hat mir nicht geschadet." Das ist ein sehr nostalgischer Blick zurück, der ausblendet, dass sich Gesellschaft, Arbeitswelt und Erwartungen massiv verändert haben – und er blockiert jeglichen Reformwillen von Anfang an. Dazu kommt: Jura ist ein extrem konservativer Berufsstand. Das Studium ist auch eine Sozialisation. Es geht nicht nur um Wissen, sondern auch um die Anpassung an bestimmte Denk- und Sprachmuster sowie Machtstrukturen. Wer das System erfolgreich durchlaufen hat, stellt es oft nicht mehr infrage.

beck-aktuell: Überall dort, wo etwas bewegt werden soll, gibt es aber immer auch Kritik. So beispielsweise daran, dass über Carl-Wendelin Neubert indirekt ein kommerzielles Repetitorium am Projekt beteiligt ist. Was entgegnen Sie dem? 

Hähnchen: Intern spielt das überhaupt keine Rolle. Aufbruch Jura macht keine Werbung für Jurafuchs, es gibt keine inhaltliche Einflussnahme und keine Vorteile für das Unternehmen. Carl-Wendelin Neubert bringt seine enorme Expertise ein. Dass jemand, der sich wissenschaftlich mit Lehre beschäftigt, dieses Wissen auch unternehmerisch nutzt, halte ich nicht für verwerflich.

"Bis zum Juristentag jede Woche"

beck-aktuell: Sie erwähnten bereits, dass es schon viele Initiativen gibt, die sich für eine Reform der juristischen Ausbildung einsetzen. Warum ist Aufbruch Jura anders? Was wollen Sie besser machen?

Hähnchen: Die Initiative iur.reform ist dafür ein gutes Beispiel. Das war wahrscheinlich die größte Initiative überhaupt in dem Bereich. Die Mitglieder haben enorm viel Zeit und Energie in eine Umfrage zur Reform der juristischen Ausbildung investiert – und irgendwann war die Kraft einfach aufgebraucht. Strukturell ist seitdem erstaunlich wenig passiert. Eine positive Veränderung, die auch auf iur.reform zurückzuführen ist, ist vermutlich die beinahe bundesweite Einführung des integrierten Jurabachelors. Aber auch Ideen wie etwa die Gründung der Gesellschaft für die Didaktik und das Hamburger Protokoll hatten keine konkreten Auswirkungen. Wir wollen das anders machen und fordern keine bestimmte Reform, sondern sehen uns als übergreifendes Netzwerk und Mobilisator.

beck-aktuell: Wie geht es mit Aufbruch Jura weiter? Was sind die nächsten Schritte und übergeordneten Ziele?

Hähnchen: Wir haben eine lange Liste weiterer Personen, von denen wir Statements einholen wollen. Unser Ziel war von Anfang an: Bis zum Deutschen Juristentag im September jede Woche einen neuen Beitrag zu veröffentlichen. Bisher klappt das erstaunlich gut. 

Beim Deutschen Juristentag sind wir aber nicht offiziell eingebunden. Es ist mehr unsere interne Deadline. Wir wollen die Veranstaltung nutzen, um im Vorfeld für unser Anliegen zu mobilisieren, Aufmerksamkeit zu erzeugen und Diskussionen anzustoßen. Am Deutschen Juristentag nehmen dann bestimmt auch viele Juristinnen und Juristen teil, die sich für eine Reform einsetzen und die dort Netzwerken können.

"Politik erreichen – aber wie?"

beck-aktuell: Ein Problem ist oft, dass sich vor allem Menschen engagieren, die keine Entscheider sind. Am Ende muss sich für eine echte Reform aber politisch etwas bewegen. Wie reagieren Politik und Justizprüfungsämter bisher auf Aufbruch Jura?

Hähnchen: Die einzige Absage kam bisher aus einem Landesjustizprüfungsamt – die Einbindung klappt also nicht so gut. Natürlich würden wir auch gerne Politikerinnen und Politiker einbeziehen. Das Problem dabei ist nur, dass sich die wenigsten seit längerer Zeit für eine Reform der juristischen Ausbildung engagieren. Da beißt sich die Katze also selbst in den Schwanz. Gerade deshalb sind Öffentlichkeit und Vernetzung aber umso wichtiger.

beck-aktuell: Ihr Fazit?

Hähnchen: Ich wünsche mir mehr grundlegende Diskussionen – innerhalb der Fakultäten zwischen Kolleginnen und Kollegen, aber auch zwischen den einzelnen Universitäten. Mehr Solidarität im Professorium und mehr Mut zur Selbstkritik. Und ich wünsche mir, dass Jurastudierende lauter werden. Sie sind mündige Bürgerinnen und Bürger und solange Studierende alles dulden, geht es nicht voran. Reformen passieren nicht von selbst. Wer Veränderung will, muss sie einfordern – sichtbar, öffentlich und notfalls auch unbequem.

 

Das Gespräch führte Dr. Jannina Schäffer

Transparenzhinweis: Dr. Jannina Schäffer beteiligt sich mit einem Statement an Aufbruch Jura.