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Juristen als General Counsel

Mehr als nur Jura

Männer und Frauen sitzen bei einem Geschäftstermin um einen Tisch mit Laptops
Wenn Juristen mit der Geschäftsführung am Tisch sitzen, wird mehr erwartet als nur gute Rechtskenntnisse. © Adobe Stock / metamorworks

Chefjuristen hatten in Unternehmen immer schon eine verantwortungsvolle Aufgabe, doch das Anforderungsprofil ändert sich, erklärt Timo Spitzer. Unternehmerpersönlichkeiten sind gefragter denn je.

Wer heute einen General Counsel sucht, stellt häufig fest, dass die eigentliche Herausforderung nicht darin besteht, hervorragende Juristinnen und Juristen zu finden. Die Herausforderung besteht darin, juristische Führungspersönlichkeiten zu finden. Denn kaum eine Führungsfunktion in deutschen Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren so grundlegend verändert wie die des General Counsel. Nach den Erkenntnissen der ACC Chief Legal Officer Survey 2026 werden General Counsel heute deutlich früher in strategische Diskussionen eingebunden als noch vor wenigen Jahren.

Nicht der Mangel an hervorragenden Juristinnen und Juristen ist also das Problem für Personalabteilungen auf der Suche nach passenden Köpfen. Vielmehr hat sich das Anforderungsprofil grundlegend verändert. Denn die entscheidenden Herausforderungen liegen längst nicht mehr ausschließlich im Recht. Sie entstehen an der Schnittstelle von Regulierung, Technologie, Geopolitik und Unternehmensstrategie.

Die Wirtschaft wird immer komplexer – und auch ihre Regulierung

Als exportorientierte Volkswirtschaft bewegt sich Deutschland zwischen europäischer Regulierung, globalen Lieferketten und internationalen Kapitalmärkten. Gleichzeitig verändern neue europäische Regelwerke wie der AI-Act, DORA oder die CSRD den regulatorischen Rahmen erheblich. Hinzu kommen geopolitische Spannungen, Cyberrisiken und verschärfte Sanktionsregime, die Geschäftsmodelle teilweise innerhalb weniger Tage verändern können. Ein weiterer prägender Faktor ist die Struktur der deutschen Wirtschaft. Neben global agierenden Konzernen prägt vor allem der international erfolgreiche Mittelstand die Wirtschaft. Gerade dort entwickeln sich General Counsel zunehmend zu engen Beraterinnen und Beratern der Geschäftsleitung, weil strategische Entscheidungen häufig unmittelbar regulatorische Konsequenzen nach sich ziehen.

Vorstände stellen deshalb zunehmend fest, dass rechtliche Fragestellungen nicht mehr am Ende eines Projekts auftauchen. Sie entstehen bereits dort, wo strategische Entscheidungen vorbereitet werden.

Von Rechtsberatern zu Mitgestaltern unternehmerischer Entscheidungen

Über viele Jahre verlief der Entscheidungsprozess nach einem vertrauten Muster: Das Unternehmen entwickelte eine Idee, anschließend prüfte die Rechtsabteilung deren Zulässigkeit. Juristische Beratung war häufig der letzte Schritt vor der Umsetzung. Aber dieses Modell stößt heute an seine Grenzen. Wer heute eine KI-Anwendung einführt, internationale Lieferketten neu organisiert oder neue Märkte erschließt, muss regulatorische Anforderungen von Beginn an mitdenken. Datenschutz, Informationssicherheit, aufsichtsrechtliche Vorgaben oder Exportkontrollen bestimmen den Handlungsspielraum häufig bereits, bevor eine wirtschaftliche Entscheidung getroffen wird.

Damit verändert sich auch die Rolle der General Counsel, denn die entscheidende Frage lautet heute immer seltener: "Ist das rechtlich zulässig?" Viel häufiger lautet sie: "Wie erreichen wir unser wirtschaftliches Ziel rechtssicher, verantwortungsvoll und langfristig erfolgreich?"

Die moderne Vorstellung der General Counsel entwickelt sich damit von klassischer Rechtsberatung zu strategischen Partnerinnen und Partnern der Unternehmensleitung. Deshalb sind sie häufig nicht mehr nur mit der Leitung der Rechtsabteilung beauftragt, sondern auch eine der engsten Beratungsstellen des Vorstands, besonders in Fragen der Unternehmenssteuerung. Die Aufgabe besteht daher nicht mehr allein darin, Risiken zu identifizieren. Stattdessen helfen General Counsel dabei, Risiken einzuordnen, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.

Gleichzeitig wächst die persönliche Verantwortung: General Counsel begleiten heute nicht mehr nur Entscheidungen. Sie tragen zunehmend Verantwortung für eine wirksame Governance, Compliance und Risikosteuerung im Unternehmen.

Recruiting wird zur strategischen Herausforderung

Diese Entwicklung verändert zwangsläufig auch das Anforderungsprofil für solche Stellen. Juristische Qualifikation wird zwar vorausgesetzt, den Unterschied machen aber andere Fähigkeiten wie wirtschaftliches Verständnis, internationale Erfahrung, technologische Offenheit, Kommunikationsstärke und die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit Orientierung zu geben. Solche Kompetenzen entstehen selten allein durch juristische Ausbildung. Sie entwickeln sich über Jahre – durch Führungsverantwortung, internationale Zusammenarbeit und den kontinuierlichen Blick über das eigene Rechtsgebiet hinaus.

Für Unternehmen bedeutet das, Recruiting neu zu denken. Gesucht werden nicht mehr ausschließlich hervorragende Juristinnen und Juristen, sondern Persönlichkeiten, die juristische Exzellenz mit unternehmerischem Denken verbinden.

Technologie verändert die Arbeit - nicht die Verantwortung

Kaum ein Thema beschäftigt Rechtsabteilungen derzeit stärker als Künstliche Intelligenz. Vertragsprüfung, Recherche oder Dokumentenanalyse werden sich in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Viele Routinetätigkeiten lassen sich bereits heute deutlich schneller erledigen als noch vor wenigen Jahren.

Je mehr Informationen Algorithmen verarbeiten können, desto wichtiger wird die Fähigkeit, diese Informationen einzuordnen und daraus verantwortungsvolle Entscheidungen abzuleiten. Ein Vorstand erwartet vom General Counsel heute also keine Zusammenfassung regulatorischer Entwicklungen mehr. Diese liefern Datenbanken und KI-Systeme in Sekunden. Erwartet wird vielmehr eine belastbare Einschätzung der wirtschaftlichen Auswirkungen, der tatsächlichen Risiken und der Handlungsoptionen. Technologie kann Informationen analysieren und Entscheidungsgrundlagen liefern. Verantwortung, Integrität und unternehmerische Urteilskraft bleiben jedoch menschliche Aufgaben. Gerade deshalb gewinnt die Führungsrolle des General Counsel weiter an Bedeutung. Technologie kann verantwortungsvolle Führung unterstützen, sie aber nicht ersetzen.

Vertrauen wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor

Vertrauen ist heute einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren moderner Unternehmensführung. Vorstände vertrauen auf General Counsel, wenn diese unabhängig beraten und komplexe Zusammenhänge verständlich darstellen können. Mitarbeitende erwarten Orientierung. Geschäftspartner und Aufsichtsbehörden erwarten Verlässlichkeit und Integrität. Dieses Vertrauen entsteht nicht allein durch Richtlinien, sondern durch nachvollziehbare Entscheidungen und glaubwürdiges Handeln.

Gerade in Krisensituationen zeigt sich der Wert einer starken Rechtsfunktion. Cyberangriffe, geopolitische Konflikte oder neue regulatorische Anforderungen lassen sich selten vollständig vermeiden. Entscheidend ist vielmehr, wie Unternehmen darauf reagieren, etwa wenn ein Ransomware-Angriff innerhalb weniger Stunden gleichzeitig Meldepflichten, Vertragsrisiken und Kommunikationsentscheidungen auslöst. Die Rolle der General Counsel wird dabei zunehmend zum Übersetzer zwischen Recht und Geschäft. Sie verbindet regulatorische Anforderungen mit wirtschaftlicher Realität und hilft dem Management, Entscheidungen nicht nur rechtssicher, sondern auch langfristig tragfähig zu treffen.

Die Zukunft der Rechtsfunktion

Die spannendste Entwicklung der vergangenen Jahre besteht nicht darin, dass Unternehmen stärker reguliert werden. Regulierung hat wirtschaftliches Handeln immer begleitet. Neu ist vielmehr die Erkenntnis, welchen strategischen Beitrag eine starke Rechtsfunktion leisten kann.

General Counsel werden künftig nicht mehr in erster Linie daran gemessen werden, wie viele Verträge sie prüfen oder wie viele Risiken sie verhindern. Entscheidend wird sein, ob sie dazu beitragen, dass Unternehmen unter Unsicherheit bessere Entscheidungen treffen.

General Counsel sind nicht länger die Juristinnen und Juristen, die eine Entscheidung am Ende prüfen. Sie gehören heute zu denjenigen, die sie von Anfang an mitgestalten. In einer Zeit, in der Regulierung zunimmt und Technologie immer leistungsfähiger wird, entscheidet nicht allein juristische Expertise über den Erfolg einer Rechtsfunktion. Entscheidend sind Urteilskraft, Integrität und die Fähigkeit, Orientierung zu geben.

Vielleicht beschreibt genau das die eigentliche Zukunft des Berufsbildes. General Counsel werden nicht deshalb wichtiger, weil Unternehmen stärker reguliert werden. Sie werden wichtiger, weil gute Unternehmensführung in einer komplexen Welt Menschen braucht, die Recht, Wirtschaft und Verantwortung miteinander verbinden können.