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Interview

Lust auf Lehre und Völkerstrafrecht

Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Portal des Hauptgebäudes
Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Portal des Hauptgebäudes © Henry-Martin Klemt/adobe

Seit Beginn des Sommersemesters Anfang April ist Prof. Dr. Nella Sayatz Inhaberin der Juniorprofessur für Internationales sowie Europäisches Strafrecht und Strafprozessrecht an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

So weit, so üblich. Was diesen akademischen Werdegang jedoch besonders macht: Das Bewerbungsverfahren durchlief sie parallel zum Referendariat und zu den Vorbereitungen auf das Zweite Staatsexamen. Wir wollten von ihr wissen, wie sie beides unter einen Hut gebracht hat, ob und warum der akademische Karriereweg insbesondere für junge Rechtswissenschaftlerinnen nach wie vor besonders steinig ist und wie die praxisgerechte Gestaltung des Jurastudiums endlich gelingen kann.

NJW: Glückwunsch zur Juniorprofessur. Wann stand für Sie fest, Karriere an der Uni zu machen statt beispielsweise in einer Großkanzlei?

Sayatz: Schon früh habe ich durch meine Tätigkeit als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl meines späteren Doktorvaters Prof. Dr. Gerhard Werle an der HU Berlin Einblicke in die Wissenschaft bekommen. Für das Völkerstrafrecht und die juristische Zeitgeschichte konnte ich mich schnell begeistern und war glücklich, nach dem Ersten Examen bei ihm promovieren zu dürfen. Wirklich entschieden habe ich mich zum Ende meiner Promotion, nicht zuletzt, weil mein zweiter akademischer Lehrer, Prof. Dr. Florian Jeßberger, mir angeboten hat, bei ihm als PostDoc und Habilitandin zu bleiben. Irgendwann hat es dann Klick gemacht: Mir wurde bewusst, wie frei ich inhaltlich forschen kann – und plötzlich waren da so viele Ideen, was man alles machen könnte. Dazu kam die Begeisterung für die Lehre, Studierende für meine Themen zu gewinnen und mit ihnen gemeinsam zu denken. Das war der Moment, in dem ich wusste: Das will ich machen. Andere juristische Berufe können mir das so nicht bieten – auch wenn ich der Justiz und der Anwaltschaft gern verbunden bleibe.

NJW: Die universitäre Laufbahn ist mit vielen Herausforderungen verbunden. Welche waren das bei Ihnen?

Sayatz: Die Entscheidung für eine wissenschaftliche Karriere erfordert Mut, weil das Ziel alles andere als sicher ist. Konkret hieß das für mich: Ich habe während des gesamten Referendariats wissenschaftlich weitergearbeitet, parallel meine Tochter betreut und dann auch noch das Berufungsverfahren mit dem Anspruch durchlaufen, in allem mein Bestes zu geben. Die Gleichzeitigkeit von höchsten Ansprüchen und der Ungewissheit, ob man sich unter unsicheren und befristeten Beschäftigungsverhältnissen behaupten kann, war die größte Herausforderung.

NJW: Eine Habilitation gilt immer noch als Königsweg für eine angehende Akademikerin. Warum war das für Sie keine Option?

Sayatz: Die Frage suggeriert, dass die Juniorprofessur eine Alternative zweiter Wahl ist – das sehe ich anders. Ich hätte eine Habilitationsstelle an der Humboldt-Universität Berlin antreten können, habe mich aber bewusst für die Juniorprofessur entschieden, weil sie mir deutlich mehr Eigenständigkeit und Sichtbarkeit bietet. Ich kann eigene Vorstellungen zu Forschung und Lehre umsetzen und stärker Verantwortung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen. Was mich allerdings umtreibt: Dass mitunter trotz Juniorprofessur mit Tenure-Track noch eine Habilitation erwartet wird und man am Ende beide Systeme bespielen muss. Hier braucht es für den wissenschaftlichen Nachwuchs bessere Orientierung und klare Wege.

NJW: Das Bewerbungsverfahren ist mit Forschungsvortrag, Lehrprobe und Interview mit der Berufungskommission sehr aufwendig. Wie haben Sie das neben dem Referendariat und der Vorbereitung auf das Zweite Staatsexamen geschafft? Und wie müssen wir uns das praktisch vorstellen? Vormittags juristischer Vorbereitungsdienst, nachmittags Lehrprobe in Frankfurt/Oder?

Sayatz: Die Ausschreibung an der Viadrina passte ideal zu meinem Forschungsprofil im internationalen Strafrecht, und das in der Nähe meiner Heimatstadt Berlin. Ich habe mich bewusst entschieden, diese Chance zu ergreifen. Praktisch sah das so aus: Tagsüber habe ich in der Anwaltsstation Schriftsätze verfasst und in Arbeitsgemeinschaften Klausuren geschrieben, abends mein Bewerbungskonzept erarbeitet. Denn es geht nicht nur um Forschungsvortrag und Lehrprobe – man bewirbt sich mit einem Gesamtkonzept, das zeigt, was man in Forschung und Lehre an die Universität bringen will. Eine gute Organisation war das absolute A und O.

NJW: Hat es für die Berufungskommission eine Rolle gespielt, dass Sie aktuell noch keine Volljuristin sind?

Sayatz: Das spielte im Verfahren keine Rolle. Das Zweite Staatsexamen ist als Staatsprüfung keine formale Voraussetzung für eine Berufung. Entscheidender waren meine wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere meine Dissertation, und meine Vorstellungen zu innovativer Forschung und Lehre an der Viadrina.

NJW: Als Referendarin stehen Sie ja nach wie vor im Dienst des Landes Berlin. Brauchten Sie eigentlich für Ihren Dienstantritt an der Viadrina-Universität eine Nebentätigkeitsgenehmigung Ihrer Dienstherrin?

Sayatz: Meine Dienstherrin, die Präsidentin des Kammergerichts, hat mich freundlicherweise vorzeitig aus dem Referendariat entlassen, nachdem ich alle Stationen absolviert hatte, damit ich zum April berufen und verbeamtet werden konnte. Ich darf mich daher auch nicht mehr Referendarin nennen, trete aber ganz normal noch die mündliche Prüfung an.

NJW: Als Hochschullehrerin wollen Sie den Studierenden die juristischen Grundlagen so vermitteln, dass sich privat bezahlte Kurse zur Examensvorbereitung erübrigen. Was genau haben Sie vor?

Sayatz: Es kann nicht der Anspruch einer staatlichen Universitätsausbildung sein, dass Studierende mehrere tausend Euro für kommerzielle Repetitorien ausgeben müssen. Wer sich das nicht leisten kann, darf keinen Nachteil haben. Das ist eine Frage der Durchlässigkeit von Bildungssystemen. Mein Ziel ist, dass das Universitätsrepetitorium das schafft, was viele kommerzielle Anbieter richtig machen: Den Studierenden in kurzer Zeit den examensrelevanten Stoff so vermitteln, dass sie ohne Angst ins Staatsexamen gehen können. Das bedeutet vor allem: Fälle lösen – und zwar auf Examensniveau. Meine Unirep-Kurse sollen zum Mitmachen und Mitdenken animieren und beibringen, die Fülle des Stoffs auf das Wesentliche zu verdichten. Unirep darf Spaß machen und lebendig sein!

NJW: Seit Jahren wird um die praxisgerechtere Ausgestaltung des Jurastudiums gerungen. Auch wenn wir keine Patentlösung erwarten: Wo sehen Sie Ansatzpunkte?

Sayatz: Ein Schritt ist, die Studierenden frühzeitig mit der juristischen Praxis in Berührung zu bringen und ihnen zu zeigen, wie verschiedene juristische Berufe arbeiten. Warum arbeiten wir in Lehrveranstaltungen nicht auch mal mit kurzen anonymen Fallakten, wie sie bei der Staatsanwaltschaft jeden Tag auf den Schreibtischen liegen, erarbeiten uns anhand dessen materielle und prozessuale Grundlagen und lernen am Ende, wann zum Beispiel Anklage zu erheben ist? Die Studierenden würden so auch ein Gefühl dafür entwickeln, was es heißt, juristische Verantwortung zu tragen. Zudem lohnt es sich, den Blick über die nationalen Grenzen hinaus zu weiten. Wer versteht, wie internationale Gerichte arbeiten oder wie andere Rechtsordnungen mit ähnlichen Problemen umgehen, schärft den eigenen dogmatischen Blick – und ist besser auf eine Praxis vorbereitet, die längst nicht mehr rein national ist.

Prof. Dr. Nella Sayatz studierte als Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Schwerpunkt Deutsche und Internationale Strafrechtspflege. Während dieser Zeit war sie studentische Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Prof. Dr. Gerhard Werle. 2019 absolvierte sie die Erste Juristische Prüfung. Anschließend war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Werle, seit Dezember 2023 bei Prof. Dr. Florian Jeßberger an der HU Berlin. Im April 2024 wurde sie mit einer Arbeit über den Eigentumsschutz im Völkerstrafrecht promoviert (Auszeichnung mit dem Promotionspreis der Juristischen Fakultät der HU 2025 und dem Justizpreis Berlin-Brandenburg Carl Gottlieb Svarez 2025). Von Mai 2024 bis März 2026 Referendariat am Kammergericht Berlin. Seit dem 1.4.​2026 Juniorprofessorin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Dieser Text stammt aus Heft 17/2026 der NJW. Sie möchten die NJW kostenlos testen? Jetzt vier Wochen gratis testen inkl. Online-Modul NJWDirekt