Wer promptet wen?

Zitiervorschlag
Prof. Dr. Roland Schimmel: Wer promptet wen?. beck-aktuell, 28.04.2026 (abgerufen am: 28.04.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/197091)
Wenn von Künstlicher Intelligenz und Hochschule die Rede ist, geht es meist um disruptive Veränderungen, dringend erforderliche Erweiterungen des jeweiligen Curriculums, noch wichtigere Anpassungen der Prüfungsformate sowie die beliebten Fragen: Erlauben? Verbieten? Sanktionieren? Und: wie Detektieren?
Das Folgende notiert, etwas kleiner im Maßstab, eine interessante jüngere Entwicklung, die zwar nicht nach sofortiger Sanktionierung ruft, die aber die Beteiligten gleichwohl auf dem Schirm behalten sollten. Es war absehbar, dass neue Kulturtechniken wie das Prompten ihre Spuren im Kommunikationsverhalten natürlicher Personen hinterlassen würden. Die SMS hat uns weiland mit einigen zehntausend überwiegend albernen Emoticons beglückt, deren Nachwirkungen noch heute andauern – bedauerlicherweise. Was die Auswirkungen der Großsprachmodelle angeht, ist die Geschichte noch nicht geschrieben. Aber erste Veränderungen zeichnen sich ab.
Händchenhalten
Seit Jahrzehnten ist es üblich, die Verfasser der Abschlussarbeiten – zumindest auf Wunsch – ein wenig an die Hand zu nehmen. Man geht etwa mit ihnen die vorläufige Gliederung durch und bringt nötigenfalls Änderungsvorschläge an: die Einführung schlanker halten, die Forschungsfrage differenzierter formulieren und bestenfalls so stellen, dass am Ende auch eine Antwort möglich ist. Bestimmte Aspekte ausklammern oder besonders in den Fokus rücken, die Darstellungsreihenfolge noch einmal überdenken. Das bewährt sich gut; einige Kollegen erklären diesen Schritt daher für obligatorisch. So bekam ich also bis vor Kurzem von den Kandidaten eine Mail mit angehängtem Gliederungsentwurf und der höflichen Bitte, diesen einmal durchzusehen und allfällige Änderungsvorschläge möglichst bald zurückzusenden. Anderenfalls möge ich den Entwurf absegnen. Das steht wirklich in jeder zweiten Nachricht. Ich frage mich, wie die jungen Leute auf „absegnen“ kommen, fühle mich einigermaßen päpstlich – und segne ab.
Die neuere Entwicklung ist nun so, dass anstatt des freundlichen Dreizeilers die Mail aus zwei Dutzend Fragen zu Thema, Zuschnitt, Formulierung des Titels nebst Untertitel, einzelner Überschriften sowie der Bitte um Anweisungen hinsichtlich zahlreicher formaler Fragen besteht. Detailliert, zum großen Teil themenspezifisch und auf einzelne Spiegelstriche verteilt. Das meiste davon ist nah an der Sache, manches hätte man aber auch mit dem Lesen einer Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten oder mit den fachbereichsspezifischen Formatvorlagen erledigen können.
Die ersten beiden Male habe ich die Anfrage getreulich abgearbeitet und mit einem Text geantwortet, der dem Umfang der zu schreibenden Arbeit schon recht nahe kam. Beim dritten Mal wurde ich nachdenklich und begann zu überlegen, ob hier nicht der Prüfer die Arbeit des Kandidaten zu erledigen im Begriffe ist. Inzwischen bin ich überzeugt: Die Kandidaten prompten ihre Professoren. Sie behandeln uns kommunikativ wie ein Großsprachmodell. Absichtlich oder unabsichtlich. Und es ist nicht auszuschließen, dass der Prompt, den wir da erhalten, seinerseits von einer Künstlichen „Intelligenz“ generiert worden ist. Womit der Aufwand für die Geprüften minimiert und allerdings für die Prüfer deutlich erhöht wird – von der Verschiebung der Verantwortung für das Ergebnis einmal ganz abgesehen. Es wird nicht einfach sein, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten, wenigstens nicht bei rein brainisher Arbeitsweise.
Und man darf den Anfragenden womöglich darob noch nicht einmal gram sein. Zum einen ist die soziale Rolle des Professors gar nicht so weit weg von den Erwartungen, die an ein Großsprachmodell gestellt werden: massenhaft Texte reinziehen und auf deren Grundlage dann als Antwortmaschine mit Expertenstatus fungieren. Zum anderen geht das Verständnis nicht eben weniger junger Menschen von geistigen Leistungen immer mehr dahin, dass es ausreiche, die richtigen Fragen zu stellen – also zu prompten –, um das vorhandene Wissen in eine abschlussarbeitentaugliche neue Form zu bringen. Wer dafür Verständnis aufbringt, wird es allerdings gewiss auch den derart angefragten Professoren nachsehen, wenn sie versuchen, an anderer Stelle den halben Arbeitstag wieder hereinzuholen, den die Beantwortung der Anfragen dieses neuen Typs leicht einmal kostet. Man könnte beispielsweise beim Begutachten der so entstandenen Abschlussarbeit anstatt der langweilig gewordenen Textbausteine einfach ein Großsprachmodell… Merkt ja keiner.
Dieser Text stammt aus Heft 17/2026 der NJW. Sie möchten die NJW kostenlos testen? Jetzt vier Wochen gratis testen inkl. Online-Modul NJWDirekt.
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Prof. Dr. Roland Schimmel: Wer promptet wen?. beck-aktuell, 28.04.2026 (abgerufen am: 28.04.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/197091)



