Ein Baedeker des Rechts

Zitiervorschlag
Dr. Sebastian Felz: Ein Baedeker des Rechts. beck-aktuell, 15.04.2026 (abgerufen am: 17.04.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/196311)
Recht wird gesprochen, oft gebrochen und manchmal bekommt man es. Aber kann es bereist werden? Ja! André Niedostadek hat einen juristischen Reiseführer über 77 einzigartige Orte des Rechts in Deutschland geschrieben. Ein lesenswerter Baedeker des Rechts, findet Sebastian Felz.
Es begann mit dem 1828 erschienenen Band "Rheinreise von Mainz bis Cöln. Handbuch für Schnellreisende". Ein Gymnasiallehrer aus Koblenz hatte den Band erstellt, der Koblenzer Buchhändler Karl Baedeker erkannte die Marktlücke. Immer mehr Menschen begannen zu reisen, die Massenverkehrsmittel der Eisenbahn und Dampfschiffe machten es für Vermögende möglich. Für diese in Eigenregie durchgeführten Reisen genügten klassische Reiseberichte nicht mehr. Daher benötigten immer mehr Menschen Informationen zu Verkehrsverbindungen, Übernachtungsmöglichkeiten, Restaurants und Gasthöfen, örtlichen Sitten und Kosten. Baedeker lieferte diese – aktuell und zuverlässig. Seither steht sein Name synonym für den Reiseführer.
Die Medientheoretikerin Susanne Müller sieht in Reisehandbüchern nicht nur populäre Medien und Gebrauchsliteratur, sondern in erster Linie Sehhilfen. Sie erleichterten das Auffinden von Sehenswürdigkeiten und sorgten dafür, dass der Reisende die "richtigen" Dinge auch "richtig" sehe. Die Welt, die durch ein Reisehandbuch betrachtet werde, sei eine andere Welt.
Vom Gericht bis zum Galgen: 77 Orte des Rechts
André Niedostadek, Professor für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz, hat ebenfalls einen Baedeker verfasst, mit dem er einen neuen Zugang zum Recht eröffnen möchte. Denn Recht existiert nicht allein in Gesetzestexten, Kommentaren und Gerichtssälen, sondern hat sich auch in Orten verdichtet, die man aufsuchen, betrachten und erleben kann. Er wollte aber keinen klassischen Reiseführer schreiben, sodass Gastrotipps in seinem Buch "Recht sehenswert" fehlen. Dafür enthält der Band "77 einzigartige Orte des Rechts in Deutschland", und zwar nicht nur Gerichtsgebäude, Rathäuser oder Museen, sondern auch Brunnen, Denkmäler, Bäume oder Galgen.
Bei der Festlegung der 77 Orte wird es ein wenig zahlenmythisch, wie Niedostadek schreibt: "Die Sieben ist bewusst gewählt wegen ihrer besonderen Bedeutung in der Welt des Rechts: Sie steht etwa für die sieben Kurfürsten bei der mittelalterlichen Königswahl, sie markiert die Schwelle zur beschränkten Geschäftsfähigkeit, die bekanntlich mit sieben Jahren beginnt, oder sie begegnet uns im Urheberrecht, das 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers erlischt."
Wie man der Karte mit den Bundesländern im hinteren Umschlag entnehmen kann, hat er dazu alle 16 Bundesländer bereist. Vorn liegen Bayern und NRW mit jeweils elf Orten, gefolgt von sechs bis fünf Orten in Baden-Württemberg und Hessen. Am Schluss liegen Hamburg, Bremen und das Saarland mit jeweils zwei bzw. einem "recht sehenswerten" Ort. Jede dieser Rechtslokalitäten wird mit einem Foto, einem Onepager sowie einem #TourJur-Tipp vorgesellt. Die Reihenfolge der ausgewählten Orte folgt keinem chronologischen oder räumlichen Prinzip und bietet damit eine überraschende Abfolge, die zum schnellen Seitenwenden einlädt. Da im Rahmen dieser Buchbesprechung nicht alle 77 Orte beschrieben werden können, soll im Folgenden eine kleine, subjektive Auswahl vorgestellt werden.
Hier machte Goethe noch sein Praktikum
Im hohen Norden führt uns Niedostadek ins Europäische Hansemuseum (Lübeck). Die Hanse hat nicht nur Waren, sondern auch das "lübische Recht" exportiert, das in über 100 Städten des Ostseeraums verbreitet war. Die Ausstellung führt in eine Zeit, in der das Recht nicht territorial, sondern in Stadtnetzwerken gelebt wurde. An diese Zeit des Rechts erinnert auch das Denkmal "Magdeburger Stadtrecht". Dieses Rechtssystem galt sogar in über 1.000 Städten Mittel- und Osteuropas. Das Handels-, Ehe-, Erb- oder Strafrecht wurde häufig bis ins 19. Jahrhundert nach Magdeburger Rechtsregeln entschieden. Seit 200 Jahren mahnt daran ein Denkmal in Kyjiw, seit Ende 2024 nun auch 13 Stelen in Magdeburg.
Im hessischen Wetzlar erinnert das Reichskammergerichtsmuseum an die ambitionierte Idee von 1495, ein zentrales Gericht für das Heilige Römische Reich deutscher Nation zu installieren. Es hat nur mäßig funktioniert. Der berühmteste Praktikant des Gerichts war allerdings im Frühjahr 1772 kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe. Ein ganzes Dorf als Gedenkort findet sich im Reppichau in Sachsen-Anhalt. Hier – zwischen Magdeburg und Leipzig – wurde der Schöpfer des Sachsenspiegels Eike von Repgow geboren. Der ganz Ort erinnert als eine Art Freilichtkunstprojekt daran. Das Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber ist schließlich eines der beliebtesten Museen Deutschlands und zeichnet sich durch eine fundierte Einordnung der brutalen Folter- und Strafpraxis in vergangenen Jahrhunderten aus.
Wo man "über die Wupper" ging
Im Landgericht Flensburg gibt es die Möglichkeit, in der gerichtshistorischen Sammlung in die frühe Welt der Justiz einzutauchen, als z.B. noch ein Spucknapf am Schreibtisch des Richters stand und der (laut Weisung) mit Sägespänen zu füllen und zweimal in der Woche zu leeren war. Das Zentgericht im thüringischen Geisa führt unterdessen in das 11. Jahrhundert zurück: Die Steinformationen weisen auf die Plätze des Zentgrafen, der Schöffen und der übrigen Beteiligten hin. Hier wurde für jeweils 100 Familien (centum = hundert) Recht gesprochen.
Eine außergewöhnliche Platzierung eines Gerichts findet sich auch in Wuppertal. Dort liegen – auch heute noch – die Orte der Rechtsprechung auf einer Insel in der Wupper. Die Redewendung "über die Wupper gehen" dürfte auf diese besondere Lage zurückzuführen sein. Wer früher Konkurs ging oder zum Tode verurteilt wurde, trat seinen letzten Gang über die Brücke über die Wupper an, die zum Gericht bzw. zur Hinrichtungsstätte führte. Das Reichstagsgebäude, der Roland vor dem Bremer Rathaus, das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, das Landgericht in Halle sowie das Kriminalgericht Moabit, jeweils mit bombastischer Justizarchitektur, zählen zu den weiteren sehenswerten Orten, die in diesem Rechtsreiseführer beschrieben werden.
Gefängnisse, Galgen und trinkfreudige Studenten
Zur Rechtsprechung gehört auch die Rechtsdurchsetzung, zuweilen in Form von Freiheitsentzug. Sei es in der DDR im Hochsicherheitstrakt Bautzen II für staatsfeindliche Häftlinge, im mittelalterlichen Lochgefängnis, wo seit dem frühen 14. Jahrhundert Untersuchungshäftlinge auf ihre Folter in der "Kapelle" oder zum Tode verurteilte Häftlinge auf die Urteilsvollstreckung warteten. Im sächsischen Waldheim können sich Karl-May-Fans über die vierjährige Haftzeit des Schriftstellers informieren. Wer selbst einmal ins Gefängnis möchte, kann im bayerischen Amberg im Hotel Fronfeste in den "offenen Vollzug" gehen: Das Hotel befindet sich in den Räumlichkeiten eines um 1700 errichteten Gefängnisses.
Im hessischen Beerfelden wurde gegen 1600 ein steinerner Galgen errichtet. Die Befehle zum Niederreißen, erteilt von österreichischen Kaisern oder Großherzögen aus Darmstadt, wurden von den Beerfeldenern nicht umgesetzt, sodass die drei jeweils fünf Meter hohen Rotsandsteinsäulen mit einem Querbalken heute noch (mit einem Schaudern) zu besichtigen sind. Die Gedenkstätte Münchener Platz in Dresden erinnert unterdessen an die Exekution der Todesstrafe in der DDR. Wieder in frühe Zeiten führt das "Rügegericht" in Volkmannrode (Sachsen-Anhalt), das zwischen 1500 und 1875 unter einer Gerichtslinde am Walpurgis- und Michaelistag über Forst- und Jagdfrevel sowie Grenzstreitigkeiten judizierte. Dieses Flächendenkmal gilt als das älteste in Deutschland. Schließlich erinnert der Studentenkarzer in Greifswald heute daran, dass Universitäten in frühen Jahrhunderten eigenständige Institutionen mit Gerichts- und Strafgewalt waren. Abgeurteilt wurden hier Fehlverhalten nach nächtlichen Trinkgelagen, aber auch Kapitalverbrechen wie Mord.
Von der Wippe ins Wasser
Ein ungewöhnlicher Rechtsort ist die Nachbildung der "Soester Wippe". Von der kippbaren Treppe flogen Garten- und Felddiebe oder Bäcker, die zu kleine Brötchen verkauften, ins Wasser. Beschrieben wird die Prozedur im Nequambuch (Nequam = Nichtsnutz), welches im Soester Stadtarchiv verwahrt wird. Im Dom zu Halberstadt (Sachsen-Anhalt) führt uns Niedostadek an die Tumba des Johannes Teutonicus alias Johannes Zemeke (?), des ersten deutschen Juraprofessors in Bologna um 1200.
Auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf befindet sich die "Casse der Stücke von Achten". Der Name verweist auf eine spanische Silbermünze und auf eine sozialversicherungsrechtliche Institution der Seefahrt. Die "Casse" diente – bezahlt von einem Anteil der Heuer der Seeleute – dazu, Piraten ein Lösegeld anbieten zu können, um Matrosen aus der drohenden Sklaverei freikaufen zu können. Das Denkmal der Göttinger Sieben in Hannover hat u.a. die Juristen Christoph Dahlmann, Wilhelm Eduard Albrecht sowie Jacob und Wilhelm Grimm in Skulpturen verewigt und damit ihrem Protest gegen die Restauration durch König Ernst August I. 1837 einen Erinnerungsort gegeben.
Wippen, Gerichtslinden, Rügegerichte und Hexenbürgermeisterhäuser
"Recht sehenswert" ist ein außergewöhnliches Buch, allein schon deshalb, weil es ein Pionierwerk ist. Das Recht wird aus der Perspektive der Reisenden neu entdeckt. In der Tradition des Baedekers ordnet es die Landschaft des Rechts, macht sie begehbar und erzählbar. Es bietet neue Zugänge, Anschauungen und Impulse. Niedostadek versteht sich als Kurator einer Auswahl, nicht als Enzyklopädist. In dieser Hinsicht folgt er tatsächlich dem Vorbild des klassischen Baedekers: Auch dieser wollte nicht alles zeigen, sondern das Wesentliche hervorheben.
Auch für Studium und Lehre bietet "Recht sehenswert" erhebliches Potenzial. Das Buch lädt dazu ein, Exkursionen, Seminare oder Projektarbeiten räumlich zu konzipieren. Es zeigt, dass Rechtsgeschichte nicht nur im Archiv und im Seminar stattfindet, sondern im Stadtraum, in der Architektur, im kollektiven Gedächtnis. Gerade in Zeiten, in denen die juristische Ausbildung häufig für ihre Abstraktheit kritisiert wird, liefert Niedostadek ein überzeugendes Gegenmodell. Als "Baedeker des Rechts" erfüllt das Buch seinen Anspruch in überzeugender Weise: Es zeigt, dass Rechtsgeschichte uns nicht nur in Urteilen, Aufsätzen oder Monografien begegnet, sondern auch vor Ort erfahren werden kann.
André Niedostadek, Recht sehenswert. 77 einzigartige Orte des Rechts in Deutschland entdecken. München 2023. C. H. Beck, 256 S., zahlreiche farbige Abbildungen, kartoniert. ISBN 978-3-406-80067-2, 24,90 €.
Zitiervorschlag
Dr. Sebastian Felz: Ein Baedeker des Rechts. beck-aktuell, 15.04.2026 (abgerufen am: 17.04.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/196311)



