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Jurastudium im Alter

"Ich plane mit 68 das erste Staatsexamen"

Ein Mann mit grauen Haaren, Halbglatze und Brille steht in einem dunkelblauen T-Shirt in einem Park oder Garten.
Andreas Kreft will später freiberuflich als Volljurist arbeiten. © privat

Andreas Kreft bereitet sich als Senior-Student an der Uni Köln auf das erste Staatsexamen vor. Warum er sich mit über 60 für Jura entschieden hat, was ihn antreibt, und ob er später als Jurist arbeiten will, erzählt der gelernte Betriebswirt im Interview.

beck-aktuell: Herr Kreft, Sie sind 67 und Jurastudent. Was entgegnen Sie Menschen, die sagen: "Mit über 60 lohnt sich ein Studium doch gar nicht mehr?"

Andreas Kreft: Ich sage dann zunächst, dass jeder selbst entscheiden muss, wie er sein Leben im Ruhestand gestalten möchte. Manche genießen den dauerhaften Freizeitmodus. Das ist völlig in Ordnung. Andere brauchen weiterhin geistige Herausforderungen. Ich gehöre eindeutig zur letzten Gruppe. Mein ganzes Berufsleben war davon geprägt, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Heute schaffe ich diesen Mehrwert für mich selbst, indem ich mich weiterbilde und aktiv bleibe.

"Jura hat mir immer Spaß gemacht"

beck-aktuell: Es ist trotzdem ungewöhnlich, sich im Rentenalter für ein Jurastudium einzuschreiben. Wie kam es dazu?

Kreft: Auf Umwegen. Nach meiner Ausbildung zum Industriekaufmann habe ich 1985 mein BWL-Studium abgeschlossen. Damals habe ich einen Zeitungsartikel gelesen, wie schwer es Juristinnen und Juristen auf dem Arbeitsmarkt haben. Das Arbeitsamt schulte sie deshalb in betriebswirtschaftlichen Themen wie Bilanzierung, Marketing und Controlling. Da dachte ich mir: Wenn diese Kombination aus Jura und BWL so wertvoll ist, hänge ich noch ein Jurastudium dran und schrieb mich ein. Das Leben hatte dann aber andere Pläne: Ich arbeitete neben dem Studium für ein IT-Unternehmen. Als das immer erfolgreicher wurde, stieg ich dort ein und brach mein Jurastudium ab. 

Vor einigen Jahren habe ich mir dann die Frage gestellt, wie ich mir mein Leben im Ruhestand vorstelle. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sagen: "Jetzt beginnt der Dauerurlaub." Das Jurastudium hatte mir immer Spaß gemacht. Deshalb habe ich mich vierzig Jahre später wieder eingeschrieben. Solange ich berufstätig war, ging das Studium mal intensiver und mal weniger intensiv voran. Aber ich habe nie den Gedanken aufgegeben, das Projekt irgendwann zu Ende zu bringen. 

Heute bin ich seit fast zwei Jahren im Ruhestand und erfülle die Voraussetzungen für das erste Staatsexamen. Im nächsten Semester besuche ich den Examenskurs der Universität Köln und schreibe Übungsklausuren bei einem Online-Anbieter.

beck-aktuell: Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Kreft: Die kritischste Stimme war wahrscheinlich meine Mutter. Sie ist inzwischen 91 Jahre alt und sehr fit. Sie fragte mich immer wieder: "Was willst du denn damit?" Auch mein Bruder war anfangs eher skeptisch. Er meinte, das bringe doch nichts mehr. Ich habe ihm gesagt: Du kannst für dich entscheiden, dass das nichts für dich wäre. Aber du kannst nicht für mich entscheiden, was ich brauche. Ich brauche im Ruhestand eine Aufgabe, die mich fit hält. Was für mich überhaupt nicht funktionieren würde, wäre nur noch zu Hause zu sitzen.

"Meine Professoren finden es bemerkenswert"

beck-aktuell: Wie reagieren die jüngeren Studierenden auf Sie?

Kreft: Sehr unkompliziert. Wenn ich mit Kommilitoninnen und Kommilitonen spreche, kommt manchmal zunächst das förmliche "Sie". Dann sage ich: "Wir sind hier alle Studierende." Danach ist das Thema erledigt. Ich stelle auch fest, dass der Anteil älterer Menschen in Vorlesungen zunimmt. Viele sind allerdings nur Gasthörer. Sie besuchen die Vorlesungen aus Interesse, ohne Prüfungen abzulegen. Ich studiere dagegen mit dem Ziel, das Staatsexamen abzulegen. Das ist eher ungewöhnlich.

beck-aktuell: Und die Professorinnen und Professoren?

Kreft: Die erste Frage lautet oft: "Studieren Sie richtig?" Wenn ich das bejahe, bekomme ich fast ausschließlich positives Feedback. Viele sagen, sie fänden das bemerkenswert.

beck-aktuell: Sie haben auch die praktische Studienzeit absolviert. Wie waren Ihre Erfahrungen als Senior-Student im Praktikum?

Kreft: Ich war sechs Wochen in einer Anwaltskanzlei und anschließend sechs Wochen bei der Stadt Wiehl. Das war ausgesprochen interessant. Für die Station bei der Stadt hatte ich mich zunächst ganz normal beworben, aber eine Absage erhalten. Über persönliche Kontakte kam dann doch ein Gespräch zustande. Der Bürgermeister war sehr aufgeschlossen und sagte sinngemäß, dass wir das Potenzial älterer Menschen stärker nutzen sollten. Ich war dann im Ordnungsamt tätig und wurde mit ganz unterschiedlichen rechtlichen Fragestellungen konfrontiert.

"Ich will später freiberuflich als Jurist tätig sein"

beck-aktuell: Wollen Sie nach dem Examen ins Referendariat und später auch tatsächlich juristisch arbeiten?

Kreft: Ja, auf jeden Fall. Das liegt noch etwas in der Zukunft, aber mein Plan ist eindeutig: Erstes Staatsexamen, Referendariat und anschließend das zweite Staatsexamen. Ich habe auch bereits Kontakt zu Kanzleien, die mir sagen: "Schade, dass Sie noch nicht fertig sind. Wir hätten durchaus Aufgaben für Sie." Später möchte ich als Volljurist arbeiten. Aufgrund meines BWL-Hintergrunds sehe ich mich vor allem in der Wirtschaft und möchte dort freiberuflich tätig sein. 

"Meine Lebenserfahrung macht mich gelassener"

beck-aktuell: Gab es im Studium Momente, in denen Sie ans Aufgeben gedacht haben?

Kreft: Nicht ernsthaft. Zweifel hatte ich natürlich schon. Vor allem in der Zeit, als ich noch berufstätig war. Ich arbeitete für eine amerikanische Softwarefirma. Dort herrschte starker Umsatzdruck. Arbeit und Jurastudium parallel zu bewältigen, war anspruchsvoll. Da habe ich mich durchaus gefragt, ob sich das durchhalten lässt. Aber den Gedanken, alles hinzuschmeißen, hatte ich nie. Dafür begleitet mich das Thema Jura schon viel zu lange.

beck-aktuell: Ergeben sich aus Ihrem Alter Vorteile gegenüber jüngeren Studierenden?

Kreft: Ich glaube schon. Die Lebenserfahrung hilft mir vor allem dabei, gelassener mit Druck umzugehen. Natürlich bin ich ehrgeizig. Sonst würde ich diesen Weg gar nicht gehen. Aber ich bin deutlich entspannter als viele jüngere Studierende. Ich erinnere mich an einen Kommilitonen, der bereits einmal durch das erste Staatsexamen gefallen war. Sein Vater war Anwalt und machte Druck. Das sind Situationen, die enorme Belastungen erzeugen.

"Das Gras ist auf der anderen Seite des Zaunes nicht automatisch grüner"

beck-aktuell: Was antworten Sie, wenn Sie von jüngeren Studierenden auf Lerntipps angesprochen werden?

Kreft: Mein wichtigster Rat lautet: möglichst früh mit Fällen arbeiten. Viele verbringen sehr viel Zeit mit Büchern, Skripten und Karteikarten. Das hat alles seine Berechtigung. Aber das erste Staatsexamen besteht am Ende daraus, einen Fall zu lösen. Man muss dabei nicht jeden Fall sofort vollständig lösen können. Man kann sich zunächst die Lösung ansehen, Strukturen erkennen und anschließend versuchen, den Fall selbst zu bearbeiten. 

beck-aktuell: Würden Sie jungen Menschen zum Jurastudium raten?

Kreft: Die Entscheidung muss jeder selbst treffen. Wenn jemand merkt, dass ihm das Studium überhaupt nicht liegt, dann sollte er ehrlich prüfen, ob ein Wechsel sinnvoll ist. Diese Entscheidung kann aber kein Außenstehender abnehmen. Ich warne immer davor zu glauben, das Gras sei auf der anderen Seite des Zauns automatisch grüner. Jura ist ein wunderbares Fach mit enorm vielen Möglichkeiten. Man sollte allerdings ein echtes Interesse an juristischen Fragestellungen mitbringen.

"Europarecht hat meinen Blick verändert"

beck-aktuell: Sie haben die Universität vor und im Internet-Zeitalter erlebt. Was hat sich verändert?

Kreft: Früher wurden keine Veranstaltungen aufgezeichnet. Wer eine Vorlesung hören wollte, musste vor Ort sein. Das hatte den Vorteil, dass man leichter Kontakt zu Professorinnen und Professoren aufbauen konnte. Gleichzeitig hat die Digitalisierung große Vorteile und viele Menschen profitieren davon. Berufstätige, Eltern oder Personen mit langen Anfahrtswegen können heute viel flexibler studieren.

beck-aktuell: Hat das Jurastudium Ihren Blick auf Politik und Gesellschaft verändert?

Kreft: Ich war immer politisch interessiert und informiere mich täglich. Einen besonders starken Eindruck hat bei mir das Europarecht hinterlassen. Viele Menschen sehen in der EU vor allem Bürokratie. Und natürlich kann man einzelne Entwicklungen kritisch betrachten. Aber durch das Jurastudium habe ich viele Prozesse besser verstanden. Dadurch wurde mir noch deutlicher, welche große Bedeutung Europa für unser Zusammenleben hat. 

beck-aktuell: Haben Sie zum Abschluss einen guten Rat, den Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchten?

Kreft: Wir alle durchlaufen unterschiedliche Lebensphasen. Dabei erlebt jeder auch Rückschläge, Enttäuschungen oder Misserfolge. Wichtig ist aus meiner Sicht, immer wieder aufzustehen. Man sollte sich ehrlich fragen, warum etwas nicht funktioniert hat, aus Fehlern lernen und dann mit neuer Energie weitermachen. Auch ich bin schon durch Klausuren gefallen. Das gehört dazu. Entscheidend ist, sich davon nicht dauerhaft entmutigen zu lassen. 

beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Die Fragen stellte Dr. Jannina Schäffer

 

Diplom-Betriebswirt Andreas Kreft ist Senior-Student an der Universität zu Köln.