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Anwältin wird Pfarrerin

"Jura war auch als Pfarrerin nie für die Katz"

Eine Frau in einem schwarzen Pfarrbekleidung spricht in einem grünen Garten in ein Mikrofon
Caroline Constanze Schönberg im September beim "Gottesdienst im Grünen" im Gustavsgarten Bad Homburg © privat

Mit über 50 tauscht Caroline Constanze Schönberg die Juristerei gegen die Kanzel: Nach Jahren als Anwältin und im Ausland studierte sie Theologie und absolviert nun ihr Vikariat. Im Interview erzählt sie, warum Jura dennoch nie "für die Katz" war.

beck-aktuell: Frau Schönberg, Sie waren Anwältin und sind heute in der Ausbildung zur Pfarrerin. Wie kam es dazu?

Caroline Constanze Schönberg: Den Gedanken, noch einmal Theologie zu studieren und Pfarrerin zu werden, hatte ich vor einigen Jahren. Eine Freundin von mir, die heute Pfarrerin in der deutschen Auslandsgemeinde in Kapstadt ist, sagte damals zu mir: "Ich verstehe gar nicht, warum du die Kirchenarbeit nicht beruflich machst?" Meine erste Reaktion war: Du spinnst, ich werde doch nicht noch einmal ein Studium auf mich nehmen. Aber der Floh war dann im Ohr.

Ich habe mir zunächst kleinere Ziele gesetzt und eine Ausbildung zur Sterbe- und anschließend zur Trauerbegleiterin gemacht. Und irgendwann stand die Frage im Raum: Wenn die Kinder aus dem Haus sind, möchte ich wieder als Juristin arbeiten oder nicht? Die Tätigkeit als Anwältin kam für mich zu diesem Zeitpunkt aber ehrlich gesagt gar nicht mehr infrage.

"Mein Jurastudium hilft mir bis heute"

beck-aktuell: War der Schritt in die Theologie daher auch eine Entscheidung gegen die Juristerei?

Schönberg: Ja, vermutlich schon. Mit meinem Mann und unseren drei Kindern habe ich elf Jahre im Ausland gelebt. Dadurch war ich lange aus dem Beruf raus. Ich hatte meine Zulassung zwar behalten, weil ich immer dachte, vielleicht gehe ich irgendwann zurück. Aber je länger mein Leben nicht mehr juristisch geprägt war, desto weiter habe ich mich davon entfernt. Durch mein Ehrenamt in gemeinnützigen Organisationen im Ausland und das Engagement in verschiedenen Kirchengemeinden wurde mir immer wichtiger, unmittelbar mit Menschen zu arbeiten, statt nur über Menschen und ihre Probleme zu schreiben. 

Glaube und Kirche haben mich schon mein Leben lang begleitet. Unser Pfarrer in Mexiko war damals etwa für die deutschsprachigen Gläubigen im ganzen Land zuständig und entsprechend viel unterwegs. Deshalb baute er eine Art kleine Prädikantenausbildung für Ehrenamtliche auf. Das war für mich ganz neu und hat mir große Freude bereitet.

beck-aktuell: Was hat Ihnen konkret als Anwältin gefehlt?

Schönberg: Mir war die Juristerei einfach zu sachlich. Ich möchte mir Zeit nehmen können, ein Ohr für Menschen haben, sie begleiten. Das heißt aber nicht, dass ich bereue, Jura studiert zu haben. Im Gegenteil: Das Studium ist sehr breit aufgestellt und hilft mir bis heute. In Kirchenvorstandssitzungen ist juristisches Denken beispielsweise sehr hilfreich. Man lernt, Sachfragen zu strukturieren und gemeinsam Lösungen zu finden. Und im Zweifel ist man relativ entspannt, weil man als Juristin gelernt hat, dass man immer alles irgendwo nachschlagen kann. Man muss nicht alles im Kopf haben.

"Unser Dritter im Bunde ist Gott"

beck-aktuell: Gibt es etwas, das Juristinnen und Pfarrerinnen gemeinsam haben?

Schönberg: Ich glaube, beide Berufe können sehr gut Brücken bauen, allerdings ganz unterschiedlich. Die juristische Arbeit ist häufig sachlicher, die pastorale Tätigkeit vielleicht stärker von Mitgefühl und Wertschätzung geprägt. Wobei ich ausdrücklich nicht sagen möchte, dass Juristinnen und Juristen kein Mitgefühl hätten. In beiden Berufen gibt es ganz unterschiedliche Menschen.

Ein großer Unterschied ist aber: Als Pfarrpersonen haben wir immer noch einen Dritten im Bunde, und das ist Gott. Der läuft bei uns gewissermaßen immer mit und gibt Haltung. In der Juristerei sind es eher die Paragrafen, die im Hintergrund mitschwingen. 

beck-aktuell: Und was reizt Sie an der Arbeit als Pfarrerin besonders?

Schönberg: Diese enorme Bandbreite. Ich bin in meinem Vikariat gerade in einer Grundschule tätig, leiste aber auch Gemeindearbeit mit ganz unterschiedlichen Generationen. Und dann begleiten wir Menschen an den verschiedenen Schwellen des Lebens: bei Taufen und Hochzeiten, beim Sterben und in der Trauer, aber auch schon vorher bei Krankheiten oder anderen Brüchen im Leben.

Juristinnen und Juristen werden meistens nur tätig, wenn etwas zu regeln ist. In der Seelsorge kann man dagegen einfach da sein und zuhören, ohne unbedingt eine Lösung zu haben. Am Krankenbett zu sitzen, Menschen in ihrer Trauer oder auch in ihrem Glück zu begleiten und mit ihnen Gottesdienst zu feiern, das ist schon etwas Besonderes. 

"Auslegung ist ein Handwerkszeug"

beck-aktuell: Juristinnen und Theologinnen beschäftigen sich beide damit, Texte auszulegen. Hat Ihnen Jura dabei geholfen?

Schönberg: Ja, tatsächlich. In der Theologie nennen wir das Exegese. Und genau das finde ich so spannend: Theologie ist eine Wissenschaft. Es geht bei der Auslegung zunächst gar nicht darum, ob ich etwas glaube oder nicht. Die erste Frage lautet: Wo kommt der Text her? Welche Verbindungen gibt es innerhalb der Bibel oder zu anderer theologischer Literatur? Die Auslegung ist ein Handwerkszeug, und darin sehe ich durchaus Gemeinsamkeiten mit Jura. 

beck-aktuell: Wie ist es, so spät im Leben noch einmal zu studieren?

Schönberg: Die Lernerei mit über fünfzig ist nicht einfach. Ich habe in Marburg den berufsbegleitenden Master of Theology gemacht. Das war schon eine Herausforderung. Man braucht viel Disziplin. Bei uns waren übrigens gleich fünf Juristinnen und Juristen im Jahrgang.

Vielleicht hätte ich Theologie auch schon früher studiert, wenn ich mich mit Anfang zwanzig getraut hätte. Aber wahrscheinlich hatte ich auch noch gar nicht die Lebenserfahrung, um mir vorstellen zu können, als Pfarrerin zu arbeiten. Deswegen wurde es erstmal Jura.

beck-aktuell: Wie hat Ihr Umfeld auf den Berufswechsel reagiert?

Schönberg: Eigentlich durch die Bank positiv. Eine sehr gute Freundin, mit der ich schon für das erste Staatsexamen gelernt habe und die heute noch als Juristin arbeitet, war zum Beispiel total begeistert. Die Menschen, die mich schon aus meiner Zeit als Juristin kennen, sagen oft: "Das passt zu dir."

Niemand war schockiert. Einige hatten wahrscheinlich sogar mehr Respekt vor dem Schritt als ich selbst. Ich habe mir vorher zum Glück nicht so genau überlegt, wie viel Arbeit das alles werden würde. Manchmal ist es wahrscheinlich ganz gut, das nicht vorher zu wissen. 

"Die Kirche ist Teil der Zivilgesellschaft"

beck-aktuell: Sie wechseln in eine Institution, die in den vergangenen Jahren selbst viel in der Kritik stand – bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, aber auch bei der Diskriminierung von Mitarbeitenden. Blicken Sie als Juristin kritischer auf die Kirche als andere?

Schönberg: Nicht unbedingt nur als Juristin, sondern vor allem als Mensch. Natürlich ist die Kirche durch schwere Krisen gegangen, die sie teils selbst verursacht hat. Sie ist eine Institution wie viele andere, allerdings mit dem Anspruch, sich in besonderer Weise an bestimmte Werte zu halten. Umso schwieriger ist es, wenn sie diesem Anspruch nicht gerecht wird.

Ich erlebe in unserer Ausbildung aber auch, wie intensiv diese Themen behandelt werden und wie sehr daran gearbeitet wird, genauer hinzuschauen. Das heißt nicht, dass alles perfekt läuft. Entscheidend ist für mich, dass man ehrlich auf die Probleme blickt und sie nicht unter den Teppich kehrt. Dazu gehört vor allem, sie mit den Mitteln des Rechts aufzuarbeiten. Wir gehören als Kirche zur Zivilgesellschaft. Da kann man sich nicht verstecken.

"Die Kirche muss klare Position beziehen"

beck-aktuell: Wie politisch darf Kirche sein?

Schönberg: Es geht nicht darum, generell Parteipolitik zu machen. Aber wenn es darum geht, unsere Gesellschaft und die Demokratie zu schützen, dann muss die Kirche Position beziehen. Dadurch, dass wir das Evangelium verkünden und für Menschen unterwegs sind, sind wir ohnehin automatisch politisch. Mir ist wichtig, das möglichst positiv zu formulieren und trotzdem klar zu sein. Die Würde des Menschen kommt nicht von irgendwoher. Wir müssen sie schützen.

beck-aktuell: Ist das Kirchenasyl ein Beispiel dafür, wie eng Recht und Kirche zusammenhängen?

Schönberg: Das ist ein spannendes Thema, bei dem im Hintergrund tatsächlich sehr viel Recht steckt, etwa Kirchen- und Gemeindeordnungsrecht. Ich halte Kirchenasyl grundsätzlich für wichtig. Aber eine Pfarrperson kann darüber nicht einfach allein entscheiden. Dahinter müssen alle stehen – auch wenn es darum geht, wer eventuell haftet. Es geht außerdem ganz praktisch darum, wie die Versorgung der Menschen im Kirchenasyl organisiert wird. Das ist eine große Aufgabe, bei der alle mit anpacken müssen.

Das ist vielleicht auch das Schwierige, aber zugleich das Positive an unserer Demokratie: Man muss Kompromisse finden und gemeinsam Entscheidungen tragen. Und wenn ein bestimmter Weg nicht möglich ist, kann man überlegen, auf welche andere Weise Menschen unterstützt werden können, die unsere Hilfe brauchen. 

"Ich bin ja nicht plötzlich keine Juristin mehr"

beck-aktuell: Wie hat sich Ihr Blick auf Konflikte verändert, mit denen Sie sich schon im Jurastudium beschäftigt haben – beispielsweise bei Fragen zum Schwangerschaftsabbruch oder zur Sterbehilfe?

Schönberg: Das juristische Denken hilft mir, Dinge sachlich und rechtlich einzuordnen: Was geht, was geht nicht? Ich bin ja nicht plötzlich keine Juristin mehr.

Aber ethische Fragen sind eben keine rein juristischen Fragen. Sie gehen über das Recht hinaus, weil dahinter menschliche Krisen und Schicksalsschläge stehen. Die lassen sich deswegen nicht allein mit Gesetzen lösen. Gerade in dramatischen Lebenssituationen muss man zuerst versuchen, den konkreten Menschen zu sehen und seine Situation zu verstehen. Meine – sehr juristische – Antwort: "Es kommt darauf an."

Aber weil mich mein Glaube immer begleitet hat, also auch schon im Jurastudium, war mein Berufswechsel vielleicht gar kein so radikaler Spurwechsel. Ich habe mich einfach weiterentwickelt.

beck-aktuell: Haben es Paragrafen schon einmal in eine Ihrer Predigten geschafft?

Schönberg: Ja, tatsächlich habe ich in Predigten schon gesagt: "Als Juristin würde ich das jetzt so und so subsumieren." Das war herrlich, weil die Gemeinde darüber schmunzeln konnte. Anschließend habe ich die Frage dann noch einmal aus theologischer Perspektive beleuchtet. Ich arbeite ohnehin gerne mit Sprache, übrigens auch mit den alten Sprachen. Deshalb kann ich mir gut vorstellen, auch einmal einen Paragrafen in einer Predigt aufzugreifen, wenn er passt. 

"Jura war niemals für die Katz"

beck-aktuell: Was raten Sie jungen Juristinnen und Juristen, die in ihrem juristischen Beruf unglücklich sind?

Schönberg: Jeder Lebensweg ist anders. Ich würde darauf hinweisen, dass es sehr viele andere Möglichkeiten im Leben gibt und dass die Juristerei deshalb niemals "für die Katz" war. Ich glaube, Jura ist ein Beruf, der einen für immer prägt. Ich würde gemeinsam mit der Person schauen: "Was liegt dir? Was macht dir Spaß? Was könntest du dir vorstellen?"

Dafür braucht es Mut. Psalm 31 Vers 9 ist da sehr passend: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum." Das heißt: Es ist vieles möglich., denn durch Gott erfahren wir Halt und Hoffnung. Man muss manchmal nur ein bisschen verrückt sein und springen. Und es gibt immer Menschen, die einen begleiten und neue Perspektiven zeigen. Dabei sind wir nie allein. Wir haben immer unseren Dritten im Bunde dabei.

beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.