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"Erinnern ist das wahre Vergessen" - Zur Bedeutung der Gedächtnispsychologie für Juristen

Codiertes Recht

Unsere Erinnerungen sind in unserem Gehirn nicht sicher wie auf einer «Festplatte» abgespeichert. Sie unterliegen vielmehr vielfältigen Manipulationen, Verfälschungen und nachträglichen Rekonstruktionen. "Unsere Erinnerungen sind in größter Gefahr, wenn wir uns an sie erinnern", sagt der Bochumer Psychologie-Professor Onur Güntürkün. Gerade für Juristen seien Kenntnisse der Gedächtnispsychologie von enormer Bedeutung, wenn es um die Beurteilung von Zeugenaussagen gehe.

Gedächtnispsychologie von enormer praktischer Relevanz

Wenn wir uns erinnern "werden [die Erinnerungen] sehr fragil und können zerstört oder modifiziert werden", so Güntürkün. Viele Experimente belegten dies. Und hat die Erkenntnis einen praktischen Wert? Und ob, meint der Wissenschafter. "Eigentlich müssten Juristen das studieren." Denen sei der schmale Grat zwischen Erinnern, Vergessen und Manipulation selten bewusst. Wer die Funktionsmechanismen des Gedächtnisses nicht verstehe und nicht wisse, wie "Erinnerungen implantiert" werden, könne schlimmen Irrtümern erliegen, erläuterte der Professor im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf. Vor allem vor Gericht. "Das kann zwei katastrophale Folgen haben", stellt der mehrfach ausgezeichnete Forscher der Ruhr-Universität Bochum fest. "Es kann sein, dass ein Unschuldiger in den Knast geht oder dass ein Schuldiger nicht in den Knast geht."

Suggestion durch Wortwahl

Manchmal hänge es an einem einzigen Wort. Je nachdem, ob gefragt werde, ob ein Auto in ein anderes "gekracht" sei oder ob es "auffuhr", berichteten Zeugen von unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Je nach Intensität des Verbs, das der Fragende benutze, erinnere sich der Zeuge an Glassplitter oder auch nicht.

Erinnern ist immer auch Erfinden

Güntürkün hat weitere Experimente auf Lager: Jemand, den wir von früher kennen, erzählt von einem gemeinsamen Erlebnis. Ein Detail hat zwar Plausibilität, stimmt aber so nicht. Beispiel: die erste Käfer-Fahrt, die gefährliche Kurve, die Angst, Manuela auf der Rückbank. "Manuela war aber nicht auf der Rückbank", antwortet vielleicht ein Probant. Der Professor beschreibt die häufige erste Reaktion: "Wir lehnen ab, wir grübeln. Wochen später "erinnern" wir uns: Manuela saß auf der Rückbank. Im Interesse der Wissenschaft verkündet Güntürkün seinen Mitmenschen eine schonungslose Botschaft: "Ein Teil ihres Lebens ist von ihnen selbst erfunden."

Später erworbenes Wissen verändert Erinnerungen

Erinnerungen seien eben keineswegs wie abgespeicherte Dokumente auf einer Festplatte. "Sie sind immer nur ein interpretierter Ausschnitt." Dass das Gehirn Modifikationen zulassen müsse, liege in der Natur des Menschen und aller Tiere. "Sonst könnte man keine neue Kaffeemaschine bedienen, sondern würde immer wieder bei Null anfangen." Doch das vermeintlich fotografische Nachbild narrt uns. So kommt es zu einem bekannten Phänomen: "In unserer Erinnerung waren wir als Kinder schlauer, erfolgreicher und haben von vornherein gewusst, was später schiefgehen würde." Tatsächlich passiere Folgendes, erklärt der Biopsychologe: "Im Gehirn kriecht unser später erworbenes Wissen um die Niederlage in unseren Erinnerungsprozess und verändert ihn."

Zeuge ist schwächstes Beweismittel

Für Zeugenaussagen sei das von größter Bedeutung. "Juristen sind sich ihrer Rationalität viel zu sicher. Die natürliche Irrationalität des Menschen ist ihnen nicht bewusst. Daraus entstehen viele Probleme." Jürgen Widder, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen Anwaltvereins, kann das nachvollziehen. "Das schwächste Beweismittel ist der Zeuge", räumt er ein. "Im Gerichtsalltag geht das manchmal ein bisschen verloren." Andererseits könne dort auch nicht alles infrage gestellt werden. "Dann käme es zu keiner Entscheidung mehr."

Psychologie der Zeugenaussage sollte Bestandteil des Jura-Studiums sein

Das ohnehin vollgepackte Jura-Studium mit weiteren Pflicht-Bausteinen zu belegen - etwa zur Taktik von Zeugenaussagen und Psychologie der Sprache - sei schwierig. Aber das Angebot sollte zumindest gemacht werden. "Auch schon an der Universität und als Fortbildung sowieso", unterstreicht der Anwalt. Als Lehrbeauftragter der Ruhr-Universität beschäftigt sich der Jurist selbst mit solchen Schlüsselqualifikationen. "Wir sollten uns mehr in Selbstkritik und Selbstreflexion üben."