„Reden ist Gold“

Zitiervorschlag
Dr. Monika Spiekermann; Thomas Hauburger: „Reden ist Gold“. beck-aktuell, 03.06.2026 (abgerufen am: 03.06.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/199186)
Thomas Hauburger ist Oberstaatsanwalt in Gießen und leitet dort die Abteilung für Kapitaldelikte und allgemeine Strafsachen. Die tagtägliche Konfrontation mit schwersten Gewaltverbrechen kann auch für den erfahrensten Ermittler zu einer psychischen Belastung werden, berichtet er uns.
Wir wollten von ihm wissen, wie er damit umgeht und welche Unterstützungsangebote es für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen gibt.
NJW: In Ihrem Job sehen Sie jeden Tag, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind. Welche Fälle haben Ihnen in der Vergangenheit den Schlaf geraubt?
Hauburger: Naturgemäß blickt man in meinem Beruf in menschliche Abgründe. Selbstverständlich gab und gibt es deshalb Fälle, die eine erhebliche mentale Herausforderung bedeuten. Ich erinnere mich etwa an ein Verfahren aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität: Nach einem gescheiterten Drogendeal wurde ein Ehepaar in seinem Wohnhaus überfallen. Der Mann wurde im Beisein seiner Lebensgefährtin zu Tode geprügelt. Anschließend versuchten die Täter sogar, die Frau bei lebendigem Leib zu verbrennen. Oder ein „erweiterter Suizid“, bei dem ein Vater seine beiden Kinder von einer 100 Meter hohen Brücke in den Tod stürzte und anschließend sich selbst das Leben nahm. Letztlich erzählt jedes Tötungsdelikt eine Geschichte – nicht nur über Täter und Opfer, sondern auch über die Menschen, die zurückbleiben. Gerade diese zwischenmenschliche Dimension macht viele Verfahren emotional anspruchsvoll.
NJW: Hat man Sie als jungen Staatsanwalt auf das, was Sie in Ihrem Dezernat erwartet, vorbereitet?
Hauburger: Ich habe etwa zwei Jahre nach meinem Berufseinstieg zunächst im Bereich des Betäubungsmittelstrafrechts gearbeitet, bevor mir ein Dezernat für Kapitaldelikte übertragen wurde, was ich damals durchaus als besondere Anerkennung und großen Vertrauensbeweis empfunden habe. Zugleich habe ich in dieser Zeit viel Unterstützung erfahren – insbesondere durch meine damalige Abteilungsleiterin, aber auch durch den Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen. Darüber hinaus bietet die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt a. M. Fortbildungen im Bereich der Kapitaldelikte an. Dieses Angebot ist fachlich ausgesprochen hochwertig und half dabei, ein solides Fundament für die praktische Arbeit zu schaffen. Trotzdem muss man ehrlich sagen: Der Einstieg in dieses Deliktsfeld bleibt ein „Sprung ins kalte Wasser“. Kapitalverbrechen unterscheiden sich aufgrund des Umfangs, der Komplexität und der Wahrnehmung in der medialen Öffentlichkeit oftmals elementar von der Bearbeitung vieler anderer Straftaten.
NJW: Wie verarbeiten Sie besonders belastende Ermittlungsverfahren bzw. gelingt es Ihnen, auch in solchen Fällen professionelle Distanz zu wahren?
Hauburger: Zunächst schafft eine professionelle Herangehensweise die notwendige Distanz. Beispielsweise ist für mich weniger die unmittelbare Konfrontation mit Gewaltbildern oder die Besichtigung von Tatorten und Leichnamen belastend. Diesen betrachte ich zuvörderst als Beweismittel, welches einer rechtsmedizinischen Untersuchung zuzuführen ist. Eine solche Betrachtungsweise schafft Abstand. Darüber hinaus bleibt zugegebenermaßen gerade bei öffentlichkeitswirksamen Tötungsdelikten mit hohem Ermittlungsdruck aufgrund der Vielzahl notwendig werdender Entscheidungen häufig kaum Zeit für eine innere Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, was auch einen gewissen Schutz bedeutet. Was mich persönlich eher belastet, sind langwierige Ermittlungen und insbesondere der enge Kontakt zu Angehörigen. Wenn man über Jahre hinweg tief in die Lebensgeschichten anderer Menschen eintaucht, hinterlassen solche Verfahren Spuren.
NJW: Bei welchen Verfahren war das so?
Hauburger: Etwa bei dem Fall „Johanna“: ein damals achtjähriges Mädchen, das 1999 entführt, sexuell missbraucht und getötet wurde. Ich habe das Verfahren 2014 übernommen. 2017 konnte der Täter schließlich ermittelt und später rechtskräftig verurteilt werden. In solchen Verfahren begleitet man Angehörige und deren Schicksal über Jahre hinweg. Für mich ist in diesen Momenten der wichtigste Faktor der enge Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Das gemeinsame Besprechen von Verfahrensverläufen und auch das direkte Ansprechen von Problemen wirkt häufig sehr entlastend. Ebenso wichtig ist der kontinuierliche und auch selbstkritische Austausch mit der zuständigen Mordkommission. Wir haben in den vergangenen Jahren eine offene Fehlerkultur etabliert. Ferner habe ich auch bereits an Supervisionen teilgenommen, die in besonders belastenden Konstellationen eine hilfreiche Möglichkeit bieten, das Erlebte zu verarbeiten. Diese Kombination aus kollegialem Austausch, institutioneller Unterstützung und professioneller Reflexion trägt wesentlich dazu bei, diese Verfahren zu bearbeiten und die notwendige professionelle Distanz zu wahren, ohne jedoch die dringend erforderliche Empathie zu verlieren.
NJW: Kann auch die Verurteilung des Täters, der Täterin helfen, mit einem solchen Fall abzuschließen?
Hauburger: Für mich ist die rechtskräftige Feststellung von Schuld von ganz zentraler Bedeutung, weil sie auch mit öffentlicher Verantwortungszuweisung verbunden ist. Das ist im Übrigen auch eine Rückmeldung, die ich regelmäßig von Hinterbliebenen erhalte: Für sie ist diese gerichtliche Klarheit ebenfalls von enormer Wichtigkeit für die Trauerbewältigung. Ich habe allerdings auch einen Fall erlebt, in dem sich ein Beschuldigter – nachdem er seine Freundin getötet hatte – während der Untersuchungshaft suizidiert hat. Das hat bei mir ein starkes Gefühl der Leere hinterlassen, weil ich dies als eine Art Entzug aus der Verantwortungssphäre empfunden habe. In solchen Momenten wird einem noch einmal sehr deutlich, wie wichtig ein öffentliches Verfahren mit gerichtlicher Aufklärung ist.
NJW: Welche Rolle spielt dabei das soziale Umfeld?
Hauburger: Für mich eine sehr wichtige. Ich bin überzeugt davon, dass eine Tätigkeit in einem derart herausfordernden Bereich ohne ein stabiles privates Umfeld auf Dauer kaum zu bewältigen ist. Die Unterstützung meiner Familie hat wesentlich dazu beigetragen, dass ich seit nunmehr 13 Jahren in diesem anspruchsvollen Tätigkeitsfeld arbeiten kann.
NJW: Gibt es Beratungsangebote für Staatsanwälte und Richterinnen mit Zuständigkeiten etwa für Kapitaldelikte oder Kinderpornografie während besonders belastender Verfahren?
Hauburger: Es gibt verschiedene unterstützende Strukturen. Als Abteilungsleiter stehe ich im kontinuierlichen Austausch mit den zuständigen Sachbearbeitern und gebe meine Erfahrungen weiter. Diese permanente Rücksprache ist ein wesentlicher Bestandteil der fachlichen Begleitung und der Unterstützung im Dezernat. Auch ist unsere Behördenleitung jederzeit ansprechbar und hat stets ein offenes Ohr. Darüber hinaus besteht in Hessen die Möglichkeit der Supervision, in deren Rahmen besonders belastende Situationen strukturiert aufgearbeitet und reflektiert werden können.
NJW: Sind Ihnen Fälle von Kolleginnen oder Kollegen bekannt, die aufgrund der psychischen Belastungen im Job länger ausgefallen sind oder um ihre Versetzung gebeten haben?
Hauburger: Belastungsspitzen kommen – wie in jedem anderen anspruchsvollen Beruf auch – mitunter vor. Versetzungen oder gar Ausfälle speziell im Zusammenhang mit Kapitaldelikten sind mir persönlich allerdings nicht bekannt.
NJW: Als Vorgesetzter haben Sie auch eine Verantwortung für die psychische Gesundheit Ihrer Mitarbeitenden. Wie werden Sie der gerecht?
Hauburger: Als Vorgesetzter sehe ich es als meine zentrale Aufgabe an, für die Mitarbeitenden jederzeit und für Fragen aller Art ansprechbar zu sein. Wichtig ist mir dabei vor allem die unmittelbare Unterstützung im Arbeitsalltag: Bei jedem Kapitaldelikt bin ich rund um die Uhr erreichbar und begleite die Dezernentinnen und Dezernenten eng mit Rat und Tat. Diese kontinuierliche Erreichbarkeit und der regelmäßige persönliche Austausch sind aus meiner Sicht entscheidend, um die Verantwortung für die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden auch praktisch wahrzunehmen.
NJW: Seit diesem Jahr sind Sie einer von mehreren Supervisoren in der hessischen Justiz. Ist diese Position logische Folge Ihrer langjährigen Erfahrung mit belastenden Verfahren?
Hauburger: In gewisser Weise ist diese Aufgabe eine logische Folge meines beruflichen Werdegangs. Bereits vor meiner Tätigkeit als Staatsanwalt war ich fast zehn Jahre im Rettungsdienst beschäftigt. Auch dort war Supervision ein wichtiger Bestandteil der beruflichen Praxis. Gerade die Möglichkeit, belastende Aspekte eines Verfahrens in einem geschützten Rahmen zu besprechen, halte ich für sehr wertvoll. Diese Erfahrungen haben mich geprägt und ich würde sie gerne an Kolleginnen und Kollegen in der Justiz weitergeben.
NJW: Was raten Sie speziell jungen Kolleginnen und Kollegen, um mit emotional belastenden Situationen im Job besser klarzukommen?
Hauburger: Reden ist in dem Kontext tatsächlich Gold. Der wichtigste Rat ist daher, belastende Situationen nicht mit sich allein auszumachen, sondern konsequent den kollegialen Austausch zu suchen. Kommunikation ist aus meiner Sicht der zentrale Schlüssel für den Erhalt mentaler Gesundheit.
Vor dem Jurastudium in Marburg absolvierte Oberstaatsanwalt Thomas Hauburger eine zweijährige Ausbildung zum Rettungsassistenten und war während Studium und Referendariat als Teilzeitkraft beim DRK Rettungsdienst Mittelhessen tätig. Der Staatsanwaltschaft Gießen gehört er seit 2011 an; seit 2015 ist er deren Pressesprecher. Im gleichen Jahr hat er einen Lehrauftrag an der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit in Gießen übernommen. Seit 2022 leitet Hauburger die Abteilung für Kapitaldelikte und allgemeine Strafsachen.
Dieser Text stammt aus Heft 22/2026 der NJW. Dort erschien dieses Interview in gekürzter Form. Sie möchten die NJW kostenlos testen? Jetzt vier Wochen gratis testen inkl. Online-Modul NJWDirekt.
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Dr. Monika Spiekermann; Thomas Hauburger: „Reden ist Gold“. beck-aktuell, 03.06.2026 (abgerufen am: 03.06.2026 von https://www.beck-aktuell.de/node/199186)



