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Semesterstart

"Das Jurastudium ist wie ein Vollzeitjob"

Zwei junge Frauen und zwei junge Männer laufen über ein Universitätsgelände
Die erste Woche an der neuen Universität ist besonders spannend © DMegias / Adobe Stock

Zum Start des Wintersemesters im Oktober verrät Lothar Michael, worauf es für Erstsemester wirklich ankommt. Warum Begeisterung wichtiger ist als Auswendiglernen, welche Fehler viele Studienanfänger machen und wie man dauerhaft motiviert bleibt.

beck-aktuell: Herr Prof. Michael, Sie sind seit diesem Jahr Studiendekan an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Was halten Sie davon, wenn Erstsemestler schon im Vorfeld eines Jurastudiums juristische Praktika absolvieren?

Prof. Dr. Lothar Michael: Solche Praktika können einen Einblick in den juristischen Alltag bieten. Dabei lässt sich entdecken, was es für spannende Fragen im rechtlichen Bereich gibt. Und zugleich sieht man, was Jura in der Praxis ausmacht. Es geht darum, praktische Probleme zu lösen. Das bedeutet, dass man genau zuhören und Texte genau lesen muss. Das bedeutet auch, dass man eigene Texte verfasst und daran feilt. Und vor allem, dass man ganz viele Gespräche führt und mit Argumenten überzeugt.

beck-aktuell: Würden Sie ein Praktikum in einem bestimmten Bereich empfehlen – zum Beispiel in einer Anwaltskanzlei oder am Gericht? Oder ist das letztendlich egal?

Michael: Das würde ich ganz nach Lust und Laune machen. Wer Jura studieren möchte, hat ja irgendeine Motivation dazu. Das, was einen getriggert hatte, Rechtswissenschaften studieren zu wollen, das kann man gerne als Ausgangspunkt dafür nehmen, dort mal ein Praktikum zu absolvieren. Aber letztlich ist die Vielfalt der juristischen Berufe so groß, dass es nicht mehr ist als ein erster Einblick. Lerneffekte haben Praktika in aller Regel erst, wenn man im Studium fortgeschritten ist.

"Bin ich bereit, mich auf das Jurastudium einzulassen?"

beck-aktuell: Im Oktober starten auch wieder viele Jurastudierende in ihr allererstes Semester an einer Uni. Was sollte man sich vorher klar machen?

Michael: Ich würde mir vor allem die Frage stellen: Bin ich bereit, mich auf das Jurastudium einzulassen? Damit meine ich drei Punkte, nämlich erstens: Bin ich bereit, mich auf neue Menschen einzulassen? Es ist eine tolle Chance und sehr bereichernd, dass man im Studium mit den Lehrenden und mit den Mitstudierenden viele neue Menschen kennenlernt. Der zweite Punkt ist, dass man sich mit Jura auf einen komplett neuen Themenkomplex einlässt. Und das Dritte: Man muss sich auf die wissenschaftliche Herangehensweise einlassen, die anders ist als in der Schule. Es geht darum, Lösungen zu suchen und zu hinterfragen. Dort, wo es spannend wird, gibt es nicht die eine "richtige" Lösung, die man auswendig lernen soll. Jura bedeutet, Argumente für und gegen verschiedene Lösungswege zu finden.

beck-aktuell: Für wie wichtig halten Sie die Orientierungswoche an der Uni?

Michael: Das meinte ich damit, sich auf das Studium einzulassen. Die Orientierungswoche bietet die Chance, gut anzukommen an der Uni. Und deshalb würde ich daran unbedingt teilnehmen. Die größte Chance ist, dass man dadurch erste Kontakte knüpft.
Ich kann hier etwas aus meinem Leben erzählen. Meinen besten Studienfreund habe ich in der ersten Stunde auf dem Unicampus kennengelernt, noch bevor die Vorlesungen begannen. Zu ihm habe ich heute noch Kontakt.

"Karten sind die jungen Leute heute nicht mehr gewohnt"

beck-aktuell: Wie schaffe ich es, mich auf dem Uni-Campus zurechtzufinden?

Michael: Das kann in der Tat eine Herausforderung sein! Vor allen Dingen, weil die jungen Leute gar nicht mehr gewohnt sind, Karten, die man ihnen gibt, in der Hand zu halten und zu lesen; sie checken ja heutzutage alles via Smartphone. Aber alle, die die Einführungswoche mit der Fachschaft gemacht haben, wissen zumindest, wo sie fürs Jurastudium hinmüssen.

beck-aktuell: Wie entwickeln Studienanfängerinnen und Studienanfänger gute Lerngewohnheiten?

Michael: Das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben in Düsseldorf ein Professoren-Kolloquium, bei dem die Professorinnen und Professoren in kleinen Gruppen genau solche Themen besprechen. In Sachen Lerngewohnheiten gibt es verschiedene Strategien, die man einfach mal ausprobieren sollte. Es ist von Vorteil, diese Strategien regelmäßig zu hinterfragen und sich darüber mit anderen auszutauschen. So wird man das Richtige für sich selbst finden.

beck-aktuell: Wie könnte so eine mögliche Strategie genau aussehen?

Michael: Wichtig ist, dass man sich mit der Materie intensiv selbst auseinandersetzt. Dass man Texte liest und zu Veranstaltungen nicht mal eben hingeht, sondern sich selbst beschäftigt mit den Themen. Sei es, dass man zum Beispiel eine Veranstaltung nachbereitet oder sei es, dass man sich schon vor Veranstaltungen den Stoff intensiv anschaut und sich überlegt, was einem selbst zum Beispiel zu einem Fall einfällt, der in einer Arbeitsgemeinschaft in der nächsten Stunde besprochen werden soll. Davon ausgehend muss man dann schauen, wie man sich seinen Wochenplan macht, wie man Wiederholungseinheiten einbaut und wie sich dieses Selbstlernen zum Besuch von Veranstaltungen, die ja ein Muss sind, sinnvollerweise verhält.

"Das Studium ist wie ein Vollzeitjob"

beck-aktuell: Stichwort Wochenplan - wie sieht überhaupt ein sinnvolles Zeitmanagement aus?

Michael: Das Studium ist wie ein Vollzeitjob. Ein Wochenplan, den man sich am besten sonntags für die nächsten sieben Tage macht, kann hilfreich sein. Auch konkrete Tagesziele machen Sinn. Zudem sollten sich Studierende feste Kernarbeitszeiten setzen und nicht vergessen, zwischendurch immer wieder kurze Pausen einzulegen – und natürlich eine längere Mittagspause. Man muss sich klarmachen, dass niemand anspruchsvolle Bücher über Stunden hinweg ohne Pausen an einem Stück lesen und verinnerlichen kann.

beck-aktuell: Wie halte ich denn meine Motivation frisch?

Michael: Das ist eine zentrale Frage. Für Jura braucht man tatsächlich einen langen Atem. Ich glaube, es ist hilfreich, wenn man sieht, dass man nicht vereinsamt und nicht nur zu Hause oder in der Bibliothek für sich lernt, sondern sich mit anderen darüber austauscht. Der zweite Punkt ist, dass das Studium ja auch ein Lebensabschnitt ist, in dem man nicht zuletzt auf Ausgleich achten sollte. Da bieten die Universitäten viel an. Man kann beispielsweise in einen Uni-Chor gehen oder am Hochschulsport teilnehmen oder sich in der Fachschaft engagieren. Man sollte also auch die soziale Komponente eines Studiums ernst nehmen. Auch das hilft, motiviert für die Sache, sprich für das Jurastudium, zu bleiben.

beck-aktuell: Wo lauern für Erstsemesterinnen und Erstsemester Fallstricke?

Michael: Ich glaube, der Ausgangspunkt für Fallstricke ist der Unterschied zur Schule. Es gibt im Jurastudium keine Anwesenheitspflichten und es gibt auch im Gegensatz zur Schule nicht kurzfristige Prüfungen, die man absolviert und abhakt und sich was ganz anderem zuwendet. Die beiden falschen Konsequenzen daraus sind, dass man erstens sagt, es ist nicht wichtig, zu den Veranstaltungen zu gehen. Und die zweite falsche Konsequenz wäre, wenn man sich einredet, dass es schon ausreichen würde, nur zu den Veranstaltungen zu gehen. Studieren ist gelebte Freiheit; Erfolg hat, wer das als Freiheit zum Studium und im Studium versteht und nicht die Freiheit vom Studium.

"Austausch ist am Anfang besonders wichtig"

beck-aktuell: Welche Rolle spielen Mentoring-Programme oder Fachschaften – was kann ich da erwarten?

Michael: Der Austausch nicht nur mit den unmittelbaren Kommilitoninnen und Kommilitonen im gleichen Semester, sondern auch mit den Studierenden, die schon ein, zwei, drei Semester weiter sind oder sich schon für das Examen vorbereiten, kann sehr wertvoll sein. Wir begleiten beispielsweise an der Juristischen Fakultät in Düsseldorf die kleinen Gruppen des Professoren-Kolloquiums auch mit studentischen Tutoren. Die Fachschaften können hier natürlich auch vieles anbieten. An solche Stellen können sich Neulinge gerne wenden, um besser motiviert zu sein und auch um Probleme, die man eventuell hat, zu besprechen.

beck-aktuell: Wann macht es denn aus Ihrer Sicht Sinn, dass ich als Studienanfängerin psychologische Beratung nutze?

Michael: Im Prinzip, wenn einem alles über den Kopf wächst und man den Eindruck hat, dass man nicht wirklich mit dem Studium weiterkommt. Aber eigentlich sollten Profis wie Psychologinnen und Psychologen eine solche Frage beantworten, ich bin bei dieser Frage etwas scheu. Aber ich kann sagen, dass das Thema Examensangst ein Thema ist, das uns zunehmend Sorge macht und das wir als Lehrende und Prüfende sehr ernst nehmen.

Allerdings: Wer nachhaltig studiert und das Lösen von Klausuren – das ist der Hauptstressfaktor – übt, hat weniger einen sachlichen Grund, sich überfordert zu fühlen. Das ist nochmal der Unterschied zur Schule, der im Jura-Studium noch größer ist als in anderen Studienfächern. Denn Jurastudierende haben Staatsexamina und keine Bachelor- oder Masterstudiengänge. Umso wichtiger ist es, nachhaltig zu studieren, um dann das Gefühl zu bekommen, den Herausforderungen des Examens gewachsen zu sein.

"Können ist viel wichtiger als Wissen"

beck-aktuell: Was konkret meinen Sie mit "nachhaltig studieren"?

Michael: Damit meine ich, dass man – wie erwähnt – nicht erst mit dem Selbststudium beginnt, wenn die Zwischenprüfung oder gar das Examen naht. Kontinuierliche Beschäftigung mit dem Stoff ab dem ersten Semester lohnt sich – ohne die sozialen Seiten des Studiums als Lebensphase auszulassen. Wichtig ist auch, bei einem schwierigen Thema so lange nachzulesen und gegebenenfalls auch bei den Lehrenden nachzufragen, bis man es wirklich verstanden hat. Mit Fortschreiten des Studiums werden dann übergeordnete Zusammenhänge deutlich. Beim Lösen von Fällen  geht es um Methodik, um Offenheit für Probleme und auch um Routine. Das will geübt sein. Ab dem ersten Semester wird in Arbeitsgemeinschaften in jedem der drei Rechtsgebiete jede Woche ein Fall besprochen. Da sollte man nicht nur hingehen und die Lösungsmöglichkeiten nicht nur nachvollziehen, sondern sich aktiv einbringen. Das Können ist viel wichtiger als das Wissen. Einfach nur etwas auswendig zu lernen, bringt definitiv nichts.

beck-aktuell: Haben Sie noch einen ultimativen Tipp?

Michael: Das Wichtigste ist, mit Begeisterung an das Studium heranzugehen. Der Satz, der mir aus der ersten Vorlesung in meinem Studium in Erinnerung geblieben war, ist der Satz „Jura ist das schönste Studium der Welt“. Und wenn man sich selbst klar macht, dass man das freiwillig gewählt hat und dass man Lust darauf hat, dann wird man damit auch erfolgreich sein.

beck-aktuell: Vielen Dank für das Gespräch.

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