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Kompass Karriere #20

Wie viel Lernzeit sollte ich für das Jurastudium aufwenden?

Kompass Karriere mit Prof. Dr. Susanne Hähnchen

Diese Woche in der Ratgeberkolumne für (angehende) Juristinnen und Juristen: "Frau Hähnchen, wie viele Stunden sollte ich pro Woche für das Jurastudium einplanen – und welcher Anteil davon sollte eigenständige Lernzeit sein?"

Prof. Dr. Susanne Hähnchen: Ein erfolgreiches Studium ist keine reine Zeitfrage. Der Aufwand hängt vom Lerntyp und der Qualität des Lernens ab. Um zu wissen, wie man gut lernt, ist eine selbstkritische Analyse erforderlich. Leider wird diese meist weder in der Schule noch an der Uni ausreichend unterstützt.

Wenige Menschen können durch einmaliges Zuhören etwas verstehen und abrufbar abspeichern. Also muss man wiederholen, in der Regel mehrfach. Mit variierenden, vor allem aktiven Lernmethoden (nicht nur hören und lesen, sondern z.B. eigene Materialien erstellen) geht das am besten. Als zweiter Schritt kommt dazu, dass das irgendwann Verstandene auf neue Fälle angewendet, also nicht nur wiedergegeben werden soll. Gerade diese Falllösungskompetenz muss aktiv trainiert werden.

Das Studium ist ein Vollzeitjob

In zeitlicher Hinsicht ist ein Studium grundsätzlich als Vollzeitaufgabe konzipiert. Während der vorlesungsfreien Zeit stehen Praktika, Hausarbeiten, Erwerbsarbeit und Urlaub an – sie ist also schon gut gefüllt. Während der Vorlesungszeit beanspruchen die Veranstaltungen etwa elf bis 14 mal 90 Minuten, zusammen mit den Pausen also etwa 25 Stunden pro Woche. Viele Kolleginnen und Kollegen sagen, dass man noch einmal das Gleiche selbst investieren müsse.  

Ich persönlich halte das nicht für realistisch, schon weil es mehr als eine normale Vollzeittätigkeit wäre. Vor der Examensvorbereitung halte ich übertriebenen Einsatz nicht für sinnvoll. Zum einen hat man dann noch Kraftreserven, wenn es in den Endspurt geht. Zum anderen zählen leider die Leistungen während des Studiums nicht wirklich – ein unerfreuliches Thema für sich. Und nicht alle Studierenden bekommen den erforderlichen Unterhalt oder sind frei von anderen Verpflichtungen, damit sie überhaupt so studieren könnten. Dann sollte man sich eventuell mit gutem Gewissen ein paar Semester mehr nehmen und nicht den Freischuss (über den sich einiges Kritische sagen ließe) um jeden Preis anstreben.

"Bulimie-Lernen" funktioniert nicht

Leider begehen viele Studierende den Fehler, erst wenige Wochen vor den Klausuren mit dem Lernen wirklich anzufangen. "Bulimie-Lernen" funktioniert spätestens im Examen nicht mehr. Die heute schon fast normale Examensvorbereitung über zwei Jahre ist nicht notwendig, wenn man kontinuierlich gut lernt. Und nebenbei würde der Stress vor allen Klausuren reduziert werden.

Langfristig kann man nicht mehr als etwa sechs Stunden am Tag lernen und freie Tage müssen auch sein, damit sich das Gehirn erholt. Deshalb habe ich in der Examensvorbereitung gar nicht erst versucht, mehr als fünf mal sechs Stunden pro Woche zu lernen, mich aber strikt an meinen selbst erstellten Lernplan (den ich auch gern mal erklären kann) gehalten. Ansonsten: Sport und andere Hobbys pflegen, Arbeiten gehen, Freunde und Familie treffen oder was sonst notwendig ist oder guttut. Das hilft auch dabei, halbwegs normal zu bleiben.

Die Zeit abzusitzen, beruhigt nur das Gewissen

Ein besonders wichtiger Aspekt ist, wie man seine Zeit nutzt. Was tut man, wenn zwischen zwei Veranstaltungen eine große Lücke liegt? Sollte man überhaupt alle besuchen? "Absitzen" mag das Gewissen beruhigen, bringt aber wenig, wenn man nichts lernt. Wieso fällt mir dabei ein, was ich gelegentlich bei meinem Gang durch die Reihen des Hörsaals auf den Bildschirmen der Studierenden sehe?

Hilfreich ist Ehrlichkeit hinsichtlich der quantitativ und qualitativ investierten Zeit. Ich habe mich schon im Studium über andere gewundert, die angeblich acht oder mehr Stunden in der Bibliothek waren und davon viel Zeit draußen Kaffee getrunken haben. Oder sie konnten nicht erklären, was sie "gelernt" hatten. Oder sie redeten während der Vorlesungen über nicht dazu passende Themen – das ist doch viel angenehmer in einer anderen Umgebung.

Je effizienter also die Zeit genutzt wird, desto weniger braucht man für das Studium. 

 

Kompass Karriere ist die wöchentliche Ratgeberkolumne von beck-aktuell. HEUTE IM RECHT für (angehende) Juristinnen und Juristen. Expertinnen und Experten beantworten Fragen zu Jurastudium, Referendariat, Berufseinstieg und Karriere im Recht, geben Orientierung im Paragrafendschungel und klare Tipps für kluge Entscheidungen auf dem Weg in den und im Beruf. Wenn auch Sie eine Frage zu einem dieser Themen haben, schicken Sie uns diese - gern auch anonym - an redaktion@beck-aktuell.de.

 

Die vorherige Kolumne finden Sie hier: Kompass Karriere #19: Wie er­ken­ne ich in der Pro­be­zeit, ob mein Ar­beit­ge­ber wirk­lich zu mir passt? (David Schwab)